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26.05.2020, Jamal Tuschick

Ute Mahler und Werner Mahler, seit vierzig Jahren ein Paar, sind zwei herausragende deutsche Fotografen, die zur DDR-Zeit zu den stilprägenden Fotografen des Ostens zählten und heute wie damals ihre humanistische Sicht auf die Welt in unterschiedlichen, intensiven Fotoprojekten realisiert haben. Die gemeinsame Werkschau der beiden Fotografen präsentiert vom 26. Januar bis 13. April 2020 neben den bekannten Werkserien aus deutsch-deutscher Geschichte exklusiv eine neue gemeinsame Arbeit beider Künstler. Die Spannweite der Ausstellung reicht von sozialkritischen Reportagen über Landschaftsaufnahmen bis zu sensiblen Porträts und Modefotografien. „Keine Situation schaffen, sondern die Situation erkennen und sie interpretieren“ ist das Credo der beiden Fotografen.

Die Klasse im Blick

1975 beobachtet Werner Mahler „Hauer unter Tage“ im Zwickauer „Steinkohlenwerk Martin Hoop“. Die Kumpel malochen nackt. Der Abbaubetrieb wirkt so intim wie ein Initiationsabend im engsten Stammeskreis.

Ein Vergnügen für die ganze Familie

1888 fotografiert Ute Mahler eine Erotik-Gala in der Chemnitzer Stadthalle. Das Gymnastische dominiert die Inszenierungen. Mahlers Schnappschüsse dokumentieren eine unverkrampfte Praxis. Frenetischer Gemeinsinn bestimmt das Geschehen und seine Bedeutung. Die Protagonist*innen erscheinen so, als würden sie stellvertretend handeln; als sei ihre Auswahl zufällig und ihre Aufgabe alltäglich. Ihre Schau ist als Vergnügen für die ganze Familie aufgezogen. Die Kinder kann das nicht verderben. Die Alten behalten ihr Recht auf den lüsternen Gloom.

1975 beobachtet Werner Mahler „Hauer unter Tage“ im Zwickauer „Steinkohlenwerk Martin Hoop“. Die Kumpel malochen nackt. Der Abbaubetrieb wirkt so intim wie ein Initiationsabend im engsten Stammeskreis.

Göttlich schamlos

Angetrieben von göttlicher Schamlosigkeit erlauben Ute und Lothar K. 1974 die Konservierung der Auftakthandlung ihrer Hochzeitsnacht. Die Schlafzimmerwände sind mit Westreklame patiniert. Die Überbelichtung des Unterbelichteten feiert seine Entbehrlichkeit. Nichts könnte blöder sein als Gesellschaftskritik in diesem Augenblick. Die Zeichen des kapitalistischen Konsums gewinnen in der Abwesenheit der angezeigten Dinge eine Bedeutung, in die nicht hineinregiert werden kann. Wir stellen uns vor, wie der flachgelegte Bräutigam in einem Himmel voller Werbung für Nylonstrümpfe astralisiert.

*

Regina und ich sehen die Retrospektive in der Kunsthalle Rostock. Es ist unsere erste Begegnung mit der Öffentlichkeit seit sieben Wochen. Es fiel mir schwer, die Quarantäne aufzugeben. Für den geborenen Einzelgänger fühlt sich der weichgewordene Corona-Modus nicht gut an. Überall sehe ich Leute gegen die Abstandsregeln verstoßen. Das stärkste Bild zeigt den Windbeutel Ibrahim Böhme* neben Willy Brandt.

*„Ibrahim Böhme (zwischenzeitlich Manfred Otto Böhme; * 18. November 1944 in Bad Dürrenberg; † 22. November 1999 in Neustrelitz) war ein deutscher Politiker (SDP bzw. SPD). Er wurde im Februar 1990 zum Vorsitzenden der SPD in der DDR gewählt und trat zum 1. April 1990 zurück, nachdem er als inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit enttarnt worden war.“ Wikipedia

Brandt verharnischt gegen die Zumutungen der Zeit. Wir sehen einen historischen Augenblick, der durchgestrichen wurde. Der Staatsmann trägt neben dem Gernegroß eine Gönnermiene zur Schau. Er schiebt die Wampe vor. Aus Verlegenheit spielt Brandt mit der Gewöhnlichkeit. Ein Zeuge der Szene reißt die Augen auf. Er sieht, was wir sehen. Da maßt sich jemand Bedeutung an.

Ein Arrangement an einem Tresen demaskiert den Hochstapler in einer Groteske. In einem Kreis volksgeselliger Gratulanten zeigt sich ein Tropf, den der Zufall hochgeworfen hat.

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