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27.05.2020, Jamal Tuschick

Pappbecherkameraden und andere Kokser

Irina Liebmann, „Große Hamburger Straße“ - Die Autorin malt Wimmelbilder des Lokalpatriotismus. Sie verteidigt ihre Titelheldin gegen die Agent*innen einer neuen Zeit.

Eingebetteter Medieninhalt

Sie ist die Tochter eines Geächteten. Anfang der Achtzigerjahre arbeitet Irina Liebmann im Berliner Verlag, ohne eine Ahnung, dass ihr Vater zu den Gründern des Hauses zählte. Rudolf Herrnstadt (1903 – 1966) verkörperte idealtypisch den kommunistischen Emigranten. Sein Name stand ursprünglich auf der Liste jener, die im Geleit und als Gefolge von Walter Ulbricht einen sozialistischen Staat auf deutschem Boden errichten sollten und das auch dringend wollten.

Sogar unter den Versierten und Bewährten ragt Herrnstadt heraus. Bei ihm gehen Kampf und Kader, Journalismus und Spionage Hand in Hand. Herrnstadt ist Korrespondent und ein Mann des sowjetischen Militär-Nachrichtendienst GRU. 1939 setzt er sich in die Sowjetunion ab und steigt da im politischen Management der Roten Armee auf. Ab 1943 hält er sich im Moskauer Hotel Lux, gleichermaßen „Menschenfalle“ und „Hauptquartier des Generalstabs der Weltrevolution“, zur Verfügung. Nach der Befreiung gerät Herrnstadt in die zweite Reihe. Man will den deutschen Antisemitismus nicht herausfordern, indem man den Sohn eines „Angehörigen des jüdischen Sektors der gehobenen Bourgeoisie“ (Wikipedia) exponiert. Er wirkt als Motor der publizistischen Infrastruktur. So setzt Herrnstadt auch das „Neue Deutschland“ in die Welt.

Irina Liebmann, „Große Hamburger Straße“, Roman, Schöffling & Co., 220 Seiten, 22,-

Alle kennen die Geschichte des großen Mannes, der 1953 alle Ämter verlor und als „Trotzkist“ aus der SED ausgeschlossen wurde. Der Tochter gegenüber schweigt man sich aus. Noch ist DDR.

Irina Liebmann beschreibt die Doppelbödigkeit der Verhältnisse. Die in Moskau Geborene sucht Anhaltspunkte für ihre Zugehörigkeit unter Genoss*innen.

Irina Liebmann beschreibt die Doppelbödigkeit der Verhältnisse. Die in Moskau Geborene sucht Anhaltspunkte für ihre Zugehörigkeit unter Genoss*innen. Es gibt katholische und protestantische Reviere der Wohlfahrt in der grandios kurzen Großen Hamburger Straße. Ein aufgelassener Friedhof war jüdisch. Die Autorin rutscht über das Detail, das indes super dokumentiert ist.

„Der alte, von 1672 bis 1827 genutzte jüdische Friedhof war der Begräbnisplatz der 50 Familien von Wiener Schutzjuden, die 1671 nach Berlin kamen und vor dem Spandauer Tor angesiedelt wurden. Damals, 1671, konstituierte sich nach langer Unterbrechung erneut eine jüdische Gemeinde in Berlin. Bei seiner Schließung hatte der Friedhof 2767 Grabstätten, darunter die Gräber von so bedeutenden Persönlichkeiten des Berliner Judentums wie Moses Mendelssohn (1729-1786), Veitel Heine Ephraim (1703-1775), dem Münz- und Silberkaufmann Daniel Itzig (1725-1799) und seinem Sohn Isaac Daniel Itzig (1750-1806), dem Arzt und Philosophen Marcus Herz (1747-1803) oder Jacob Herz Beer (1769-1825), dem Vater von Giacomo Meyerbeer.“

Quelle

Die Autor*innen der Jüdischen Gemeinde fokussieren eine, von Liebmann skizzierte Ideallinie: „Straße der Toleranz und des Todes“ könnte die Große Hamburger Straße genannt werden. Einträchtig beieinander liegen … die jüdischen Orte, das katholische St. Hedwigs-Hospital und der berühmte Friedhof der protestantischen Sophienkirche, wo die Karschin, Zelter und Ranke begraben sind. Wie durch ein Wunder blieb trotz der angeordneten Tilgung aller jüdischen Inschriften und Symbole über dem Portal des Hauses Große Hamburger Straße 27 die Inschrift Knabenschule der Jüdischen Gemeinde mit Skulpturenschmuck erhalten.“

Liebmann feiert einen Mangel an konfessioneller Bindung im Café. Man „schmäht die Wirklichkeit“ am Stammtisch, der einen Schreiner zum König hat.

Manne hält Hof im Café, das sich duckt im Schatten des Hackeschen. Die Bauern aus der Gegend von Berlin kamen zweimal die Woche in die Stadt und hielten Markt. Sie braucht Quartiere, Ställe und Remisen. Im Zuge der Industrialisierung proletarisierte die landwirtschaftliche Exklave.

Die Autorin distanziert sich von ihrer Erzählerin.

„Meine Erzählerin versteht die Wichtigkeit … einer wahren Geschichte.“

Sie stemmt die Schicht des Abgelebten auf. Ein Ort, den man für sonst was halten kann, und dann war das die Rösterei aus einer Zeit, als Rohkaffee angeliefert wurde. Wie durch einen Trichter rutscht das vertiefte Ortswissen ins Dritte Reich. Neben der Rösterei lag ein Paukboden. Die Verwahrräume für die Verbindungsmützen bewahrten sich in der Funktionslosigkeit.

Wir, die wir von hier sind – Szenen aus dem neuen Jahrtausend

„Menschen in Rudeln … in Gruppen … in Schwärmen … sie rufen, sie reden.“

Liebmann malt Wimmelbilder des Lokalpatriotismus. Sie verteidigt ihre Titelheldin gegen die Agent*innen der neuen Zeit.

„Baut euch selbst eine Straße wie diese, dort, wo ihr herkommt.“

Da könnt ihr dann euren Kaffee trinken, ihr „Turnschuhbesucher“ und Pappbecherkameraden.

Noch gibt es Bauzäune und Trümmergrundstücke in einer heißen Zone von Berlin. Überall wird kerlig hingepinkelt. Mit Koks und Gras gehen welche hausieren, zum Leidwesen der Eingesessenen.

Die elementare Zugehörigkeit verliert ihre Bedeutung.

Die Große Hamburger Straße ist eine Straße in der alten Mitte Berlins. Von dieser alten Mitte ist beinahe nichts mehr erhalten, denn abgerissen, begradigt und auch mal verschoben wurden die Häuser hier immer schon, zuletzt auch zerbombt, aber jedes Mal neu wieder aufgebaut. Die Große Hamburger Straße ist eine kurze Straße. Man ist schnell hindurchgegangen, oder auch nicht. Irina Liebmann ist es geschehen, dass sie in der Großen Hamburger Straße stecken geblieben ist. »Ins Loch gefallen für viele Jahre.« Warum kam sie dort nicht heraus?

Irina Liebmann, geboren in Moskau, lebt in Berlin. Seit 1975 freie Schriftstellerin, vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Berliner Literaturpreis (1998), Preis der Leipziger Buchmesse (2008) und dem Preis Von Autoren für Autoren des Lübecker Literaturtreffens (2015). Ihr Werk erscheint in Neuausgaben bei Schöffling & Co.