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28.05.2020, Jamal Tuschick

Andrea kennt nichts anderes als „ein Leben am Rand der Pleite“. So ist sie aufgewachsen. Sie macht so weiter, bis es nur noch trister werden kann.

Ambiente-Koller

Nach zig Ausflügen in die Grandiosität ist Andrea in der Selbstgenügsamkeit angekommen. Die als Künstlerin unspektakulär gescheiterte New Yorkerin bezieht 2003 ein „schäbiges Loft in einer miesen Ufergegend“. Das Beste an den häuslichen Verhältnissen ist die Aussicht auf das Empire State Building. Jeden Tag zeichnet Andrea den Prachtbau. Die Übung erfüllt mehrere Funktionen auf den Schienen der Kontemplation und vielleicht auch der Abbitte für vergangene Hybris. In einem erschöpfenden Kraftakt hievt Andrea ein Regal vom Sperrmüll in ihre Bude. Irgendwann ist die Aussicht zugemauert. Der Blick auf eine frische Hauswand wird dem, was sich Andrea leisten kann, eher gerecht. Sie arbeitet und hat Verabredungen. Die Kritik an ihrer Person nimmt zu; die Nonchalance erodiert. Eines Tages fliegt Andrea zur Hochzeit einer Frau nach Seattle, der sie sich eine Weile schicksalhaft verbunden fühlte. Indigo spiegelte als alleinstehende Happy-Hour-Trinkerin Andreas semi-fideles/semi-trostloses Programm, bis sie sich im Yoga-Flow neu erfand. Nun bringt Indigo ihr Leben in Seidentüchern unter Dach & Fach. Sie heiratet einen reichen Mann, der Wildblumen streuen und die Hippie-Ästhetik degoutant-nostalgisch kicken lässt. Indigo performt kongenial: „Ihr Kleid sieht aus, als hinge es in Fetzen.“ Der das Gelübde besiegelnde Ring ist natürlich „größer als alle Sterne“. Er wirkt wie ein Gütesiegel weiblicher Vorzüglichkeit. Lange vor der ersten Ehekrise wird man beim besten Paartherapeuten der Stadt vorstellig werden – Reine Prophylaxe wie zur Limitierung des Zahnsteins. Andrea wendet sich dem verträglichsten Mann in ihrer sozialen Reichweite zu. Warren stößt Andrea vor den Kopf. Er gibt ihr zu verstehen, dass er sie lächerlich findet. So grob wurde die Brüskierte noch nicht auf den Verlust ihrer Anziehungskraft hingewiesen. Es ist eine Bestätigung, keine neue Erfahrung. Darum kreist die Geschichte. Jeder Lebensentwurf hat zwar seine Verfallsdaten. Andrea scheint aber überhaupt keinen Entwurf mehr zu haben. Die Autorin bringt das mit den Flops zusammen, die vor Warren ihre Gelegenheiten hatten, Andrea gegenüber „toxisch“ zu werden. Einer will sie als „Steak“ und auch das findet sie hinnehmbar. Die reine Freude ist es nie. Doch manchmal könnte es schlechter laufen und für Andrea springt ein „Orgasmus in Moll“ heraus. Auch Andrea hat sich schon toxisch ausgewirkt und ihrem Bruder Schaden zugefügt. David unterscheidet manieriert zwischen seiner Welt und der Welt seiner Schwester. Der Unterschied erweist sich als nicht belastbar. Andrea bremst den Suff, bevor sie sich ganz und gar der Nüchternheit stellt.

Sie brachten Millionen zum Träumen - Joan Baez und Bob Dylan. Dylan war heroinsüchtig. Das sagte er in einem 1966 aufgezeichneten Interview, das Jahrzehnte als Verschlusssache gehandelt wurde. Der Vater der Romanheldin Andrea figurierte als Junkiemusiker in Dylans Dunstkreis. Bis zum Ende seiner Tage verbreitete er Dylan & Ich-Stories, die kaum angeberisch waren. Die Kunde aus dem Bauch des Weißen Wals überlagerte die Frage, warum der namenlose Insider nicht geschafft hatte, was dem Sagenhaften gelungen war. Liest man Attenbergs Roman mit dieser Vorgabe, erkennt man, dass sich alles um die Gründe aka Grundlosigkeit des Scheiterns dreht. Man kann den Roman selbstverständlich anders lesen und dann liefert das Scheitern nur ein Nebengeräusch.

„Alle Armaturen glänzen. ‚Es ist sehr teuer, hier zu wohnen, aber in dieser Stadt ist Wohnen überall sehr teuer‘“.

Eingebetteter Medieninhalt

Reichtum affiziert Andrea. Reichtum in Kombination mit Geschmack (Minimalismus) lässt sie durch Penthousedecken gehen. Ein Fetisch der in komfortabler Armut aufgewachsenen Romanheldin ist das Genre des New Yorker Luxusapartments. Man begehrt in der teuren Hülle wie in jedem Verschlag, soweit es die Leute betrifft. Der Witz dreht sich um den Ambiente-Koller. Andrea verwendet ihre Zeit und ihren Einfallsreichtum auf Arrangements über ihrer finanziellen Gewichtsklasse. Alleinstehende Nachbarn halten hingerissen her.

Jami Attenberg, „Nicht mein Ding“, Roman, aus dem Englischen von Barbara Christ, 224 Seiten, 22,-

Es gefällt Andrea, sich in exklusiver Umgebung der Selbstkritik auszusetzen, gern mit einer Hand auf ihrer „unteren Taille“; nach einem Glas aus reiner Höflichkeit. Die Möbel des Gastgebers passen zu seinen Lacklederslippers und zu einer kundigen Bemerkung, die Europa-Knowhow beweist.

Während Andrea in zig Lebenslagen Fünfe gerade sein lässt (sein lassen muss), besteht sie im Rausch der Dinge auf die erotisierte Wahrnehmung superber Ziselierungen, Glasgravuren und Fußböden.

Andreas Vater war eine vorzeigbare Village-Erscheinung. Er hatte im Dunstkreis von Bob Dylan geatmet und seiner künstlerischen Zweitklassigkeit einen kommerziellen Dreh Richtung TV-Seriengedudel gegeben. Süchtig war er aus seinem Traum erwacht. Mit einer Familiengründung als Junkie ohne regelmäßige Einkünfte startete er das nächste Desaster. Immerhin verfügte er über eine mietpreisgebundene Wohnung weit über der New Yorker Norm für gescheiterte Musiker mit Suchtproblemen. Diese Wohnung gewinnt eine Bedeutung im Roman, die sie in jeder anderen Stadt kaum so plausibel bekäme. Andrea verliert früh ihren Vater und wohnt im Weiteren mit einem Bruder und der mittellosen Mutter wie die Millionäre. Den Raumgenuss konterkariert ein leerer Kühlschrank.

Letztlich erwächst alles in Andreas Leben aus dieser Konstellation. Psychologie plus Sex hängen vom Wohnen ab. In dem mistigen Loch (Loft), das sich Andrea als selbst gescheiterte Künstlerin soeben leisten kann, hat sie den harmlosen Sex der tristen Zutraulichkeit. In den Lofts der anderen spekuliert sie auf ihr Düsentrieb-Arsenal.

Jami Attenberg, geboren 1971 in Illinois, studierte an der Johns Hopkins University in Baltimore und lebt in New Orleans. Sie hat Erzählungen und Romane veröffentlicht, die sich um das Glück und Unglück von Familien drehen. Die Middlesteins und Nicht mein Ding standen auf der New York Times-Bestsellerliste und wurden vielfach ausgezeichnet.

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