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29.05.2020, Jamal Tuschick

Bioenergetische Kehrtwende

Letzte Bemerkungen zu Christoph Ribbats Biografie „Die Atemlehrerin“

Ich mit siebzehn - Ich war ein Fotomodell im Themenpark der hausgemachten Esoterik. Ich hatte meine Muskeln vom Gewichtheben, aber Leute, die sich nicht anstrengen und trotzdem nicht nur fit, sondern gleich erleuchtet sein wollten, glaubten gern ...

Mit siebzehn war ich ein Fotomodell im Themenpark der hausgemachten Esoterik. Ich hatte meine Muskeln vom Gewichtheben, aber Leute, die sich nicht anstrengen und trotzdem nicht nur fit, sondern gleich erleuchtet sein wollten, glaubten gern, wenn der Supersportlehrer M., der mich als Meisterschüler inthronisiert hatte, behauptete, so wie ich könne jeder aussehen und ausstrahlen, wenn er nur seine Atemübungen nicht versäume. Auf den Minenfeldern der Erfüllung (Erleuchtung) atmeten wir mehr oder weniger autodidaktisch einem perfekten Leben entgegen. Auch M. hatte seine Überschüsse in einer handfesten Praxis erworben. Das verschleierte er. Stattdessen wob er die Legende, von einem nepalesischen Taiji-Experten initiiert worden zu sein. Vermutlich war ich der erste in meinem Kreis, der tatsächlich in die Nähe einer authentischen Quelle kam. Ein Südvietnamese aus dem Boatpeople-Kontext suchte und fand bei mir sportlich-spirituellen Anschluss. Ich war bereits als Zehnjähriger von meinem ersten Sport- und Kunstlehrer Holger auf den Krafttrip geschickt und gleichzeitig auf die Ausdauerschiene gesetzt worden. Holger hatte mir das Holzhackergenickbruchprogramm beigebracht, dessen fernöstlicher Ursprung keine Rolle mehr spielte. Dazu kamen Karate, Judo, Taekwondo und Gewichtheben. Der Vietnamese lehrte mich sein Familien-Gong-fu. Wäre er zuhause geblieben, hätte er die Techniken keinem Fremden gezeigt. Heute und schon lange erkenne ich die Einflüsse des White Crane und des Wing Chung.

Seht euch das Video an, wenn ihr den Witz der Bewegungen verstehen wollt. 

I move faster

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Die Personalisierung von Stilen entsprach (entspricht?) einer asiatischen Tradition. Seinem Wesen nach gehörte Wushu (als übergeordneter Begriff) in die Hausapotheke. Man praktizierte zur Verbesserung der Gesundheit. Was im Westen in der Fama vom Ultraorgasmus oder auch nur von der Hyperentspannung kulminierte, war in Asien schlicht die Langlebigkeit. Der Vietnamese riet zu Kuren außerhalb

der thermoneutralen Komfortzone

Wer lange fit bleiben will, sollte seinen Körper einem Ernährungsnotstand aussetzen. Doch das reicht nicht. Zur Aktivierung der Langlebigkeitsgene bedarf es weiterer Stimulationen.

Lass deinen Motor an, fordert auch Langlebigkeitsaktivist David A. Sinclair*. Indes reicht es nicht, bloß blasiert um den Block zu brausen. Bewegung in der Sauerstoffschuld ist der Schlüssel.

*Sinclair beschreibt Alterung als einen Mangel an Information. Der Pionier der Epigenetik sagt: „Wir leben heute viel länger als je zuvor. Aber nicht viel besser.“

Das wusste der alte Vietnamese. Er schöpfte aus einer anderen Idee von besser

Bewegung macht unsere Telomere lang. Wir müssen unsere Zellen im Überlebensmodus halten. Der Stress im Bereich der Mangelreaktion baut neue Blutgefäße für den Sauerstofftransport.

Bewegung – Hunger – und Aufenthalte außerhalb der thermoneutralen Komfortzone. Kälte ist der dritte Punkt, der uns lange im Beat hält. Der beschleunigte oder verlangsamte Puls hat „genetische Wurzeln, die in die Zeit des Überlebenskampfes von M.superstes zurückreichen“ (Sinclair).  

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In den 1970er Jahren überschwemmt die Esoterik das Bollwerk der bürgerlichen Reserve und fließt in den Mainstream. Es kommt zu einem Wettbewerb der „Geschäftsideen zur Selbstverbesserung“ da, wo sich die besten Geschäfte machen lassen. Christoph Ribbat fischt die Perlen aus den Schatullen aller möglichen, mitunter hundert Jahre alter Reformbewegungen, um jetzt nicht von mythischen Ursprüngen anzufangen. Statt findet „eine bioenergetisch rolfende Kehrtwende“ zum Nachteil des politischen Bewusstseins.

Christoph Ribbat, „Die Atemlehrerin. Wie Carola Spitz aus Berlin floh und die Achtsamkeit nach New York mitnahm“ Suhrkamp, 191 Seiten, 22,-

Es herrscht Goldgräberstimmung. Der Rausch erfasst mich im Verein mit einigen Schülerinnen. In der Goethepark-Gruppe bin ich die männliche Ausnahme. Wir stellen Yoga-Fibel-Figuren nach und fragen uns, was das mit uns macht. Auf Hollandfahrräder fahren wir zur Hessenschanze und suchen den Kontakt zur Erde im Einklang mit unserer Atmung. Ein Lehrer, der früher in der zweite Bundesliga Handball gespielt hat, dann aber auf den Kundalini-Trichter kam und sich autodidaktisch zum Guru ausgebildet hat, empfiehlt sich unverfroren als Taiji-Lehrer.

Es verfestigt sich der Eindruck: je bekloppter und tolldreister einer den spirituellen Vorturner gibt, desto größer ist die allgemeine Begeisterung. Madeleines Eltern waren in Poona; längst ist Poona in die Geläufigkeit eingegangen. Sie haben authentische Ashram-Erfahrungen. Als Sannyasin repräsentieren sie jene unerreichbare Meditationselite, die mit Bhagwan Shree Rajneesh auf vertrautem Fuß steht. Die besten Beweise für eine sagenhafte Nähe sind die schwierigen Namen, die sie von dem Weisen erhalten haben. Ihr offensiver Hedonismus ist neu und als Avantgardeposition noch nicht zugelassen. Obwohl Besitzlosigkeit als Ideal im Raum steht, dreht sich alles ums Geld. (Ihre Kritik am Westen ist keine Kapitalismuskritik mehr.) Diese Halberleuchteten produzieren in einer Etagenfabrik üblen Plastikscheiß. Sie befinden sich auf dem Weg vom „Sex zum kosmischen Bewusstsein“ aka Superconsciousness. Barfüßig treten sie im Supermarkt auf.

Wegen dem um sich greifenden Qigong und Reiki-Fieber wird die Frankfurter Schule geschlossen. Kritische Theorie war gestern.

Heute liest man Carlos Castaneda. Die Ethnologie mausert sich zur Modewissenschaft. Alle streben „mentale Gesundheit“ an. Die auf das Private zielenden Lösungsangebote boomen, während kollektive Ansätze vernachlässigt werden.

„Je höher das Ansehen der Achtsamkeit steigt, desto näher (rückt) der Kollaps der Gesellschaft“, diagnostiziert der Historiker Christopher Lasch.

Zurück zur Natur – Das Glasperlenspiel und die Gymnastik

Wir identifizieren den Wilhelminismus der Belle Époque mit einem überspannten Regime, dem Wirtschaftswunder der Gründerzeit sowie einer Vorliebe fürs Militärische, dem Marsch, der Parade. Vom Straßenkehrer bis zum Professor affizieren den Untertanen die Uniform und das klingende Spiel. Das ist das eine. Das andere ist das Glasperlenspiel. In seine Umgebung gehört die Naturheilanstalt Vegetabile Cooperative Monte Verità. Zwar hat Kaiser Wilhelm II. in der Schweiz nichts zu melden, aber die deutschen Reformer*innen bleibt auch am Lago Maggiore Bürger*innen des Reiches; zumal es in Brandenburg schon die Oranienburger Obstbau-Kolonie Eden gibt. Alles dreht sich um gesunde Lebensführung im Einklang mit der Natur und im Zentrum dieser (vermeintlich antiautoritären) sozialen Großbaustelle steht die Gymnastik.

Ästhetische Winke

In meiner Verwandtschaft gab/gibt es keine markante Persönlichkeit, die nicht auf dem Gymnastiktrip war. Meine Großmutter schlug noch im hohen Alter juchzend Räder. Mein fünfundachtzigjähriger Vater turnt jeden Morgen. … Sie kommen aus den unterschiedlichsten Winkeln des Lebens, überall bricht sich Differenz Bahn, doch jeder hat sein Übungsrepertoire, auf das er schwört.

Das deutsche Ding seit 1872 ist die Gymnastik. Es wurde von jeder politischen Strömung aufgenommen. Gleich welche Modellierung der Szenen Sie beobachten: Sie sehen stets das gleiche Bild und den gleichen Eros.

Carola Joseph wächst mit einer krankengymnastischen Praxis und im Geist der Reformbewegung auf. Man vermutet in jedem Körper „die reine Form“.

„Dieses Ideal gelte es zu finden. Carola und ihre Freundinnen (strecken) ihre Körper“ auf der Suche nach einer heimlichen, innerweltlich verborgenen Formel.

Das ist eine spirituelle Aufgabe. Über die „Herstellung einer guten Haltung“ reicht sie weit hinaus. Die Schülerinnen trimmen sich nach Anweisungen der amerikanischen Fitness-Ikone Bess M. Mensendieck. Ihre Vorlage heißt „Körperkultur des Weibes“. Schön finde ich den Untertitel „Ästhetische Winke“. Mensendiecken steigt vorübergehend zum Verb auf.

Carolas Familie ist gerade aus dem Berliner Scheunenviertel aufgestiegen. Der Vater garantiert als Getreidehändler die bürgerliche Spielart im „eleganten Wilmersdorf“. Das erlaubt der Tochter eine beinah spleenige Freiheit zwischen Wandervogel-Erlebnissen und Körperarbeit in der Regie von Frau Herrmann, eine dem Schematischen abholde, aufs Fühlen hinführende Lehrerin.

Solche Yoga-Derivate haben Konjunktur zu allen Zeiten. Obwohl die wenigsten zur Meditation und der bewussten Atmung genug Geduld mitbringen, bleiben solche Wellness-Spots attraktive Ziele. In Spezialturnerriegen sind sie das, was die Bahamas für den deutschen Touristen um 1920 sind. Kaum einer kommt dahin, aber viele halten den atlantischen Archipel für verlockend.

Carola geht nach Freiburg zum Studieren und verbessert sich in der Kunst der Leibesübungen nach dem auf Eurythmie und Anthroposophie basierenden, nicht athletischen Loheland-Konzept.

Carola tastet sich vor.