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29.05.2020, Jamal Tuschick

Stilvoll formlos

Letzte Bemerkungen zu Jami Attenbergs Roman „Nicht mein Ding“

Nach zig Ausflügen in die Grandiosität ist Andrea in der Selbstgenügsamkeit angekommen. Die als Künstlerin unspektakulär gescheiterte New Yorkerin bezieht 2003 ein „schäbiges Loft in einer miesen Ufergegend“. Das Beste an den häuslichen Verhältnissen ist die Aussicht auf das Empire State Building. Jeden Tag zeichnet Andrea den Prachtbau. Die Übung erfüllt mehrere Funktionen auf den Schienen der Kontemplation und vielleicht auch der Abbitte für vergangene Hybris. Ihre Erinnerungen umkreisen den Vater. Die vorzeigbare Village-Erscheinung hatte im Dunstkreis von Bob Dylan geatmet und seiner künstlerischen Zweitklassigkeit einen kommerziellen Dreh Richtung TV-Seriengedudel gegeben. Süchtig war er aus seinem Traum erwacht. Mit einer Familiengründung als Junkie ohne regelmäßige Einkünfte startete er das nächste Desaster. Immerhin verfügte er über eine mietpreisgebundene Wohnung weit über der New Yorker Norm für gescheiterte Musiker mit Suchtproblemen. Diese Wohnung gewinnt eine Bedeutung im Roman, die sie in jeder anderen Stadt kaum so plausibel bekäme. Andrea verliert früh ihren Vater und wohnt im Weiteren mit einem Bruder und der mittellosen Mutter wie die Millionäre. Den Raumgenuss konterkariert ein leerer Kühlschrank. Letztlich erwächst alles in Andreas Leben aus dieser Konstellation. Psychologie plus Sex hängen vom Wohnen ab. In dem mistigen Loch (Loft), das sich Andrea als selbst gescheiterte Künstlerin soeben leisten kann, hat sie den harmlosen Sex der tristen Zutraulichkeit. In den Lofts der anderen spekuliert sie auf ihr Düsentrieb-Arsenal.

„I didn’t know you had to learn to play. I didn’t know music was a style and that it had rules and stuff, I thought it was just sound. I thought you had to play to play, and I still think that.“ Ornette Coleman.

Eingebetteter Medieninhalt

„Dann ging er mit mir ins MoMA und zeigte mir das leibhaftige Pollock-Gemälde. Er sagte: ‚Unsere Welten überschneiden sich‘.“ Andrea über ihre Initiation. Erst spielt der Vater ihr Free Jazz A Collective Improvisation mit Jackson Pollocks White Light auf dem Albumcover vor, dann führt er die Tochter zum Schrein. Es hätte alles so gut sein können, aber der Ex-Musiker ist ein Junkie. Wie alle Süchtigen kann er für sich nicht garantieren. Das verkehrt die Verhältnisse. Das Kind sieht einen Mann und fragt sich in der allergröbsten Unschuld: Wie lange steht der noch.

*

Ende der Neunzehnhundertfünfzigerjahre spaltet Ornette Coleman die Gemeinde. Er teilt das Wasser und geht trockenen Fußes über den See. Coleman überschreitet Grenzen, und Andreas Vater, der jedes Instrument spielen kann, aber bald schon vom rauchenden Schicksal zum drogenkranken Restaurantkoch degradiert werden wird, geht fasziniert mit. Vermutlich kaufte er schon den 1959 erschienenen Meilenstein The Shape of Jazz to Come. Auf jeden Fall besitzt er auch noch Jahrzehnte später (das ist keine Selbstverständlichkeit bei einem Junkie) das (den Stil benennenden) Album Coleman Free Jazz A Collective Improvisation.

„Ich wusste nicht, dass man spielen lernen muss und dass es Regeln gibt. Ich dachte, Musik sei Sound.“ Ornette Coleman

„Einfach reinfließen lassen.“ Keith Kernspecht

Jami Attenberg, „Nicht mein Ding“, Roman, aus dem Englischen von Barbara Christ, 224 Seiten, 22,-

Der Junkie als Bohemien

Der Texaner Coleman unterhält sich in New York mit den Champs der anderen Chapter. Frank O‘Hara (auch er ein Mann der Stunde) bewundert ihn. Andreas Vater hat bestimmt auch ein paar Fans. Eine Frau nimmt ihn zum Mann. Eine mietpreisgebundene Wohnung, die sich sehen lassen kann, spricht für ihn. Lange nach seinem Tod rangiert im Resümee der Witwe die Wohnung an erster Stelle. Sie sei das Beste, was sie von ihrem Ehemann je erhalten habe.

Andreas Vater kommt mit der Sucht noch in den Achtzigern klar. Er hat seine Schichten und Fluchten. Eines Tages folgt Andrea dem Vater. Sie sieht, wie zufrieden er ohne die Familie am Bein ist. Er stromert durch seine Stadt. New York City gibt ihm den Takt vor. Der Beat gehört ihm.

Ich finde ihn rüstig. Der graduierte User entspricht viel mehr dem Style des ursprünglichen Smack-Do, einer geheimbündisch-verkommenen Parallelgesellschaft gestrandeter Seeleute und Veteranentypen, die sich in Automatencafés trafen und von jugendlichen Konsumenten nichts wissen wollten.

Beat kommt von Beaten

In diesem System war der Dealer ein Diener seiner Gemeinde und das Erschleichen, die Fälschung und der Diebstahl die Standarddelikte. William Burroughs beschreibt die überhaupt nicht glamouröse Absteigen-Unterwelt. Attenberg zeigt frappierend genau die Anschlüsse in der Studio-54-Ära. Sie entwirft eine Topografie des Junk in den Etappen der kreuz und quer durch New York verlaufenden Vergnügungsfronten. Die Steher mit der halbbürgerlichen Fassade treffen sich privat, um zu drücken. Das begreift dann auch Andrea. Sie verschafft sich Zugang zu einer Schießbude ihres Vaters, schon im Korridor hört sie Free Jazz von Coleman.

„Ich erkenne das Album, mein Vater hat mich nämlich geschult, was seine Lieblingsmusik betrifft.“

Attenberg ergänzt den Chronisten Burroughs mit ihrer Schilderung einer Wohnzimmer-Connection. Der Mann ist ein verkrachter Schauspieler, der als Synchronsprecher überlebt.