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30.05.2020, Jamal Tuschick

Mit Wörtern weitermachen oder Die Bullshiter auf der europäischen Empore

Die Erzählerin sieht fern, wie  Frauen, „die ihren Namen tragen“, eingefangen werden, um auf Sklavenmärkten verhökert zu werden.

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Im Oktober 2019 brachte die türkische Militäroffensive in Syrien das ausschließlich von Êzîden (Yesiden*) bewohnte, grenznahe Dorf Tel Khatoun in die Schlagzeilen. Der Weiler zwischen Tirbespî und Rmelan liefert Ronya Othmanns erstem, ab August im Handel erhältlichen Roman „Die Sommer“ den ersten Schauplatz. Seine Topografie bietet sich einem Erkundungsinteresse an. Leyla sortiert polierte Einzelheiten in der Gedächtnisvitrine. In Gedanken schreitet sie über Schotterwege und Graszungen. Sie passiert Oliven- und Orangenbäume sowie Nikotinpflanzen im Maschendrahtzaunrahmen des großelterlichen Besitzes.

Die Besprechung folgt im August - Nur schon mal so viel: Leyla muss aus deutscher Nahferne das Yesidische, Kurdische, Arabische begreifen und mit der basalen Erschöpfung und dem unerschöpflichen Laissez-faire des bauarbeitenden, ursprünglich bäurischen Vaters* in einen plausiblen Zusammenhang bringen. Auf der anderen Seite des Herkunftsäquators dominiert das Deutsche in den Schwarzwälder Spielarten einer kerzengeraden Mutter. Da dominieren die Gewissheiten im schwäbischen Anorak von nützlich & gesund. Die Mutter verlangt keine Dechiffrierungsanstrengungen, während die Verwandten in Tel Khatoun Leyla in ihren Sommerferien Rätsel aufgeben.

Aus der Gegend von Leylas Großvater kam der armenische Sänger Karapetê Xaço.

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Die Häuser sind aus gebranntem Lehm und heben sich kaum von der Landschaft ab. Sie bezeugen Gemeinsinn. (Auch) Migrationserfahrungen schlossen für den Vater das ursprüngliche Konzept der Abgeschlossenheit auf. Aus Kurdistan kam Silo nach Deutschland, aber um Fremde (nicht) zu verwirren, gibt er als erste Heimat Syrien an.

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Mit einer Vorzeichnung dieser Geschichte gewann Othmann bei den 43. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt den mit siebentausend Euro dotierten Publikumspreis. Die am Leipziger Literaturinstitut Studierende etablierte ein erzählendes Ich vor dem Fernseher, das 2014 „Frauen in den Kleidern ihrer (yesidischen) Großmutter, Tanten und Cousinen“ in oder in der Gegend von Şingal/Shingal im irakischen Kurdistan um ihr Leben rennen sieht. Sie sind auf der Flucht vor dem IS. Islamistische Milizen waren in das türkische Expeditionscorps inkorporiert, das 2019 Tel Khatoun angriff. Für die Yesiden war das Grauen gewiss grenzenlos, plötzlich die Schlächter und Menschenjäger von 2014 als Alliierte einer Operation wiederzusehen, die von einem Staat ausging, der im transatlantischen Verteidigungskontext satisfaktionsfähig erscheint.

Die Lesung

*„Die Yeziden sehen sich selbst als Angehörige der ältesten Religion der Welt. Sie glauben an einen Gott. Somit ist das Yezidentum eine monotheistische Religion. Die sieben Erzengel, die auch im Judentum, Christentum und im Islam erwähnt werden, folgen Gott. Die Yeziden beziehen sie in ihre täglichen Gebete ein. Ihr Oberhaupt ist Tausi Melek, der Engel Pfau, den Gott als seinen Vertreter mit der Aufsicht über die Erde beauftragte und der im Besonderen die Yeziden schützen soll.“ Quelle

Othmanns Erzählerin beschreibt die Selbstbeobachtung einer Spaltung als Folge der entfernten Teilhabe an einem Geschehen, dass sie so unmittelbar trifft wie ein Schlag. Sie sieht fern, wie Frauen, „die ihren Namen tragen“, eingefangen werden, um auf Sklavenmärkten verhökert zu werden. Zwar lokalisiert sie sich als Zeugin auf einer Couch in Deutschland, doch fehlt ihr die Erinnerung.

Ich weiß, dass ich da saß, aber ich erinnere mich nicht.

Sie prüft die Tragkraft der Wörter und kommt so an den Punkt, nicht nur alles Metaphorische in ihrer Beschreibung aufzugeben, sondern auch den juristischen Genausprech. Sie kehrt in der Sprachlosigkeit ein und macht doch mit Wörtern weiter.

Die Bullshiter* auf der europäischen Empore

„Die Sprachlosigkeit liegt noch unter der Sprache.“

„Ich habe keine Sprache, in der ich schreibe.“

Die Autorin reflektiert die Bedingungen ihrer Produktion.

Ich schalte Milo Rau/Bénédicte Savoy ein. Rau sagt hier

Wer heute noch glaubt, er liefe mit einem „rein weißen Ensemble“ nicht auf Grund, der gibt ein „AfD-Statement“ ab.

Ich höre versetzt Ronya Othmann und Rau/Savoy zu. Rau und Savoy äußern sich in den Berliner Korrespondenzen #5 digital: Die vielen Gesichter einer Krise.

*Bullshit – Rau verwendet das Wort im Zusammenhang mit irrelevanter Arbeit (Bullshit Jobs). Verrichtet von Online-Aktionären moribunder Ich-AGs.

„Die Theater sind zwar immer noch leer, die Flugzeuge aber schon wieder voll.“

So packt Rau das Überleben des Neoliberalismus in die Coronanussschale. Die Krise schneidet High & Low ab. Der Regisseur bezieht das aufs Theater, einer Seelenarchitektur des 19. Jahrhunderts, zu der alle so schnell wie möglich im Conservative‘s Train zurückfahren wollen. Aber natürlich betrifft das mehr Bereiche.

„Vielleicht müssen wir (nach der Pandemie) gar nicht zurück in die Räume aus dem 19. Jahrhundert.“

Die Bullshiter auf der europäischen Empore beugen ihr Knie vor der Krise mit Camus‘ „Pest“ in der Hand. Sie reagieren beflissen. Sie wissen, dass Seuchen den Warenströmen folgen und als Nebenerscheinung endemisch sind von jeher. Sie streben die Wiederherstellung der Normalität wie Ameisenautomaten an; angetrieben von einer Katastrophenmechanik aus der Ära der Pestpolizei.

„Es fällt nicht schwer, sich den Schock der Berliner vorzustellen, als plötzlich von allen Seiten die längst ins Reich des Aberglaubens verwiesenen Reiter der Apokalypse durch die prosperierende Stadt zogen. Die Pest war ausgerottet, aber die Cholera an ihre Stelle getreten. König Friedrich Wilhelm III. zog sich nach Charlottenburg zurück“, Hegel floh aufs Land. Man verspottete die Vorsicht. „Er hatte Recht gehabt …, aber es nützte ihm nichts mehr“, resümiert Karl Heinz Götze in seinem Aufsatz „Der absolute Geist, die Cholera und die Himmelfahrt des Philosophen. Hegels Tod und Bestattung (1831)“. Quelle

Zu den Autor*innen

Ronya Othmann wurde 1993 in München geboren und studiert am Literaturinstitut Leipzig. Sie erhielt unter anderem den MDR-Literaturpreis, den Caroline-Schlegel-Förderpreis für Essayistik, den Lyrik-Preis des Open Mike und den Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs, war 2018 in der Jury des Internationalen Filmfestivals in Duhok in der Autonomen Region Kurdistan, Irak, und schreibt für die taz gemeinsam mit Cemile Sahin die Kolumne „OrientExpress“ über Nahost-Politik.

„Bénédicte Savoy (* 22. Mai 1972 in Paris) ist eine französische Kunsthistorikerin. Sie ist Professorin für Kunstgeschichte der Moderne an der Technischen Universität Berlin sowie Professorin für die Kulturgeschichte des europäischen Kunsterbes des 18. bis 20. Jahrhunderts am Collège de France. Als Expertin für „Translokationen“ von Kunstwerken (einschließlich Kunstraub und Beutekunst) erarbeitete sie 2018 gemeinsam mit Felwine Sarr einen Bericht über die Restitution afrikanischer Kulturgüter für den französischen Staatspräsidenten.“ Wikipedia

„Milo Rau (* 25. Januar 1977 in Bern) ist ein Schweizer Regisseur, Theaterautor, Essayist und Wissenschaftler.“ Wikipedia