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31.05.2020, Jamal Tuschick

Der Pandemie einen Sinn geben

Der Seuchen Schönheit gipfelt in Motiven von Boccaccio und Botticelli. Wir müssen einen anderen Blick auf die Pandemie üben. Sonst wird der Krisenmehrwert zur Beute der üblichen Verdächtigen.

Wie schön finde ich es, den Strand von Ahrenshoop für mich allein beinah gehabt zu haben.

Stress in der Irrelevanz

Eingebetteter Medieninhalt

Paolo Giordano rät uns, „der Pandemie einen Sinn zu geben“. Der Neurobiologe Martin Korte empfiehlt die Etablierung neuer Routinen. Jan Philipp Reemtsma bemerkt die Dysfunktionalität alter Routinen. Geert Mak sieht uns getroffen. Wer sind wir? Sind wir die Bullshiter*innen auf der nordeuropäischen Empore - In ihrer Irrelevanz Begünstigte des Schicksals Geografie? Milo Rau sieht Chancen: Ein Paradigmenwechsel könne dazu führen, dass alte Gespenster ihre Spielberechtigung verlieren.  

„Vielleicht müssen wir (nach der Pandemie) gar nicht zurück in die Räume aus dem 19. Jahrhundert.“ (Milo Rau)

Social Distancing bringt familiäre Nähe. Zeit für die Kinder und zum Nachdenken entdeckt Bas Kast in seiner persönlichen Krisenschatztruhe. Corona verhilft zu einer Idee von kanadischer Eigentlichkeit. Man tritt vor das Blockhaus und ein Memorandum der Seligkeit entblättert sich. Was könnte noch absurder sein als Stress in der Irrelevanz. Ich feiere meinen alten Stiefel, der sich in den Zeiten von Corona bestens bewährt. Kontaktreduktiv (das ist auch nur ein anderes Wort für die Fähigkeit, konzentriert zu bleiben) von jeher kommen mir Abstandsgebote entgegen. Die Krise nobilitiert meine Zurückhaltung. Wie schön finde ich es, den Strand von Ahrenshoop für mich allein beinah gehabt zu haben. Jetzt gucke ich wieder vom TV-Balkon auf Berlin. 

Das ist meine Perspektive. Wie aus tausend Augen schaut mich die hölzerne Leere der auf Facebook gestreamten Theaterhöhlen an. Übertragungen aus nutzlosen Sälen bieten sich als Déjà-vus von Traumszenen an. Alles erschöpft sich in den Prozessen der Herstellung. Bühnen sind Knotenpunkte. Die alleinherrschenden Moderatorinnen wirken wie Drohnenmajorinnen, während die vom Autoaktionsmodus deklassierten Koryphäen in ihren Heimbüros abgehalftert erscheinen.

Dem Satz bastle ich gleich eine Umgebung:  

Bénédicte Savoy bezeichnet Universitäten (und so auch Theater) als eminent weiße Feudalhöfe.