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01.06.2020, Jamal Tuschick

Auf der Sorgenschaukel

Cornelia Chatzis, geborene Geiger, Physiotherapeutin mit adipösem Sohn und pubertierender Tochter, verreist zum ersten Mal allein. Im Flugzeug denkt sie über die Wandertaube nach. Nie gab es mehr Wandertauben als kurz vor ihrem Aussterben im späten 19. Jahrhundert. Der größte nachweislich gesichtete Schwarm soll 3,5 Milliarden Individuen zusammengeschlossen haben. Er wurde 1866 über Ontario gesichtet. Die Exkrementenabwürfe überdüngten Wälder.

Den Dutt der Pietistinnen nennen Stuttgarter Debütantinnen mit aller gebotenen Frömmigkeit „Hallelujazwiebel“. Sie folgen den kirchlichen Ausschilderungen in solide Ehen, erhöht von der Aussicht auf Mutterschaft. Für Elisabeth Geiger ergibt sich das Programm als Rückschau. Sie hat gegeben, was sie hatte. Sie war säende Saat. Jetzt erntet sie den zweiten Schnitt. Sie kümmert sich um Bruno, den Sohn ihrer Lieblingstochter Cornelia, für die einst Milch im Überfluss aus ihrer Brust kam. Anna Katharina Hahn erzählt das so biblisch, und ich als Nachfahre schwäbisch-badischer Pietisten falle ein. Ja, so waren sie, die Hagestolzen mit den Hallelujazwiebeln und einer hippie‘sken Vorliebe für die CV-Ente und den Renault 4. Hahn bringt das ganz vorn und vollkommen zu Recht als ein selten beachtetes, gleichwohl merkwürdiges Detail. Nonnen in Schwesterndiensten teilten unter sich das Jammertal der Wohlfahrt auf. Im Unterschied zu vielen weltlichen waren geistliche Frauen regelmäßig berufstätig und nicht wenige kamen im Landkreis herum. Mit ihren kleinen Franzosen protestierten sie ein bisschen gegen das Daimler-Regime; obwohl auch sie keine Männer gelten ließen, die nicht genug schafften, dass es für die gehobene Mittelklasse reichte. Sie wurden alt und blieben oft hager. Ihr Humor war manchmal so, dass einem das Lachen im Hals stecken blieb. Der Humor war trotzdem nicht herb. Herb waren die Armen. Die Nonnen sowie die ledigen Laien waren nicht arm. Man hatte was an den Füßen und noch einen Weinberg dazu. Der Materialismus wob seine Farbe in die Religion.

Anna Katharina Hahn, „Aus und davon“, Roman, Suhrkamp, 308 Seiten, 24,-

Cornelia Chatzis, geborene Geiger, Physiotherapeutin mit adipösem Sohn und pubertierender Tochter, verreist zum ersten Mal allein. Im Flugzeug denkt sie über die Wandertaube nach. Nie gab es mehr Wandertauben als kurz vor ihrem Aussterben im späten 19. Jahrhundert. Der größte nachweislich gesichtete Schwarm soll 3,5 Milliarden Individuen zusammengeschlossen haben. Er wurde 1866 über Ontario gesichtet. Die Exkrementenabwürfe überdüngten Wälder.

„Die Wandertaube (wurde) Ende des 19. Jahrhunderts in Freiheit ausgerottet und (gilt) seit dem frühen 20. Jahrhundert, mit dem Tod des letzten in Gefangenschaft gehaltenen Tiers, als ausgestorben.“ Wikipedia

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Perspektivwechsel: Papas Apoplex

Jetzt lebt er wieder in Parga. Dimitrios Chatzis, Physiotherapeut mit Shiatsu-Ausbildung, entging einer Stuttgarter Alltagshölle - man macht ohne ihn weiter „wie die Hartzer mit Ratten im Garten“ - an die griechische Westküste des Ionischen Meers. Die Mutter seiner beiden Kinder Stella und Bruno, trägt ihm nichts nach. Süffisant registriert Cornelia aus der Ferne eine Rückkehr zur Gelassenheit beim Ex. Die Geschiedene ist frei vom Eifer der Verlassenen. Mit fünfundvierzig erlebt sie sich zum ersten Mal an der Verantwortungsspitze in ihrer kleinen Welt. Gleichzeitig entzieht auch sie sich, wenn auch mit supervisionärer Über- und Umsicht. Den Vater weiß Cornelia nach einem Schlaganfall gut versorgt in der Reha-Klinik. Die Mutter verdient sich ihre Müdigkeit mit der Versorgung der Enkel.

Zum ersten Mal reist Cornelia allein und dann gleich bis nach Amerika. Über dem Atlantik bedenkt sie das Schicksal der Wandertaube, die einst in Schwärmen vorkam, die den Himmel verdunkelten und Scheiße regnen ließen. Der Reisetag lässt sich feststellen. Anna Katharina Hahn datiert ihn indirekt mit dem Hinweis auf ein Ereignis vom 17. Juni 2017. CNN meldet den Tod eines ehemaligen Bundeskanzlers. Cornelia empfindet Stolz, weil Kohl im Nachruf hochlebt. Vergessen scheint in der internationalen Arena, dass er weit über zwanzig Jahre lang in der Schieflage einer vom Sockel gekippten Figur existierte. Die Zeit seiner Ohnmacht währte viel länger als die ewige Kanzlerschaft. 

Die Panik der Großmutter

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„Elisabeth rennt die Ostendstraße entlang und rempelt eine junge Frau an, ohne ihr Schimpfen zu beachten. Während sie vorwärts hastet, mustert sie scharf jeden Passanten. Jedes Kind, auf der Suche nach einem blauen T-Shirt und einer orangefarbenen Schirmmütze. Manchmal hüpft ihr Herz. Erleichterung will sich in ihrem Brustkorb ausbreiten, aber die Enttäuschung kommt binnen Sekunden, wenn sie erkennen muss, dass sie sich geirrt hat. Dann weint sie. Die Schluchzer unterbrechen ihren Lauf nicht, sie eilt weiter, es geht bergauf, sie keucht.“

Der von seiner Alterskohorte vehement verachtete Bruno ist der einst so flott-reservierten Reisekauffrau in ihrer Rolle als großmütterliche Versorgungsinstanz und Aufsichtsperson abhandengekommen. Elisabeth arrondiert das Straßengeschehen beinah schon in Flammen stehend. Sie antizipiert die Entrüstung ihrer ahnungslosen Tochter als atlantischen Sturm. Die Panik reißt den Ereignishorizont auf, während Bruno auf einem bewährten Kurs der Vermeidung allen möglichen Schikanen entgeht, die so selbstverständlich zu seinem Leben gehören, dass er sie frei von Larmoyanz umschifft beziehungsweise mit dem geringsten Prellwert erleidet.

Das korpulente Kind steckt so tief in einer beinah schon intersektionalen Falle, dass es vom Ramsch der Gewohnheit abgedeckt wird. Ich sehe mich neben Bruno in einer Gehwegschadensdelle liegen. Die Waschbetonscharte bietet sich als Trostschrunde an. Die Mutter des Geächteten sieht sich in New York um. Ihre Großmutter Trudele hatte sich die biografische Extravaganz einer amerikanischen Dienstmädchenepisode geleistet. Als Heimgekehrte mixte sie weltläufig das erdschwarz-evangelische Schwäbisch ihrer Herkunft mit neuweltlich-markigen Wendungen und bot so Cornelias Mutter Elisabeth eine Spielraumerweiterung im Rahmen des Üblichen.

Die Laufbahn der Ahne liefert einen Erzählstrang. Trudele expandierte in Meadville, Pennsylvania, bei einer bereits in den 1920er Jahren Kraftfahrzeuge führenden Tante Gracy. In einem deutschen Bierhaus schrie das Heimweh nach Fleischbergen.