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01.06.2020, Jamal Tuschick

Antifa in der Dritten Generation

Sabelle zischte um die Ecken. Nie verlor sie sich im Verständnis. Sie überwischte alles mit dem Feudel ihrer guten Laune. Manchmal stellte sie den Anrufbeantworter laut, so dass die Schwüre von Verehrern für Heiterkeit sorgten, bevor Bruce wieder alle überbrummte.

Hoboken am Hudson

Eingebetteter Medieninhalt

Sie war Antifa in der dritten Generation und hieß Decampbelle. Das war ihr Taufname. Er klang wie ein ursprünglich französischer Familienname, mutiert und zusammengeschrumpft in dem zuerst niederländischen und dann angelsächsischen Sprachraum von Hoboken am Hudson, in dem erstaunlich wenig Leute Smith oder Miller heißen. Die Aussprache verriet wenig von der schriftlichen Abbildung. Decampbelle fand, ihrem Namen gehöre der malerische Klang von De-sa-belle. Vielen erschien es naheliegend, die phonetische Politur bis zu Sa-belle hoch zu jazzen. Sie flogen auf Sabelle wie Fliegen auf Leim. Keiner, von dem ich weiß, entbehrte den freien Willen im Gefängnis der Faszination.

Sabelle sah zwar aus wie Anna Karina als Veronika Dreyer in Jean-Luc Godards Liebeserklärung Der kleine Soldat. Doch fehlte ihr die unirdische Schönheit der Dänin, die als Hanne Karin Blarke Bayer in der Gegend von Aarhus aufgewachsen war.

Sabelle leitete ein Kulturzentrum, in dem wenig stattfand. Ab und zu wurde ein Film gezeigt. Es gab Lesungen und Konzerte. Man glitt über die Jeder-darf-mal-Schiene. Es ging, glaube ich, nur um die Räume, die zwei, drei Cliquen Schauplätze unbequemer Zusammenkünfte boten. Im Großen und Ganzen herrschte eine Atmosphäre wie in Bruce Springsteens Streets of Philadelphia-Video.

Eine phobische Dimension bestimmte die dominanten Verhaltenskurse. Ich beobachtete notdürftig abgedeckte Verstörung und eine Neigung zu verschwörungstheoretischen Erklärungen. Die Stammgäste führten sich wie Studenten auf, obwohl die meisten über dreißig waren. Sie ließen gern die Beine baumeln oder saßen wie die Schneider da. Sie nutzten Flächen, die noch den ersten Zweck eines umgenutzten Industriebaus verrieten. Sie verhielten sich wie halbwüchsige Kiffer, die in kleinen Schwärmen hierhin und dorthin ziehen und sich ständig ihrer Zugehörigkeit vergewissern.

Unter diesen anspruchslos der Langeweile Ergebenen war ein Inder, den die Leute Osho nannten. Vielleicht hieß er auch so. Ich glaube es nicht. Osho verdiente sein Brot in einem Geschäft für Anglerbedarf. Oft wirkte er so unbeteiligt wie einverstanden, aber manchmal zeigte sich der Druck, unter dem er stand. Seine Vorfahren waren einfach wirtschaftende Bauern gewesen, so sagte er es selbst. Der barrierefreie und klassenübergreifende Sex in Amerika machte ihn fertig. Ihm war, als würde sich die Freiheitsstatue mitunter zu ihm herunterbeugen, um dann als Jackie O. hautnah und handfest weiterzumachen.

Sabelle fand Osho problematisch in seiner Mischung aus unterwürfig und anmaßend. Zu dem Programm gehörten eine überbordende Hilfsbereitschaft im Wechsel mit Hilflosigkeit, Verschlossenheit im Wechsel mit Offenbarungsdruck und schließlich eine überfallartige Vorgehensweise, die so unangebracht war, dass man Osho dafür meistens nicht haftbar machen wollte.

Wie viele Grenzgänger zwischen Wahnsinn und Unvernunft wähnte er sich im Besitz einer finsteren Wahrheit, die Normalsterblichen unbegreiflich bleiben musste.

„Osho ist so witzlos“, klagte Sabelle.

Sie hatte ein basisdemokratisches Verhältnis zu ihren Vorzügen und konnte sehr erfrischend sein.

„Selbst, wenn es stimmen sollte, dass uns Mächte ohne Legitimation steuern, möchte man das doch nicht von Osho erfahren.“

Sabelle bedauerte offenbar, dass ich es nicht nötig fand, ihr einen Bären aufzubinden. Sie portionierte einen gedeckten Apfelkuchen, während eine Helferin die Kaffeemaschine in Betrieb hielt. Wir hatten schon alles gesagt, was man sich beiläufig sagen kann, ohne ein besonderes Interesse anzumelden. Nach ihrer täglichen Wing-Chun-Doppelstunde war Sabelle so unverwüstlich und stoisch wie ein Ochse vor dem Karren. Ich tickte genauso. Wir waren auf einer Wellenlänge. Ich bekam mein Stück Kuchen, den Kaffee. Auf einen Zettel schrieb ich:

Godard avant Karina

Sabelle ging über ihre Barrieren und nahm den Zettel despotisch an sich. Ich sah dann, wie sie ihr Telefon konsultierte. Zweifellos begriff sie die Anspielung und suchte nach einer Übersetzung von avant.

Auch die Kollegin glich einer Diva vergangener Tage aufs Haar. Ich rede von Danielle Darrieux. Da ich den Namen der zweiten Kraft am Tresen nicht (mehr?) weiß, nenne ich sie Danielle. Sie werden mir nicht widersprechen, sollte ich die Situation als surreal bezeichnen. In einem Krähwinkel von Hoboken strapazieren ein halbes Hundert Altjugendlicher den Kulturbegriff mit einer Einrichtung, die man am besten als Asyl anspricht. In Gang gehalten wird der Laden von einer ultraelastischen, durch ihre Schichten federnde Anna Karina, die wiederum eine Danielle Darrieux zu ihrer Unterstützung auf Trab hält.

Ich leugne doch gar nicht, was zu leugnen ohnehin zwecklos wäre. Übermächtig war bald das Verlangen nach einem Schauspiel, das den letzten Heulern von Hoboken geboten wurde. Ich dachte, wüssten die Bürger dieser Stadt, was es in der Church Of England zu sehen gibt, ihre Gewohnheiten verlören jede Garantie auf Bestand.

Church of England geht natürlich zu weit. So hieß Sabelles Bühne nicht. Man hatte die Initialen von Christian Olof Evander übernommen – COE. Council Of Europe wäre eine adäquat unpassende Alternative gewesen. Evander war ein Gründervater im späten 19. Jahrhundert gewesen. Er hatte die Metalle verarbeitende Fabrik errichten lassen, in deren Mauern nun auf abstoßende Weise Kultur simuliert wurde.

Die ständigen Nutzer vermissten nichts. Sabelle zischte in ihrem Endorphine-Dauerrausch um die Ecken. Nie verlor sie sich im Verständnis. Sie überwischte alles mit dem Feudel ihrer guten Laune. Manchmal stellte sie den Anrufbeantworter laut, so dass die Schwüre von Verehrern für Heiterkeit sorgten, bevor Bruce weiterbrummte. 

Ich versäumte zu sagen, dass Sabelles Ähnlichkeit mit Anna Karina mir zuerst auffiel. Vor mir hatte man das in Hoboken nicht gewusst. Ich arbeitete mit Anspielungen. Ich kombinierte Allusion mit Theatralik. Seufzer, Augenaufschläge, Fingerzeige: das alles übertrug ich in Zeichen, die mir elegant genug erschienen, um mich zu schmücken und Sabelle zu informieren.

Wie genau ich die Punkte traf, bewies mir die Veranstalterin, in Berlin wäre sie als Kuratorin aufgetreten, indem sie ein alkoholfreies Mischgetränk Hans Lucas taufte. So hatte sich Godard als Kritiker genannt, und ich war nicht so weit gegangen, die verstaubte Referenz in die Runde zu werfen.

Sabelle hatte nachgeguckt und sich das Verhältnis zwischen Karina und Godard erschlossen. Sie war mir hinterher gestiegen. So groß war das Interesse.

Sie hätte sich gegen meine Zuschreibungen verwahren und die Ähnlichkeit abstreiten müssen. Vermutlich gibt es gar keine Ähnlichkeit, die hervorzuheben Gewinn bringt. Meine Behauptungen waren hohl. Sabelle glaubte aber lieber, ich könne ihr etwas sagen, dass ihre Selbstwahrnehmung verbessern würde.