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02.06.2020, Jamal Tuschick

Gleichzeitig puritanisch und hedonistisch

James Bonds anhaltende Wirkung erklärt sich mit seiner Funktion als Trostfigur. Bond ist der britische Rambo. So wie der Vietnamkrieg im amerikanischen Kino transformiert wurde, so verwandelte Bond-Schöpfer Ian Fleming den Verlust der britischen Kolonien in einen Kultursieg. Deshalb ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass sich die englische Königin gemeinsam mit einem Bond-Darsteller 2012 bei einer imperialen Geschichtsshow gut gepaart wähnte. Matthew Parker bringt das Detail in seiner Fleming-Biografie „Goldeneye“, die zu ausufernden Erörterungen Anlass gibt.

MasMasutatsu Ōyama, Gründer des Kyokushin Karate, promovierte den ersten James Bond Sean Connery zum Danträger. Die Kampfszenenchoreografie der authentischen Phase sind aber aufsässig kunstlos. Man verzichtete auf Kurosawa-Stunts, während überall aus der Welt die Karateschulen wie Pilze aus dem Boden schossen. Die erste nicht-japanische Karate-Generation war schon im Modus, als Sean Connery seine Gegner noch wie Räuber Hotzenplotz mit Plauzen-Techniken anging. Interessanterweise funktionierte das noch lange. Denken Sie an Bud Spencer, einem Ultra der Prä-Boomer-Korpulenz-Performance.

Eingebetteter Medieninhalt

Der Zweite Weltkrieg rettet ihn vor einer unheilbar verkrachten Existenz. Der als Schwerenöter so berühmte wie verrufene Ian Fleming ist beinah überall im bürgerlichen Feld gescheitert, auf jeden Fall auch als Kadett, Anwärter im Auswärtigen Dienst sowie als Börsenmakler. Er kommt bei der Marineaufklärung unter. Jahrzehnte später wird Fleming das Phänomen in „Man lebt nur zweimal“ auf den Punkt bringen. Er rechnet sich zu den vielen Neurotikern, deren Not mit dem zivilen Dasein endete.

„Der Krieg hätte für mich nicht interessanter verlaufen können.“

Matthew Parker, „Goldeneye - Ian Fleming und Jamaika. Wo James Bond zur Welt kam“, aus dem Englischen von Felix Mayer, Septime, 504 Seiten, 26,-

Der erste James Bond-Roman erscheint im Jahr der Krönung Ihrer Majestät der Königin von England 1953. „Casino Royale“ zeigt vor allem, dass James Bond von seinem Schöpfer nicht als unschlagbarer Hulk angelegt wurde. Bond zweifelt an seinen Fähigkeiten. Er beweist zwar selbstentleibende Einsatzbereitschaft, stößt aber immer wieder an seine Grenzen, ohne indes einer post-heroischen Sichtweise Vorschub zu leisten.

Bond steht in einer Tradition epochemachender Sportsmänner. Er ist eine Säule der Kameraderie aus dem englisch-sadistischen Internatswesen. Kunst und Kultur gehören für ihn zum gesellschaftlichen Anstrich. Diese Größen garantieren etwas Substanzielles außerhalb seiner sozialen Reichweite.

Bond rechnet sich zu den bewahrenden Kräften. Seine Loyalität ist keimfrei und grenzenlos. Sie hat allerdings kein Milieu. Man kann sich Bond schwerlich in einer Gesellschaft rückwärtsgewandter Monarchisten vorstellen. Der Agent streift das Klubgeschehen auf seinen Wegen in die Karibik.

Die Konservativen haben die besseren Schneider, das wäre ein Argument, sofern Bond auf Argumente angewiesen wäre. Aber Bond braucht nur eine Mission. Ihn interessiert allein die Praxis. Die Praxis erschöpft sich im Identifizieren, Aufspüren und Ausschalten des von Haus aus übermächtigen und skrupellosen Feindes. Das vollzieht sich nicht vom ersten Abenteuer an so stilvoll wie es später der Ikonografie eingeschrieben wurde. Zunächst erscheint Bond eher wie ein Camper auf der freien Wildbahn, der, wenn er in der Stadt zu tun hat, die Form achselzuckend wahrend, einen Anzug trägt. Er könnte als Modell für Freizeitkleidung durchgehen.

Ian Fleming verpasste seinem Geschöpf das eigene Repertoire. Dazu zählte eine Reihe von Abneigungen, die ein nachlässig erzogenes Kind der Oberschicht stereotyp aus unverdauten Widersprüchen bezog. Das Elternhaus war so puritanisch wie hedonistisch. Ian Fleming musste, wie sein begabterer und beliebterer Bruder Peter, die Internatsochsentour absolvieren. Er reagierte idiosynkratisch auf Zwang und bewahrte sich vor Drill. Seine Leidenschaften verbanden ihn mit Frauen, die Sex wollten und ihn als grandiosen Liebhaber kategorisierten. Die Bond-Romane verbreiten das Konzept, das schon deshalb nicht aus einer Obsession kommt, weil es auf allen Strecken nur Erfüllung gibt. Weder Fleming noch Bond verführen über ihre Verhältnisse. Sie beherrschen das Genre und behalten die Übersicht.

Viele Liebhaberinnen bleiben Fleming über die aktive Phase hinaus gewogen. Seine/ihre Promiskuität wird für sie nicht zum Problem. Sie schätzen den Verflossenen weiter. (Die Verflossenen schätzen sich weiter.) Diese Besonderheit weist auch Bond auf. Vielleicht kann man eine so atypische biografische Marke nur in der Übertreibung absetzen. Insofern könnte Bond Fleming als Vehikel einer kuriosen Wahrheit gedient haben.

There Ain‘t No Black in the Union Jack 

Jamaika lernt Fleming im Krieg kennen. Er verliebt sich sofort in die Insel und nutzt die erste Gelegenheit, um sich refugial zu etablieren. Sein Biograf beschreibt Jamaika in den 1940er Jahren als Zufluchtsort britischer Exzentriker. Manche betrachten sich als Erben kolonialherrlicher Plantagenbarone. Es ist nicht davon auszugehen, dass auf der Insel ein kolonialkritischer Diskurs der Gerechtigkeit Geltung verschafft. Man findet auch in den Bond-Romanen nichts aus dem Fundus des Dekolonialismus. Schwarze erscheinen vor allem in dienenden Funktionen.  

James Bond als Trostfigur

Er ist einer von denen, die in den Tropen einen Schlag abbekommen haben. Der Typus taucht bei William Somerset Maugham auf, bei Joseph Conrad, Graham Greene und Georges Simenon. Die Autoren waren Zeugen eines epochalen Abschieds. Ihre Werke konservieren die Safari Lodge im Abendglanz.

Der Abschied begann faustisch mit dem Anfang.

„Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles was entsteht; Ist wert, dass es zugrunde geht; Drum besser wärs wenn nichts entstünde. So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt, mein eigentliches Element.“

Die europäischen Mutterländer wirkten wie kleine Räuber, die ihre afrikanisch-asiatisch-australisch-amerikanische Beute quer im Maul davonschleppten. Sie verhoben sich zu ihrem Vorteil. Nimmt man die Vorzeichnungen und Nachspiele dazu, dann währte das angelsächsische Ausbeutungsfestival rund zweihundert Jahre in einer das Empire definierenden Weise.

Man wundert sich, dass Parker sich darüber wundert, dass die englische Königin 2012 in einer Kolossalrevue gemeinsam mit James Bond in der Gestalt eines Darstellers auftritt. Dabei liegt nichts näher. Seit der Blutsäufertochter Elisabeth I.* baute das Empire auf Bond in all seinen Erscheinungen.

Um die sklavenhaltergesellschaftliche Ordnung in Gang zu halten, produzierte man in den Internaten des Mutterlandes Führungspersonal wie am Fließband. Jedwedes koloniale Chapter brauchte einen hellen Kopf. Ein höchst prosaischer Charakter gab wenigstens zwei Jahrhunderten seine Konturen. Sein Wesen & Ideal formulierten ästhetische Leitlinien; eine seelische Topografie; eine Ikonografie. Das 19. Jahrhundert lässt sich komplett als britischer Kolonialroman lesen und zwar mit einem stereotypen Figurenkranz. Die Malaria spielt ihre Rolle so wie der vom Glauben abgefallene Priester, der Päderast in seinem Paradies und der morphiumsüchtige Arzt.

Die Kolonien waren Darkrooms europäischer Perversionen. Jede gesellschaftliche Anstrengung verknüpfte und verzweigte sich mit dem/im Kolonialen. Entsprechend geschmiedete Kohorten fühlten sich ohne Schlacht geschlagen, als nach dem Zweiten Weltkrieg das Empire seine Herrlichkeit verlor. Erst im Nachgang wird deutlich wie bildbestimmend der englische/schottische/walisische Stellvertreter Ihrer Majestät war. Denken Sie an die in den Kolonien gemachten Vermögen im Arthur Conan Doyle-Universum.

Auch George Orwell gehört in die Reihe der genannten Schriftsteller; und so auch Fleming, dessen Profil in den märchenhaften Umdeutungen der Kunstfigur James Bond verloren ging. Ursprünglich ist Bond einfach nur einer von denen, die im Feld einen Schlag abbekommen haben und deshalb für das zivile Leben verloren sind. Dem draufgängerischen Junggesellen fehlt nach bürgerlichen Maßstäben das Vorbildliche. Man hat ihn auf Herrschaftsaufgaben vorbereitet, die in seiner virilsten Stunde von der imperialen Agenda gestrichen wurden. Unabhängigkeitsbewegungen löcken mächtig wider den Stachel. Jetzt, da keine weißbritische Armee mehr dagegenhält, muss ein Mann genügen.