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03.06.2020, Jamal Tuschick

Betreff: Buchpremiere im Videostream: "Von den Deutschen lernen" Susan Neiman im Gespräch mit Ingo Schulze // Hanser Berlin

Deutschland schwankt zwischen privater Verdrängung und offizieller Schuldannahme. Die in Berlin lebende amerikanische Philosophin Susan Neiman vergleicht die deutsche Gemengelage mit amerikanischen Einordnungen der Sklaverei und genozidalen Politiken, ohne dem Revisionismus eine Fahrrinne zu graben.

Neiman kommt zu dem verblüffenden Schluss, dass in der DDR eine bessere Aufarbeitung des Faschismus stattgefunden habe als in der Bundesrepublik. Die Botschaft des Antifaschismus sei schließlich bei jenen als vernichtende Absage angekommen, die ihre Ideale im Machtverlauf verloren hatten. Die Philosophin erklärt die friedliche Revolution von Neunundachtzig als Folge einer antifaschistischen Erziehung. 

Susan Neiman und Ingo Schulze im Roten Salon der Berliner Volksbühne.

"Susan Neimans Buch ist eine eindrucksvolle vergleichende Ethnographie der Vergangenheitsaufarbeitung. Wirksam kann ein solcher Vergleich nur werden, wenn er sich an Maßstab gebenden universellen Prinzipien orientiert. Diese Prinzipien findet Susan Neiman in der Philosophie der Aufklärung und nicht zuletzt in Kants ‚Metaphysik der universellen Gerechtigkeit'.“ Wolf Lepenies, Die Welt, 04.04.2020

Buchpremiere im Videostream
aus dem Roten Salon



Von den Deutschen lernen


Susan Neiman im Gespräch
mit Ingo Schulze



am Mi., 03. Juni um 19:00 Uhr auf
www.volksbuehne.berlin

Eine Veranstaltung der
Volksbühne Berlin in Zusammenarbeit mit Hanser Berlin
 
Deutschland als Vorbild? Susan Neiman vergleicht in Von den Deutschen lernen den deutschen und den amerikanischen Umgang mit dem Erbe der eigenen Geschichte. Die Philosophin und Direktorin des Einstein Forums diskutiert mit dem Schriftsteller Ingo Schulze im Roten Salon über Vergangenheitsaufarbeitung in Ost und West und liest aus ihrem von Christiana Goldmann ins Deutsche übersetzten Buch. Die von der Berliner Volksbühne konzipierte Buchpremiere wurde unter Corona-Bedingungen ohne Publikum aufgezeichnet und wird am Mittwoch, den 3. Juni um 19:00 als Videostream ausgestrahlt.

Wie können Gesellschaften mit dem Bösen in der eigenen Geschichte umgehen? Lässt sich – politisch gesehen – etwas von den Deutschen lernen? Als Susan Neiman, eine junge jüdische Amerikanerin, in den achtziger Jahren ausgerechnet nach Berlin zog, war das für viele in ihrem Umfeld nicht nachvollziehbar. Doch sie blieb in Berlin und erlebte hier, wie die Deutschen sich ernsthaft mit den eigenen Verbrechen auseinandersetzten: im Westen wie im Osten, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Als dann mit Donald Trump ein Mann Präsident der USA wurde, der dem Rassismus neuen Aufschwung verschaffte, beschloss sie, dorthin zurückzukehren, wo sie aufgewachsen war: in die amerikanischen Südstaaten, wo das Erbe der Sklaverei noch immer die Gegenwart bestimmt. Susan Neiman verknüpft persönliche Porträts mit philosophischer Reflexion und fragt: Wie sollten Gesellschaften mit dem Bösen in der eigenen Geschichte umgehen?
 

Ein Mann im Modus - James Meredith 1962 auf dem Campus der Ole Miss - Der Aktivist geht nicht blauäugig in die Konfrontation. Zehn Jahre hat sich Meredith vorbereitet. Er ist in jeder Hinsicht beschlagen. Er schlägt das System und gewinnt gegen die Bank der herrschenden Verhältnisse. Diane McWhorter - Sie ist die geborene Walzerkönigin im Stil des amerikanischen Südens; dazu prädestiniert, die Fackel der „Verlorenen Sache“ (Lost Cause of the Confederacy*) weiterzutragen. Die familiären Verstrickungen in einem radikal rassistischen Milieu sind so umfassend, dass die Tochter ihrem Vater Kenntnisse von Ku-Klux-Klan-Aktivitäten bis hin zu Mord zutraut. Als vier Schwarze Mädchen in ihrem Alter bei einem Bombenanschlag ums Leben kommen, ist Diane elf. An Dianes Highschool erschöpft sich die Pflichttrauer und Pseudopietät in der Absage einer Theaterprobe, während im Zentrum einer weißen Verschwörung alles aufschäumt, was Rang und Namen hat.

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„Das ist nicht einfach so passiert. Ich hatte alle großen Werke über die westliche Welt gelesen.“

Sein Anlauf währt zehn Jahre. Solange übt James Meredith die staatsmännische Attitüde, mit der er in die Geschichte eingehen will. Zugleich soll ihn die gravitätische Pose vor direkten Übergriffen bewahren. Er orientiert sich an einem Heerführer, der sich von seiner Truppe absetzte, um nach einer Eroberung dem Publikum das Schauspiel eines solistischen Einzugs zu gewähren.

Jeder hätte den Mann töten können. Da kam nur ein reitender Vorläufer, aber der hatte eine Art, die damals sogar Eichhörnchen dazu brachte, zu salutieren. Meredith kultiviert die Insane/Opak-Performance eines allem Irdischen Entrückten. Nichts überlässt er dem Zufall. Beim Showdown auf dem Campus der Universität von Mississippi passt dann auch alles.

Susan Neiman, „Von den Deutschen lernen“, aus dem Englischen von Christiana Goldmann, Hanser Berlin, 569 Seiten, 28,-

Wikipedia weiß: „Am 1. Oktober 1962 wurde Meredith der erste dunkelhäutige Student an der Ole Miss. Seine Einschreibung, die Gouverneur Ross R. Barnett verhindern wollte, führte zu Gewalt auf dem Oxford-Campus. Bundestruppen und US-Marshals wurden vom US-Präsidenten Kennedy an die Universität entsandt. Während der Gewaltausbrüche starben zwei Menschen, darunter der französische Journalist Paul Guihard. 48 Soldaten und 30 US-Marshals wurden verwundet.“

Meredith rechnet mit den Ausschreitungen. Er spekuliert auf Gewalt mit dem Ziel, die Vereinigten Staaten gegen die im Bundesstaat Mississippi parallelgesellschaftlich agierende White Supremacy in Stellung zu bringen. Der Aktivist will das Rassistenregime mit der „Macht der amerikanischen Militärmaschinerie zerschmettern“.

„In das Herz der Bestie“ soll ein Pflock getrieben werden. Das erzählt Meredith Jahrzehnte später der Philosophin Susan Neiman. Merediths Militärpathos geht Neiman auf die Ketten. Sie darf auch nicht einfach gehen, sondern wird als Aufmerksamkeitsspenderin zur Geisel.

Meredith gefällt sich als schillernde Persönlichkeit. Er ist konservativ und kann gut mit Reaktionären. Ihn charakterisiert die Grandiosität des Southerner-Bourgeois, der seine Vorzeichnungen in dem ausgedachten Feudalismus der in ihren Lustschlössern halluzinierenden Baumwollbarone bekam. In der Hochzeit der Bürgerrechtsbewegung repräsentierte Meredith eine Opposition zu Martin Luther Kings kraftvoller Gewaltlosigkeit, ohne deshalb mit Malcolm X einverstanden zu sein.

Vermutlich fehlte ihm Kings Disziplin. Neiman lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass der junge Meredith einen Coup landen und die Nationalgarde auf dem Campus sehen will, als er sich an der Ole Miss einschreibt. Er weiß, wie man ein großes Rad dreht. Also dreht er es.

Susan Neiman zeigt, wie der Keim eines bestimmten Denkens notfalls auch auf politisch unanstößige Weise immer wieder neu gesetzt wird - mit dem Bau reaktionärer Denkmäler und einer tendenziösen Schulbuchgeschichtsschreibung nicht zuletzt.

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1869 malte Henry Mosler „The Lost Cause“ und schuf so einen Gegenstand zur ehrenden Erinnerung an jene Insurgenten einer verlorenen Sache, die in einer revanchistisch-pathetischen Umdeutung des tatsächlichen Geschichtsverlaufs als Autonome & Rebellen dargestellt werden.

„Die verlorene Sache (der Konföderation)“ überschreibt eine pseudohistorische, vor allem jedoch heroische Erzählung, in der die Verlierer des US-Sezessionskrieges als moralische Sieger erscheinen. Ausgangspunkt dieser geschichtsfälschenden Darstellung ist ein behaupteter Tugendvorsprung des Antebellum South. In dieser Lesart wird der entscheidende Punkt, die Aufrechterhaltung einer Sklavenhaltergesellschaft mit allen Mitteln, heruntergespielt. Im Vordergrund steht ein „unpolitischer“ Lebensstil, der bewahrt werden sollte.

In der Geschichte von der verlorenen Sache des Südens treten die Sezessionisten als Verteidiger auf, die sich einer aggressiven Übermacht erwehren.

Lost Cause-Aktivist*innen wirkten nicht zu allen Zeiten gleichmäßig auf den Bürgerkriegsdiskurs, in dem eine Reihe amerikanischer Fragen verhandelt werden. Die zweite Blüte des Revanchismus zeigte sich in der Ära des Veteranensterbens kurz vor dem ersten I. Weltkrieg. Damals entstand eine Gedächtniskultur basierend auf einem Erinnerungsparadox, in dem die barock-feudalen Verhältnisse vor 1860 verherrlicht (und literarisiert) wurden. Wieviel Gewalt in diesem Märchen steckte, erwies sich, als der revisionistische Süden in den 1950er und 1960er Jahre gegen die Bürgerrechtsbewegung mobil machte.

Da war dann alles sehr deutlich.

Die amerikanische Philosophin Susan Neiman weckt ein Interesse für die Zwischentönen in einer rassistischen Gesetzgebung. Sie weist nach, wie der Keim eines bestimmten Denkens notfalls auch auf politisch nicht anstößige Weise immer wieder neu gesetzt wurde (mit dem Bau reaktionärer Denkmäler und einer tendenziösen Schulbuchgeschichtsschreibung), so dass sich die Ideologie von der natürlichen weißen Überlegenheit in progressiven und antirassistischen Kontextualisierungen etablieren konnte.

Erfahrungsreichweite

Neiman besucht James Meredith, der 1962 mit der bloßen Wahrung seiner Bürgerrechte die Universität von Mississippi als erster Schwarzer Studierender „berüchtigt“ machte. Die Gazetten titelten: Ole Miss Riot on … Die Ausschreitungen auf dem Campus ließen den Bürgerkrieg wiederaufleben.

Neiman sieht sich im Wohnzimmer um. Der Fernseher läuft, Fox News, „Reproduktionen afrikanischer Kunst an den Wänden“. Der Hausherr tritt leger auf. „Vier seiner Enkel“ nehmen steif und schüchtern gerade noch in Erfahrungsreichweite am Geschehen teil.

Neiman gerät rasch in die Rolle der Erzählenden. Old Meredith schöpft das Deutschlandwissen der Philosophin zum Frommen seiner Nachkommen ab. Die sonst eher abgeneigte Neiman lässt sich zu einem Kurzreferat hinreißen.

„Ich erzähle, wie die Westdeutschen nach dem Krieg genauso geredet haben wie die Vertreter des Mythos von der Lost Cause im Süden“ der Vereinigten Staaten.  

„Das, was 1962 auf dem Campus von Ole Miss geschah, war ein Krieg zwischen dem Staat von Mississippi und den Vereinigten Staaten.“  James Meredith

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„Everybody knows about Mississippi“ - Susan Neiman bereist das berühmteste Delta der Welt. Sie entdeckt ein Koordinatensystem der Konföderation, oft förmlich abgedeckt von unauffälligen Zeichen der Gegenwart. Daneben existieren phantasievolle Loyalitätsbekenntnisse zum Ku-Klux-Klan und Flüche, die wie Segenswünsche klingen. Neiman begreift die restaurativen Accessoires als Facettenaugen in einem Spinnennetz. Selbst ein hohes Aufkommen von Magnolien erklärt heraldischer Anachronismus nicht allein. Vielmehr äußert sich so ein Wille, dem „reinen Weißsein“ ein Sinnbild zu geben.

Neiman entdeckt eine Ikonografie, in der Zweifelhaftes im Schatten einer Abschirmung überdauert, so wie das Lord Byron-Zitat als Inschrift einer Johnny Reb-Statue vor einer elegisch wie ein Plantagenherrenhaus in die Landschaft gesetzten Universität. Johnny Reb war Billy Yanks feindlicher Bruder. Obwohl er außerhalb des Südens keine Repräsentanz hat, stört sich niemand an seiner sezessionistischen Herkunft und Botschaft, so wie man es auch vierzig Jahre nach dem Bürgerkrieg einem arrivierten Veteranen auf der Verliererseite nachsah, dass er im Titel seiner Memoiren die Konföderation mit ihren sklavenhaltergesellschaftlichen Ansprüchen verewigte.

Jede postkonföderierte Äußerung greift die Verfassung an.

Neiman beschreibt das reibungsarme Selbstverständnis, mit der das Design eines militanten Rassismus als Folklore, landsmannschaftliche Eigentümlichkeit, Heimatverbundenheit und Traditionspflege in Betrieb gehalten und gegen zivilgesellschaftliche Störungen verteidigt wird.

Stets hält man dem Gegner vor, er höre das Gras wachsen und veranstalte politische Kaffeesatzleserei. Doch wie groß sind die Spielräume einer Interpretation, wenn man „die alte Flagge von Mississippi mit dem Emblem der Konföderation“, die als Kriegsflagge der Rebellenarmee bis zum Gefecht bei Appomattox Court House 1865 im Einsatz war, nicht diskussionslos von einem Campusmast holen will, sondern ihre Einholung unter gegenseitigem Protest und einseitigen Abspaltungsbekundungen vornimmt; so geschehen 2015 in Oxford, Mississippi, an der Ole Miss. Rektor Morris Stocks sprach von einer schweren Entscheidung; bot doch die Fahne eine lange unauffällige Möglichkeit, der Abneigung gegenüber dem Norden einen ausdauernden Ausdruck zu verleihen.

Neiman setzt sich mit James Meredith auseinander, dem ersten Schwarzen Studierenden an der Universität von Mississippi. Seine Immatrikulation 1962 löste bürgerkriegsähnliche Zustände aus. Bundestruppen und US-Marshals agierten auf dem Campus. Meredith fürchtete sich zu keinem Zeitpunkt. Neiman zitiert aus seiner Biografie:

„Als Schwarzer in Mississippi war ich 1960 ohnehin ein Toter auf Urlaub … Ein toter Mann braucht nicht viel Mut.“
„Ich habe in einem Krieg gekämpft. Ich habe mich selber vom ersten Tag an als im Krieg betrachtet. Und mein Ziel war es, die Bundesregierung in eine Position zu zwingen, in der sie Militär einsetzen musste, um meine Bürgerrechte durchzusetzen.“

Meredith ist ein Objekt von Hasskriminalität geblieben.

Slavery by Another Name

Erinnerungskultur ist ein deutsches Wort. Sein englischer Schatten umreißt allenfalls die Silhouette des Bedeutungstanks. Obwohl das Schuldbewusstsein im Land der Täter eine unübersehbare Größe darstellt, wird es von nicht wenigen Familiennarrativen förmlich aufgehoben. Täter sind immer die anderen, während der eigene Opa von der eigenen Geschichte nichts mitbekam. Die massenmörderische Komplizenschaft der Wehrmacht wurde bereits in den 1940er Jahren festgestellt. Trotzdem hielt sich die Legende von der „sauberen Wehrmacht“ noch lange. Die aus Georgia gebürtige Philosophin Susan Neiman stellt die Konzepte des anti-abolitionistischen Südens nach der Niederlage im Sezessionskrieg den deutschen Bewältigungs-, Verdrängungs-, Abwehr-, Beschönigungs-, Negierungs- und Umkehrtechniken gegenüber – selbstverständlich ohne einer Relativierung des Holocausts das Wort zu reden.

„Bei jedem Wettbewerb, den niemand gewinnen will, ist Mississippi der Sieger.“

Susan Neiman schreibt über Negativrekorde in Mississippi. Die meisten Lynchmorde (früher), die meisten Adipösen (heute). „Der höchste Krankenstand, der geringste Wohlstand, die mieseste Bildung“. Der US-Bundesstaat war zur Zeit des Sezessionskriegs reich und ist seitdem arm. Die Philosophin erklärt, warum die Repräsentanten der Mississippi-Gesellschaft immer weiter in der Geisterbahn einer fatalen Vergangenheit im Kreis fahren – in einem trostlosen Verbund mit Alabama und Louisiana.

Folgt man Neiman, dann nahm das Elend seinen Anfang und strikten Verlauf mit der Reconstruction (1865 – 1877) – einem Strukturprogramm der Washingtoner Zentralgewalt zur Bewältigung der Bürgerkriegsfolgen. Der Norden war entschlossen, den „beinah vier Millionen befreiten Afroamerikanern“ die Bürgerrechte mächtig zu garantieren. Dieses Demokratieverständnis stieß unter den Geschlagenen des rebellischen Südens auf granitharten Widerstand. Es begründete eine Fundamentalopposition, die sich bis in die tiefe Gegenwart lieber selbst lahmlegt, als den (Erben der) Bürgerkriegssiegern Zugeständnisse zu machen. „Alles, was aus Washington kommt“, erachtet man als „eine militärische Maßnahme der Yankees“.

Neiman vergleicht die Verheerungen im Postbellum South mit dem am Boden liegenden Deutschland nach der II. Weltkrieg. Nur, dass es für die überstimmten Konföderierten keinen Marshallplan gab, so Neiman.

„Vom Hass der Südstaatler auf die Yankees führt eine gerade Linie zum Widerstand der Südstaatler gegen jegliches Regierungsvorhaben.“

Da die Verlierer sich nicht offen zur Wehr setzen konnten, hintertrieben und unterliefen sie die amtlichen Maßnahmen mit allen Mitteln. Effektive Module der Obstruktion und der Subversion aus der Perspektive des Südens sollen, so Neiman, die Black Codes geboten haben. Mit diesen lokalen Erlassen und bundesstaatlichen Gesetzen: wurden von der Verfassung garantierte Bürgerrechte von hinten durch die Faust ins Auge kassiert.

Die Politik der Suprematie des minderen Rechts (Topping from the Bottom) entsprach einer älteren Praxis.

Hier zeigt sich wieder einmal, wie ein monochromer Anstrich eine böse Wahrheit tüncht. Black Codes vermindern im frühen 19. Jahrhundert zuerst in einigen Staaten des Nordens die Rechte von Schwarzen Reisenden und Ansiedlungswilligen zumal auf den Feldern der Vertragsfreiheit insbesondere des Erwerbs von Eigentum.

Indiana verabschiedete 1845 ein Gesetz gegen „Rassenvermischung“.

Es gab Bestrebungen, den Gesetzen Verfassungskraft auf bundesstaatlicher Ebene zu geben. Dies im Verein mit den Schwarzen auferlegten Verbot, ein Territorium auch nur zu betreten.

Nach dem Bürgerkrieg war der Süden eben nicht dazu in der Lage, Black Codes gegen die Interessen befreiter Sklaven durchzusetzen. Erst nach dem Ende der Reconstruction verabschiedete man wieder diskriminierende Gesetze, die vor allem für die Plantagenbesitzer vorteilhafte Schuldknechtschaftsverhältnisse sowie andere Bewegungseinschränkungen zum Nachteil der Befreiten begründeten.

Es ging nicht nur um Rassismus. Vielmehr suchte man juristische Schleichwege, um die Sklaverei abgedeckt fortführen zu können. Der Erfolg dieser Strategien beförderte den Niedergang der Baumwollstaaten. Sie verloren im ausgehenden 19. Jahrhundert den Anschluss an das Industriezeitalter, da geringe Produktionskosten den Innovationsdruck herabsetzten. Insofern schnitt sich der Süden mit seiner verkappten Herrenmenschlichkeit ins eigene Fleisch. 

Susan Neiman, 1955 in Atlanta, Georgia, geboren, war Professorin für Philosophie an den Universitäten Yale und Tel Aviv, bevor sie im Jahr 2000 die Leitung des Einstein Forums in Potsdam übernahm. Auf Deutsch erschien von ihr zuletzt „Warum erwachsen werden“. Sie lebt in Berlin.