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04.06.2020, Jamal Tuschick

Begehren als Verbrechen

Lydia hechelt ihre Ehe durch. Sie war mit einem Alphapuschel verheiratet, einem sentimentalen Verdränger, einem Morgenmenschen, der singend aus dem Bett stieg, sich dick Butter auf den Bagel strich; Butter aus der Bretagne; die Sonne illuminierte die Salzkristalle im Fett. Die Marmelade stammte von seinen Eroberungszügen auf dem Bauernmarkt.  

Eingebetteter Medieninhalt

Zachary, genannt Zach, ist ein Kümmerer und Bringer, mit Tugend gesegnet und reich von Geburt. Ihn beflügelt schiere Eleganz in der Handhabung der Dinge. Er glänzt als Galerist. Seine Ehe mit Lydia funktioniert so reibungslos wie ein Schweizer Uhrwerk.

Tessa Hadley, „Zwei und zwei“, Roman, aus dem Englischen von Gertraude Krüger, Kampa Verlag, 320 Seiten, 22,-

Dann grätscht Johnny Dead Zach die Beine weg. Der Londoner Grandseigneur verlässt das Spielfeld ohne Ade. Und Tschüss. Lydia kippt bei ihren besten Freunden Christine und Alex aus den Latschen. Alle kennen sich schon immer aus der Perspektive der zweiten Lebenshälfte. Trauer umflort eine von Grund auf verbundene Gemeinschaft. Lydia kriecht zu Christine und dem von ihr einst flamboyant begehrten Alex ins Bett.

Will sie da mehr als Nestwärme?

Lydia könnte geneigt sein, zu den Modalitäten eines Konkurrenzkampfes zurückzukehren, der vor Jahrzehnten in einer verkommenen Villa in einem Deal mündete.

Rückblende – Christine und Lydia sind gerade mit dem Studium fertig

Die eine beginnt eine Dissertation, die sie nicht ausführen wird, die andere liebäugelt mit dem Nachtleben. Gemeinsam nähern sie sich einem Dozenten, in den sich Lydia verliebt hat. Alexandr Klimec ist ein paar Jahre älter, mit Juliet verheiratet und Vater des dreijährigen Sandy. Den Haushalt und die Versorgung des Kindes überlässt er seiner Frau. Lydia schmiegt sich als Babysitterin an komplex gefügte Verhältnisse. Das Unheil tarnt sich mit Kleinmädchenstimme. Lydias „Raffinesse wirkt falsch und hausbacken“. Christine etabliert die Intrigante als Sidekick in einem hinterhältigen Arrangement. Sie errichtet ein Juliet ausschließendes, von Zach komplettiertes Beziehungsviereck. Zach gehört zu den Männern, „die nur behelfsmäßig jung zu sein scheinen“. Wohl fühlt er sich in der Rolle des umsichtig Vorausschauenden, der die Kapriolen seiner Freunde abschirmt. Zach lässt andere für sich über die Stränge schlagen. 

Begehren als Verbrechen

Eines Abends kommt Christine in die Kommunenküche. Der elektrische Heizstrahler brennt auf der höchsten Stufe. Es riecht nach Gas & Gärung. Lydia sitzt da „im Vintage-Nachthemd“ und bedenkt die Folgen einer Überschreitung. „In dünne Scheiben geschnittene Mars-Riegel“ muten ihrer Selbstbeherrschung viel zu. Noch geht sie mit ihrem ganzen Poststrukturalismus davon aus, dass Zach und Christine eine gemeinsame Zukunft haben. Die beiden versuchen sich als Paar, vermutlich würde Zach Christine aus lauter Gewissenhaftigkeit heiraten, aber Christine weiß es besser. Zach ist von Lydia besessen. Während er das kaum ahnt, lässt sich Lydia schnell von der Evidenz, die in Christines Einlassungen steckt, zu den Sternen katapultieren.

„Du kannst … das ganze Paket haben.“

Und Lydia nimmt das ganze Paket, nachdem sie bis eben bereit war, Alex‘ Ehe zu zerstören. Man kann die Volte mit prompter Hochzeit ignorieren, so beiläufig wie sie im Roman auftritt. Die Beiläufigkeit unterschlägt beinah die toxischen Folgen von Lydias Programm.  

Zurück in der Gegenwart

Als Witwe wohnt Lydia bei den gnädigsten Zeugen ihrer Verfehlungen. Alex schickt sie Kippen holen. Der alte Laufjunge renommiert ins Leere. Seine Vorhaltungen interessieren die Frauen nicht. Sie gehen mit Wodka steil.

Angehörige müssen informiert werden. Schneller als Facebook zu sein, ist das Gebot der Stunde. Lydia hechelt ihre Ehe durch. Sie war mit einem Alphapuschel verheiratet, einem sentimentalen Verdränger, einem Morgenmenschen, der singend aus dem Bett stieg, sich dick Butter auf den Bagel strich; Butter aus der Bretagne; die Sonne illuminierte die Salzkristalle im Fett. Die Marmelade stammte von seinen Eroberungszügen auf dem Bauernmarkt.

Ein Roman steckt in dieser Szene. Nie mehr wird Lydia von der Wucht erschüttert werden, die Zach aus dem Boden in sein Kraftfeld übertrug. Alex fährt nach Glasgow, um seine Patentochter Grace ins Bild zu setzen. Die Stadt kommt ihm wie eine viktorianische Nekropole vor. Er gerät in eine apokalyptische Partymüllgeschichte – ein alter Mann in den Labyrinthen der Zukunft.

Lydia und Christine haben sich für Beschützermänner entschieden. Nun steht „Lydia ungeschützt“ da.