MenuMENU

zurück zu Main Labor

05.06.2020, Jamal Tuschick

Christopher Wylie erklärt, wie Facebook-Daten mit Hilfe von "Cambridge Analytica" zu Waffen gemacht wurden; wie Data Mining funktioniert und wie viel psychologische Manipulation hinter der Wahl von Trump und dem Brexit-Referendum steckte. Er erläutert das schwer begreifliche Zusammenspiel von Facebook, WikiLeaks, russischen Geheimdiensten und internationalen Hackern.

Digitaler Kolonialismus

Als Marktforschungsinstitute getarnte Militärdienstleister erledigen für Regierungen die Drecksarbeit. Geschieht dies in Afrika, ergeben sich Beispiele für digitalen Kolonialismus. Korrupte Regimes erlauben die Auswertung über Mobilfunkanbieter und Soziale Medien generierter Daten, um das Wahlverhalten der Bevölkerung zu ihren Gunsten zu manipulieren. Die illegalen Wahlkämpfe finanzieren sie mit Steuern.

Eingebetteter Medieninhalt

Sie heißen Narrative Networks und Social Media in Strategic Communications. IhreAdministratoren bauen Fallen, in denen virale Bedrohungen ihre Virulenz verlieren.

Sie übernehmen den virtuellen Raum, in dem sich das Ziel bewegt. Sie trennen das Ziel von seiner Umgebung: auf der Basis soziokultureller Analysen, die es den Anwender*innen erlauben, Reaktionen der kontaminierten Milieus vorauszusagen.

*

Als Marktforschungsinstitute getarnte Militärdienstleister erledigen für Regierungen die Drecksarbeit. Geschieht dies in Afrika, ergeben sich Beispiele für digitalen Kolonialismus. Korrupte Regimes erlauben die Auswertung über Mobilfunkanbieter und Soziale Medien generierter Daten, um das Wahlverhalten der Bevölkerung zu ihren Gunsten zu manipulieren. Die illegalen Wahlkämpfe finanzieren sie mit Steuern.

*

Wylie erkennt, dass Politik und Mode „Erscheinungsformen desselben Phänomens“ sind. Die Gemeinsamkeiten bestimmen Zyklen von Kultur und Identität. Das sind Trends, deren Ästhetiken signalhaft das Verhalten steuern. Nehmen Sie den eben verstorbenen Norbert Blüm. Jahrzehnte erschien er als Garant des unabhängig-aufrechten Gewerkschaftskonservativen. Wer würde seine Performance heute als Glaubwürdigkeitsgipfel feiern?

Christopher Wylie trifft Steve Bannon

„Es hatte uns beide ins politische Feld geschlagen, aber unsere Leidenschaft war die Kultur.“

Die beiden Außenseiter mit einer Vorliebe für kognitive Verzerrungen und dem Zeug zur Massenmanipulation begegnen sich zuerst in Cambridge. Wylie besucht Bannon in einer Luxussuite. Der Amerikaner kommt ihm zuerst vor wie ein irrer Gebrauchtwarenhändler in einem Schmutzfilm. So imprägniert. Bald findet er Bannon „cool“ als Superausgabe des heterosexuellen weißen Mannes aka Dinosauriers.

Wylie erlebt einen sendungswütenden Kulturrevolutionär auf der reaktionären Schiene. Bannon will die konservative Wende via Kultur. Viele seiner Anhänger sind unattraktive junge weiße Männer, die Feminismus als Bedrohung erleben.

Beta Uprising

Den in einer Dauerentladung ewig toxischen Betamännchenzorn will Bannon melken. Betatypen gibt es in allen Lagern. Das Beta-Merkmal wirkt sich gravierender aus als Präferenzen. Bietet man der global aktiven Gruppe Gelegenheiten sich abzureagieren und aufzuwerten werden ihre Akteure, wie an Fäden gezogen, unter dem entsprechenden Banner marschieren. Bannon versteht das Phänomen als Vulgärpsychologe. Wylie weiß, wie die Kampagne zu führen ist. Beide sind Virtuosen der Verfügbarkeitsheuristik. 

Ein anderes Beispiel. Ein republikanischer Gouverneur zeigt Auffälligkeiten, die ihn schrullig erscheinen lassen. Konservative wollen keine schrulligen Amtsträger. Wylie und sein Team analysieren die traditionelle Wählerschaft der Republikaner nach dem Fünf-Faktoren-Modell. In der knappsten Zusammenfassung ergibt sich ein Zusammenspiel von geringer Offenheit und großer Gewissenhaftigkeit. Mit diesem Wissen überfährt das Team die Abneigung gegen skurrile Daseinsformen. Es kreiert den Slogan: „Sie mögen mit mir nicht einer Meinung sein, aber immerhin kennen sie meinen Standpunkt.“

Die Ansage harmoniert mit republikanischer Ordnungsliebe. Fazit: Die Manipulatoren können Einstellungen umdrehen, wenn sie ihre Botschaften den psychometrischen Testergebnissen anpassen.

In Prozessen der Verfeinerung stellt Wylie sich die Frage: Gibt es Leute, die schwulenfeindliche Kirchenorganisationen unterstützen und (jetzt nicht trotzdem denken) in Bioläden einkaufen?

Wylie besucht eine Frau, die Homophobie mit Christentum und Yoga kombiniert. Sie bringt den Analytiker auf Ideen. Sie verwendet eine Reihe von „mentalen Abkürzungen“, die sie in die gesellschaftliche Mitte zurückkatapultieren; dahin, wo die Leute vor Fox News auf der Couch am Rad der Wut drehen. Dabei erwerben sie eine Gruppenidentität an ihren Interessen vorbei. Kritik an reaktionären Positionen und deren Repräsentanten betrachten sie als Angriff auf ihre Identität.

Microtargeting

Eingebetteter Medieninhalt

„Ich erzählte der ganzen Welt meine Geschichte und war auf den Bildschirmen allgegenwärtig.“

*

Identität ist eine Ware jetzt auch im digitalen Datenhandel. Christopher Wylie erzählt das so, als müssten wir uns ob dieser Kunde überschlagen. Wir tanzen nach der Algorithmen-Pfeife. Der Autor bezeichnet Silicon Valley als „Epizentrum einer Wahrnehmungskrise“. Als Greenhorn analysierte Wylie Obamas Wahlkampf. Der Herausforderer setzte auf Kanäle, die politisch so noch nie genutzt worden waren. Obama startete eine Graswurzler-Revolution, die eine Basis für basales Engagement schuf. Man konnte sich mit einer kleinen Sache ohne nennenswerte Reichweite einklinken und wurde zielgruppengerecht versorgt.

„Das Rückgrat der Kampagne waren Daten.“

Deren Bewertung bestimmte das Vorgehen. Man kaperte das reale Leben mit künstlicher Intelligenz.

Christopher Wylie, „Mindf*ck. Wie die Demokratie durch Social Media untergraben wird“, auf Deutsch von Gabriele Gockel, Claus Varrelmann, Bernhard Jendricke, Thomas Wollermann, Dumont, 416 Seiten, 24,-

Ich setze das in die Vergangenheit, obwohl das unsere Gegenwart ist und unsere Zukunft sein wird, weil Wylie so passioniert Past-Simple seine Zeit als Zauberlehrling und Assoziierter in einem Siegerteam abspult. Alle von jungen Leuten geschriebenen Biografien leiden darunter, dass sich jeder Dreißigjährige geradezu unsinnig alt vorkommt.

Obama ließ Daten sammeln; man hatte ihm erklärte, dass die Wählermobilisierung von der Datenmenge abhängt: eine Umschweifung der Behauptung, dass die richtige Datenverwaltung Demokraten aus dem Hut zauberte. Man kreierte die Botschaft für den Meinungsumschwung. Das Microtargeting der Obama-Gruppe trat die Privatisierung des öffentlichen Diskurses in den Vereinigten Staaten los. Nun wusste man, wie es geht.

Unser Wunsch nach Anerkennung ist ein Rohstoff der Datenindustrie. „Facebook ist das Tor zu den Köpfen der Amerikaner.“

Sozialer Sauerstoff

Eingebetteter Medieninhalt

Vermutlich gibt es Donald Trump nur deshalb in der Präsidenten-Edition, weil er, wenn auch als Farce, eine Welt verkörpert, die von Tag zu Tag unwirklicher wird, ohne dass wir uns von ihr einfach so verabschieden könnten. Er ist so gruselig wie Camping an einem umgekippten See.

Wir brauchen aber den sozialen Sauerstoff von gestern. Wir sind noch nicht bereit für eine Zukunft, die uns längst hinter sich gelassen hat.

Trump beweist den Selbstbehauptungswillen eines Fossils. Solange es ihn gibt, gibt es uns. Er zwingt seine Umgebung dazu, sich von der Vorstellung zu emanzipieren, dass US-amerikanische Staatschefamt sei so verfasst, dass jeder Inhaber von staatstragenden Bindungen gehalten wird.

Während Trump wie der Elefant im Porzellanladen wirkt, vollzieht sich seit Jahren eine Verschiebung der Macht aus den Lagern der Legitimation in einen Untergrund, den wir nicht begreifen. Bereits im August 2014 verfügte das Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica über den Informationswert von mehr als 87 Millionen Facebook-Konten, um damit ohne Mandat und Aufsicht Geld & Politik zu machen.

Christopher Wylie, „Mindf*ck. Wie die Demokratie durch Social Media untergraben wird“, auf Deutsch von Gabriele Gockel, Claus Varrelmann, Bernhard Jendricke, Thomas Wollermann, Dumont, 416 Seiten, 24,-

Sein Coming-out als Whistleblower zog 2018 die aufwändigste Untersuchung von Datenkriminalität nach sich, die es bislang gab. Christopher Wylie zählt in „Mindf*ck“ involvierte Behörden auf. Dazu zählten der britische Inlandsgeheimdienst MI5 und das FBI. Der amerikanische Sonderbeauftragte Robert Mueller klagte dreizehn russische Staatsbürger an. Verschwörung lautete ein Vorwurf.

Wir erinnern uns an den Stunk im Weißen Haus. Trump überlebte den Vorwurf, via Landesverrat Präsident geworden zu sein.

Wylie erklärt, wie Facebook-Daten mit Hilfe von Cambridge Analytica zu Waffen gemacht wurden; wie Data Mining funktioniert und wie viel psychologische Manipulation hinter der Wahl von Trump und dem Brexit-Referendum steckte. Er erläutert das schwer begreifliche Zusammenspiel von Facebook, WikiLeaks, russischen Geheimdiensten und internationalen Hackern.

„Mindf*ck taucht tief in die amerikanische Operation** von Cambridge Analytica ein, die von Trumps Berater und Chefstratege Steve Bannon und dessen Alt-Right-Vision eines neuen Amerika gelenkt wurde. Finanziert wurde der Coup von dem Hedgefonds-Milliardär Robert Mercer.“

* „Als Blowback (englisch für Rückstoß) wird in der Fachsprache der Geheimdienste der unbeabsichtigte Effekt bezeichnet, bei dem inoffizielle außenpolitische Aktivitäten oder verdeckte Operationen später negativ auf deren Ursprungsland zurückfallen.“ Wikipedia

**Der Kanadier und politisch liberale Christopher Wylie stand im Zentrum dieser Operation, er hat als Profiler daran gearbeitet zornige junge Männer zu manipulieren und zu mobilisieren. Erst vierundzwanzigjährig hatte er einen Job bei einer Londoner Firma angeboten bekommen, die mit dem britischen Verteidigungsministerium zusammenarbeitete. Angeblich waren sie mit dem Aufbau eines Teams von Datenwissenschaftlern beauftragt, um neue Strategien zur Identifizierung und Bekämpfung von radikalem Extremismus zu entwickeln. In kurzer Zeit wurden dieselben digitalen Werkzeuge für manipulative Zwecke eingesetzt, und Cambridge Analytica war geboren.“

Christopher Wylie, 1989 in British Columbia, Kanada, geboren, wurde zum »ersten Whistleblower der Millennials«. Seine Enthüllungen, die den ungezügelten Missbrauch von Daten aufdecken, erschütterten die Welt und führten zur größten multinationalen Untersuchung zu Datenkriminalität aller Zeiten. Er studierte Rechtswissenschaften an der London School of Economics, bevor er sich in die Bereiche Cultural Data Science und Fashion Trend Forecasting begab. Er lebt in London.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen