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06.06.2020, Jamal Tuschick

Frenetisches Selbst

Eingebetteter Medieninhalt

Eines Tages bemerkt eine Arztgattin zum ersten Mal, dass sie im Leben eines Fremden eine sexuelle Rolle spielt. Jeden Tag heftet sich ein Mann an ihre Fersen, um in ihrem Rücken zunehmend weniger diskret zu masturbieren. Offensichtlich involviert er sie in das Geschehen. Er erheischt wortlose Zustimmung, verkürzt die Abstände und erwirkt eine umfängliche Zeugenschaft. Es ergibt sich eine Routine. Dem seriellen Übergriff, der andauernden Grenzverletzung folgen Interventionen, die ein wachsendes Einvernehmen suggerieren. Das Szenario gewinnt Kollaborationscharakter. Das Opfer distanziert sich von der Kontinuität mit seelischen Ausweichmanövern. Es rechnet nicht mit Verständnis von außen. Die Ignoranz der Umwelt übernimmt es als Selbstbehauptung.

Lisa Taddeo schildert so eine Erfahrung ihrer Mutter in den 1960er Jahren. Die Täter- und Opferkonturen verschwimmen in Beschreibungen, die keine legalen Anker in der Gegenwart haben. Das Erzwungene firmiert als Episode aus dem Mittelalter der Nachkriegszeit.

Taddeo gelingt es nicht, ihre Mutter als unter Druck gesetztes Subjekt zu dechiffrieren. Die Autorin wiederholt Stilfiguren des Befremdens und der geleugneten Krise in der Konsequenz eines verbotenen Begehrens. Noch nicht einmal das retrospektiv Naheliegende stellt sie fest: dass die Opferscham die Täterunverschämtheit in den Schatten stellte, und diese Relation im Futteral der Gepflogenheiten keine Mühe hatte, sich zu behaupten.

Interessanterweise verweigert die Mutter die Preisgabe der Scham. Sie rechnet den Verbrecher zu den Männern ihres Lebens, angefangen bei dem Grausamen, über den Reichen, bis zu ihrem Gatten, dessen körperliches Verlangen nach seiner Ehefrau lange groß bleibt.

Der Flow der Welt

Acht Jahre recherchierte Lisa Taddeo das Sexleben von Frauen und Männern. Manchmal zog sie in die Stadt, in der eine Informantin lebte. Sie machte Yoga mit den Befragten. In Medora, Nord Dakota, öffnete sich ihr Maggie May Wilken. In Newport begeisterte sich die Edelswingerin Sloane Ford in einer YouPorn-aromatisierten Preisgabe ihrer Intimität.

Neuenglischer Dekor

Sloane und Richard Ford haben es gut getroffen. Sie führen ein Restaurant in Newport, Rhode Island. Die 1639 gegründete Kleinstadt zwischen Boston und New York präsentiert sich als neuenglisches Schmuckstück mit einer Vergangenheit als Umschlagplatz. Sie bewahrt ein koloniales und ein revolutionäres Erbe. Hier etablierte sich die erste namhafte jüdische Gemeinde in Nordamerika. Ihre Poleposition als atlantische Zentrale verlor die Stadt im Unabhängigkeitskrieg. Die Briten schlugen ihr aufs Haupt und machten sie klein. So wurde sie eine Postkartenschönheit und Sommerfrische für die Vanderbilts. Heute erscheint Newport stellenweise wie ein Museum des Vergoldeten Zeitalters, in dem der industrialisierte Norden die Ernte des Sezessionskriegssieges einfuhr und sagenhaft Vermögende vor Ort Dependancen der Differenz wie Strandburgen in den Sand setzten. Das brachte Newport den Ruf ein, „America‘s First Resort“ zu sein. Die im Château-Stil des 18. Jahrhunderts erbauten Landsitze laden zu Astor-aristokratischen Nostalgieräuschen an einem Ästuar (der Narragansett Bucht) ein.

Der neuenglische Dekor bietet Sloane eine ideale Kulisse. Sie muss sich nur dünn und schön genug fühlen, um Bock auf Sex zu kriegen. Das Ehepaar lädt Dritte in sein Schlafzimmer ein.

Lisa Taddeo, „Three Women - Drei Frauen“, aus dem Amerikanischen von Maria Hummitzsch, Piper, 416 Seiten, 22,-

Meist sind es Männer. Richard wählt seine Stellvertreter.

Den „Flow der Welt“ genoss Sloane Ford bei einem „schwarzen Sägebarsch mit Spargelbohnen“ in einem Spitzenrestaurant. Ihr Tischherr war für die Liebe zu versnobt, aber der Koch nahm Sloanes Komplimente mit einem Katerschnurren entgegen.  

Sie kommt in der New Yorker Upperclass zur Welt und ging in der Bronx zur Schule. In der 1887 gegründeten Horace Mann Schmiede kleidet man jene in Eisen und schlägt sie zu Rittern, die Schild & Schwert des Staates tragen können. Den künftigen Gouverneuren und Generalstaatsanwälten entglitt Sloane in die Kellnerinnen-Sphäre. Der Service: das ist ihr Fieber. Sie liebt Tischpolitik und brennt für Tipp. Die Herzlosigkeit der Gastronomie kommt ihrem labyrinthischen Wesen entgegen. Intuitiv weiß sie, wie die Fallen an der Porzellanfront aufgestellt werden. Sie begreift eine simple Schnappmechanik mit dem kalten Auge der Prädestinierten. Ihr Lächeln tötet die Reserve jeder Männerrunde. „Mehrere zusammengefaltete Zwanziger lasziv unter ein Whiskeyglas geklemmt“ sind Beute.

Sloane nahm die Tische ein. An der Speerspitze ihrer zuvorkommenden Diensteifrigkeit (freundlichen Übernahmen) hingen die Skalps der Überspielten. Eines Tages begegnete Sloane einem Koch aus Leidenschaft. Richard verführte die Berufene mit einer Matzeknödel-Session. Ein glänzender Edelstahltisch spiegelte sein „markantes Kinn“. Sloane und Richard pulverisierten Matzen zu Mehl. Der Ober-Groover „hatte schon Knoblauch, Salz und Backpulver bereitgestellt“. Er wusste, was zählt: Dill, Eier, Schmalz. Sloane mochte es sofort, „wenn man Entscheidungen für sie traf“.

Es kam der Morgen, an dem sich die Frage stellte:

„Findest du, wir sollten exklusiv füreinander sein?“

Well. 

Kosmisches Ego nach siebzehn Jahren Ehe

Ihr Selbstbewusstsein kann Leute erschrecken und vor den Kopf stoßen. Sloanes Erscheinung blendet wie die Sonne im Spiegel. Sie trägt Super-Woman-Stolz zur Schau. Sie strotzt vor Energie. Ihr frenetisches Selbst erscheint kosmisch. Zwei in den Fußstapfen der Mutter schlingernde, gemeinsame Töchter sind längst aus dem Gröbsten.

Richard verwirklicht sich in der Küche, Sloane geht mit den Gerichten zu den Gästen und brilliert an den Tischen in der „Diplomatie des Bedienens“.

Lisa Taddeo mischt das Milieukolorit. Man alltagt, wo andere Urlaub machen. Sloane schwitzt lieber im Fitnessstudio als den Nachbarinnen ihrer Kragenweite mittags an einer kollegialen Salatbar den sozialen Puls zu fühlen.

Sie trägt knöchellange Kleider. Sie hat „sehr schönes haselnussbraunes Haar“. Sie schwebt auf einem Luftkissen anspruchsvoller Zugänglichkeit. Sie verkörpert kesse Klasse. Taddeo sagt es so: Sloane ist eine schlanke Vierzigjährige mit dem „Gesicht einer Studentin aus einer Verbindung – es schreit förmlich nach Rummachen“.

Sie schmeißt den Laden. Sie sieht zu, wie Richard Sex mit einer anderen hat. Zu betrunken darf sie nicht sein, wenn er auf diese Weise „nur seinen Spaß hat“. Sie hat ihn geheiratet, weil er „selbstsicher, stark und mächtig ist“.