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06.06.2020, Jamal Tuschick

Triage

Es beginnt mit Schwindel und endet mit schierer Auflösung. Die Seuche im Werk von Edgar Allan Poe

Eingebetteter Medieninhalt

Die Maske des Roten Todes

Es beginnt mit Schwindel und endet mit schierer Auflösung. In einem späten Zwischenstadium schießt Blut aus allen Poren. So führt Edgar Allan Poe eine Seuche ein, die verheerender als alle ihre Vorgängerinnen wirkt. Wer ihr scharlachrotes Zeichen trägt, kann sich nur noch darauf verlassen, dass man sich von ihm abwendet, als habe er für eine Schuld mit der Schmach des einsamen Endens extra zu büßen.

Edgar Allan Poe, „Neue unheimliche Geschichten“, herausgegeben von Charles Baudelaire, aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Nohl, dtv, 392 Seiten, 30,-

Die Auswahl basiert auf den 1857 von Charles Baudelaire edierten Nouvelles Histoires extraordinaires. Liat Himmelheber übersetzte die Texte von Baudelaire.

In den Zeiten von Corona liest sich das nicht mehr bloß als arge Mär und üble Kunde von einer ungestüm-unaufgeklärten Natur, die sich gegen die Krone (der Schöpfung) erhebt wie nur je ein Rebell. Vielmehr denkt man an die isoliert in ihren Fernsehgrüften gestorbenen italienischen Senior*innen, deren freudlosen Abschiede sich in einem Versorgungsausschluss vollendeten.

Dramatische Entscheidungen in der Krise: Ärzte zu Triage gezwungen

Auf dem Feldherrenhügel/Die Triage der Götter in Weiß

Auch Poe sah in Seuchen Tropen überlebter Genres und gruselig-vergangener Gegen-Warten. Gothic war gestern in seiner Wahrnehmung. In einer Version vom viralen Ausnahmezustand wählt der Autor den Kitt der Renaissance, um das Ungeheuerliche, das es verdient erzählt zu werden, mit Poes zeitgenössischen Leser*innen zu verkleben.

Ein allgewaltiger Potentat setzt in der Krise auf Abschottung. Er macht die Grenzen dicht.

An dieser Stelle sehe ich den Soziologen Ivan Krastev als Tramp am Rand einer bulgarischen Präriepiste. Er sagt, das Virus bedenke linke Utopien und rechte Träume zu gleichen Teilen. Einerseits sei der Flugverkehr europaweit um 97% geschrumpft, andererseits wurden alle europäischen Binnengrenzen geschlossen.

Fürst Prospero reagiert elitär auf die Entvölkerung seines Reiches. Die Besten befiehlt er an seine Seite, um sich mit ihnen und einem Tross in wahrer Pracht zu isolieren. Poes spricht den Schauplatz der Exzellenz als befestigte Abtei an. Er treibt schillernden Aufwand in der Darstellung einer Absonderung unter den Vorzeichen des absoluten Einschlusses.

Exil – Refugium – Mond

Wo ist man jetzt als Begünstigter? Auf dem Mond einer schwarzen Sonne? Für wen will man denn bedeutend sein, da das Reich zu einem Raum ohne Volk zu werden sich anschickt?

Poe zählt das Zerstreuungspersonal auf. Mich interessiert die Differenz zwischen Einschluss und Ausschluss. Die Nobilitierten kommen zwar nicht mehr raus, aber der Rote Tod verschafft sich Zutritt. Der König und sein Hof sterben so abgeschlossen wie die Senior*innen, denen die klinische Beatmung verwehrt wurde.

Golden Aspiration

Eingebetteter Medieninhalt

In seiner Ursprungsumgebung wallte sogar der Nebel elisabethanisch. Der Erzähler, er behauptet, adlig zu sein, nennt sich aber prosaisch William Wilson und so heißt auch die Geschichte, beschreibt seine Geburtsstätte als „traumhaften und der Seele schmeichelnden Ort“. Der Leser denkt sofort, traumatisch wäre passender. Die Häuser erschienen so knorrig wie die Bäume und alles sah vorzeitlich grau aus. Der „gotische Kirchturm“ gab dem Schauerensemble eine Spitze.

Edgar Allan Poes mit einem Pseudonym personalisierte Geschichte ist dem zeitlosen kulturellen Gedächtnis der Anglosphäre so eingeschrieben wie volkstümliche Nacherzählungen der Bibel dem angloamerikanischen 19. Jahrhundert eingeschrieben waren. Brudermord, Gottesfurcht, die Vertreibung aus dem Paradies, Evas Rolle bei dem Debakel sowie alle möglichen weiß-patriarchalen Weltannahmehilfen lieferten bis zum Aufkommen der Psychoanalyse die zentralen Begriffe. Die Dramen ergaben sich aus einem Ringen mit den Dingen, während über die Seele so gedacht wurde wie man über die Erde dachte, solange das Ptolemäische Weltbild galt. Die Berechnungsgrundlagen erachtete man als gesichert.

Deshalb war auch Horror etwas Äußerliches.

Wilson entstammt einem Geschlecht von Phantasten – leicht erregbaren Grenzgänger*innen, die ihre Haltlosigkeit weitergaben und generationell Stabilität vermissen ließen. Im Akut einer miserablen Lage, die sich Wilson einzugestehen hat, gibt es nichts Tröstliches mehr.

Ein Mann legt Rechenschaft ab, bevor er abtritt: das ist der Gestus. Gleichzeitig verschwimmen die Erinnerungen zu einem „unterschiedslosen Heraufdämmern blasser Freuden und phantasmagorischer Qualen“.

Wilson lässt die drakonische Schulzeit Revue passieren. Der Rektor strafte ungerührt, verstimmt von seinem Amt. Er stand auch der Kirchengemeinde vor: in erschöpfter Omnipotenz.

In Gang hielt Wilson ein Rivale, der Ehrgeiz nur zu dem Zweck entwickelte, Wilson schlecht aussehen zu lassen. Er verhehlte sein Bestreben so geschickt, dass nur der Bearbeitete davon Wind bekam. Unbemerkt legte er sich mit seinem ganzen Gewicht auf Wilson und bedrückte ihn so mächtig. Er gab ihm aber auch Auftrieb und sorgte dafür, dass sich in Wilson die Spannung einer Feder aufbaute, während die Übrigen matt und unbeholfen ihre Hürden nahmen. Ihnen fehlte der Esprit, den zu beweisen, Wilsons unversöhnliche Interventionen erzwangen.

In der Handlungsgegenwart fehlt Wilson die Geistesgegenwart seiner Jugend. Das Gute hat sich verzogen, nur die Schwäche wohnt bei ihm als triste Heimsuchung. 

Der Spross eines vermaledeiten Stammes ist für sich selbst zum Spuk geworden. Das war abzusehen. Die guten Beobachter sahen es bereits bei den heimlichen Internatsinitiationsgelagen. Eine exzessive Winkel- und Nischenarchitektur begünstigte das Klandestine. Die Knaben waren mit Renten ausgestattet, die reichsten „Grafen Großbritanniens“ überboten sich in Großkotzigkeiten.

„Durch solche Mittel dem Laster anheimgegeben, brach mein angeborenes Temperament mit doppelter Heftigkeit hervor.“