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07.06.2020, Jamal Tuschick

Popeln - Eine Geschichte von Isobel Markus aus der Corona-Steinzeit

© Jamal Tuschick

F. und ich treffen uns am See. Die Welt spricht über das Corona-Virus und ich will auch, wenn ich schon mal einen Arzt vor mir habe und dazu ausnahmsweise mal nicht schwer krank bin. Ich habe ja etwas gegen Ärzte. Also natürlich nicht, ich finde sie bewundernswert, vor allem den einen, haha, aber jeder der mich kennt, weiß, dass ich nur im äußersten Notfall einen Arzt aufsuche. Ich versuche es im Krankheitsfall erst immer Mal mit den guten Tipps meiner Großmutter, die meistens helfen, warum auch immer. Das läge an meiner Einbildungskraft, sagte Großmutter dazu und ansonsten rät sie sowieso jedes Mal ich soll einfach Olbas nehmen. Olbas hilft eben bei allem, egal ob bei Kopfweh, Zahnschmerzen oder Erkältung, Verdauungsproblemen oder Muskelschmerzen, findet sie. Leider stinkt Olbas so nach ätherischen Ölen, dass es auch gegen Menschen hilft. Keiner nähert sich einem noch freiwillig, hat man es erst einmal benutzt. Insofern ist es auch super gegen Ansteckung. Soweit Großmutters Theorie.

„Wahrscheinlich gibt es schon viel mehr unentdeckte Fälle, dazu auch die Leute, die sehr milde Krankheitssymptome haben, vielleicht noch nicht einmal Fieber“, sage ich jetzt mit meinem gefährlichen Halbwissen aus den hineingefluteten Medienquellen der letzten Tage und schaue F. fragend an. Er brummelt „Hmmm Mmmmmh.“

„Das erhöht doch das Risiko, sich zu infizieren“, sage ich eifrig und schaue wieder fragend. „MMMh“, macht er. Ich finde ihn heute seltsam ungesprächig. Das nervt leider.

„Wir werden sehen“, sagt er jetzt und scheint im Gegensatz zu mir zum Verrücktwerden unaufgeregt, dabei dachte ich neulich mal, dass auf ihn demnächst eventuell viel Arbeit in der Intensivmedizin zukommen könnte.

„Immer schön die Hände waschen“, sagt er. Ich rolle mit den Augen, wie sonst nur meine Kinder, wenn ich sie vorsichtig anspreche. „Hast du noch bessere Tipps?“

„Nicht so viel popeln, das könnte sich ungünstig auswirken.“

Ich bleibe stehen und sage geschwollen: „Ich habe das Gefühl, du reagierst dem Ernst der Lage nicht grade angemessen.“

„Stimmt", sagt er. "Ich reagiere erst, wenn die Lage sich angemessen offenbart. Im Moment wissen wir einfach nicht, wie sich das entwickelt. So lange immer schön ruhig Blut und - “

„Immer Hände waschen“, ergänze ich.

„Genau“, sagt er und ich merke, er möchte nicht mehr darüber reden. Ich erzähle ihm also von meinem Salon und dass ich schon kurz überlegt habe, ob er besser verschoben werden sollte. Er zuckt die Achseln. „Im Endeffekt ist das Risiko dort genauso hoch wie in öffentlichen Verkehrsmitteln. Wir können uns nicht komplett schützen. Aber natürlich sind große Messen grad ein Problem.“ Ich nicke und muss nachdenklich ausgesehen haben, denn er sagt: „He, aber ich komme in jedem Fall.“

 „Auf keinen Fall!“ Es rutscht mir so heraus und erst jetzt sehe ich, wie erstaunt er ist. Erstaunt und auch ein bisschen hm- verletzt? „Ich meine, du kannst wirklich nicht kommen. Ich bekomme kein Wort heraus, wenn ich weiß, dass du da irgendwo sitzt und mich anstarrst.“

„Ach komm schon“, sagt F.

„Nein, ich meine das wirklich ernst“, sage ich. „Ich will nicht, dass Du kommst.“

„Na vielen Dank auch. Ist das eine offizielle Ausladung?“ Er klingt beleidigt.

„Ich habe dich ja nie eingeladen“, sage ich schnippisch.

„Wow, sehr freundlich.“ Er ist still.

„Und wenn ich mich reinschleiche?“

Ich schaue ihn finster an und sage: „Unmöglich in dem Raum. Du kannst gern im Anschluss kommen, aber wirklich nicht schon am Anfang. Das macht mich doppelt nervös.“

F. sagt nichts. Er stapft neben mir her und schaut auf seine Füße.

„Okay?“, frage ich vorsichtig.

„Mal sehen“, meint er und dann sagt er gar nichts mehr. Bestimmt 10 Minuten lang nicht. Zehn Minuten können lang sein, wenn man um einen See läuft und keiner was sagt.

„Ich schaff das wirklich nicht mit der Aufregung, wenn du da bist, ist nicht böse gemeint“, erkläre ich noch mal.

F. antwortet nicht. Fast ist es ein bisschen lustig, wie er guckt. Wie meine Kinder im Trotzalter, aber wenn ich jetzt lache, dann wird alles umso schlimmer, das ahne ich.

F. schießt einen Kienapfel ins Schilf und schreckt damit zwei Haubentaucher auf, die fürchterlich schimpfen. Ich lache. Aber nur vorsichtig. F. guckt mich zickig an.

Die Haubentaucher finden sich auf dem See wieder und der kleinere Vogel schwimmt hinter dem Größeren her und meckert die ganze Zeit in Haubentauchersprache. Der Größere schwimmt einfach weiter.

„Guck, genau wie du Blässhuhn“, findet F. Ich schaue erbost. „Töh, ist doch genau andersherum. Außerdem sind das Haubentaucher.“ Er schaut triumphierend und ich ahne, dass er auch noch Recht hat. Blöde Blässhuhnrechthaberei.

"Wetten wir?", fragt er siegesgewiss und jetzt sage ich einfach nichts mehr. Der kann mich mal.

Nach einer Weile seufzt F.: „Also, wenn das immer so wird, dass einer beim Streiten irgendwann nichts mehr sagt, müssen wir das aber echt noch mal üben.“

Ich schaue noch kurz finster, aber insgeheim mag ich Männer, die sich auch gern mal streiten wegen so einem Scheiß. Aber das sage ich ihm natürlich nicht.

(Natürlich hatte er Recht und es stellte sich nach kurzer Recherche wirklich heraus, dass es Blässhühner waren, aber das sagte ich ihm natürlich auch nicht.)