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09.06.2020, Jamal Tuschick

Übungen in imperialistischer Nostalgie

James Bonds anhaltende Wirkung erklärt sich mit seiner Funktion als Trostfigur. Bond ist der britische Rambo. So wie der Vietnamkrieg im amerikanischen Kino transformiert wurde, so verwandelte Bond-Schöpfer Ian Fleming den Verlust der britischen Kolonien in einen Kultursieg.

Der erste James Bond-Roman erscheint im Jahr der Krönung Ihrer Majestät der Königin von England 1953. „Casino Royale“ zeigt vor allem, dass James Bond von seinem Schöpfer nicht als unschlagbarer Hulk angelegt wurde. Bond zweifelt an seinen Fähigkeiten. Er beweist zwar selbstentleibende Einsatzbereitschaft, stößt aber immer wieder an seine Grenzen, ohne indes einer post-heroischen Sichtweise Vorschub zu leisten.

Bond steht in einer Tradition epochemachender Sportsmänner. Er rechnet sich zu den bewahrenden Kräften. Seine Loyalität ist keimfrei und grenzenlos. Sie hat kein Milieu. Man kann sich Bond schwerlich in einer Gesellschaft rückwärtsgewandter Monarchisten vorstellen. Er braucht nur eine Mission. Ihn interessiert allein die Praxis. Die Praxis erschöpft sich im Identifizieren, Aufspüren und Ausschalten des von Haus aus übermächtigen und skrupellosen Feindes. Das vollzieht sich nicht vom ersten Abenteuer an so stilvoll wie es später der Ikonografie eingeschrieben wird. Zunächst erscheint Bond eher wie ein Camper auf der freien Wildbahn, der, wenn er in der Stadt zu tun hat, die Form achselzuckend wahrend, einen Anzug trägt. Er könnte als Modell für Freizeitkleidung durchgehen.

Ian Flemings jüngerer Bruder Peter war der bessere Fleming und der wahre Bond. 

Eingebetteter Medieninhalt

„Von den Windsors verweht“

In den 1940er Jahren vergrößert Ian Fleming den Kreis britischer Exzentriker auf Jamaika. Die Veteranen halten Hof im obsoleten Geist des Empire. Fleming-Biograf Matthew Parker spricht von „Übungen in imperialistischer Nostalgie“ und einer allgemeinen Rentabilitätsverachtung. Wer in Flemings Nachbarschaft eine Residenz unterhält, lebt anderenorts noch schlossherrschaftlicher. Einige Expatriierte sind aus den höchsten Kreisen verbannte Verwandte des Königs, dessen Bruder Edward bekanntlich in der Ehe mit Wallis Simpson verbürgerlichte.

Matthew Parker, „Goldeneye - Ian Fleming und Jamaika. Wo James Bond zur Welt kam“, aus dem Englischen von Felix Mayer, Septime, 504 Seiten, 26,-

Matthew erwähnt den sechsten Baron Brownlow aka Peregrine Francis Adelbert Cust; Perry für seine Freunde. Brownlow war ein enger Freund des achten Edwards und dessen Hauptmann der Gentlemen-at-Arms. Er chauffierte Frau Simpson außer Landes und galt fürderhin als verstrickt in die Abdication Crisis, auf die wir uns auch noch einmal stürzen werden, da sie so oft als Beispiel für wahre Liebe herangezogen wird. Für jene, die imstande waren, den royalen Stunt nicht zu verwackeln (Shaken, not stirred) und die Macht im Haus zu halten, zählte Brownlow zu den Illoyalen.

Das Verhältnis von Eigenmächtigkeit und Loyalität

Fleming ergründet unter der Hand der Spannung das Verhältnis von Bonds Alleingängen (sowie anderer Furiosa der Eigenmacht) und seiner bedingungslosen Loyalität gegenüber der Krone. Bond entdeckt man nie auf der Seite von Abtrünnigen, obwohl er vollkommen unterkühlt auf jeden ideologischen Vortrag reagiert. Er hat kein Problem mit der Atombombe, solange sie britisch ist. Als perfekte Verkörperung des Kalten Kriegers macht er sich über den Kommunismus keine Gedanken. Er ist einfach nur dagegen.

Seine Vorlieben teilt er mit Fleming. Beide sind elaborierte Tropentresentrinker. Sämtliche Bars, deren Spiegel in den Bond-Romanen das Geschehen spiegeln, sind, so Parker, dem Liguanea Club nachmodelliert.

„The Club has been used extensively in media promotions and feature films the most notable being the making of the James Bond Movie – Dr. No which featured the entrance to the Club in its opening shots and the lead actor, Sean Connery, was a guest at the Club.“ Quelle

Exotik ist ein von Fleming in der Vorzeit des Pauschaltourismus blumig beackertes Thema. Die Sundowner-Frenetik transportieren Randfiguren, um Bond nicht mit einer sentimentalen Aura zu belasten. Bonds Durchsetzungsvermögen soll nicht vom Empfindungsreichtum verdrängt werden. Flemings Geschöpf bedauert den Niedergang des Empire gemeinsam mit seinem Schöpfer. Die Verlustgefühle zeichnen sich vor einem knurrig skizzierten Sehnsuchtshorizont ab. 

Bananenbarone auf Jamaika

Die Großgrundbesitzer sind in jeder Hinsicht britisch gebliebene Jamaikaner. In der „Ära des grünen Goldes“ wird die Insel zum Hauptumschlagplatz für Bananen. Über siebzig Prozent der Ernte geht nach England. Zeugen schildern die Bananenbarone als eine Bande „unbekümmerter Kerle, die ordentlich tranken und eine Menge Frauen hatten“.

Ian Fleming passt als trinkender und liebesuntüchtiger* Draufgänger in das tropische Schema. Deshalb hat er auch keine Akzeptanzprobleme, als er sich auf der Insel einquartiert. Er bringt den richtigen Stallgeruch mit. Damit parfümiert er dann auch sein literarisches Ideal-Ich James Bond, der nirgendwo besser ankommt, als in der Karibik.

*„Gleichzeitig wusste (James Bond) tief in seinem Inneren, dass weder Mary Goodnights** Liebe noch die einer anderen Frau jemals ausreichen würde. Es war, als würde man ein Zimmer mit Aussicht beziehen. Für James Bond würde die ewig gleiche Aussicht immer langweilig sein.“ Der Mann mit dem Goldenen Colt

**Mary Goodnight (Britt Ekland) ist eine MI6-Sekretärin, die an den Supermann glaubt. Während die Schirmherren der amtlichen Unterwelt Bond nach einer Mission in Japan aufgegeben haben, spürt Mary Goodnight, dass ihr Lieblingsagent noch lebt. Tatsächlich trifft sie ihn auf Jamaika, wo sie eine Bikinirolle als Sekretärin ausfüllt. Das war der Job: Im Bikini stundenlang gut auszusehen.