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10.06.2020, Jamal Tuschick

Eine Würdigung von Klaus Baum

Charles Dickens – Der hundertfünfzigste Todestag

Er ist Dichter des Elends und Anwalt der Hungernden und Gedemütigten, und er ist gleichzeitig Kritiker der Selbstgerechten und Kaltherzigen. Wie bei vielen Künstlern, so sind auch ihm die Leiden seiner Kindheit eindrücklich im Gedächtnis geblieben: Er hatte als Kind mit seinen in Armut geratenen Eltern im Schuldgefängnis leben und durch Arbeit in einer Schuhcreme-Fabrik zum Lebensunterhalt der Familie beitragen müssen, das heißt, er selbst hatte erlebt, was es bedeutet, gesellschaftlich deklassiert und deswegen herablassend und lieblos behandelt zu werden.

Dickens war 1838 sechsundzwanzig Jahre alt, als >Oliver Twist<, sein zweiter Roman, erschien. Er erzählt darin die Geschichte eines Jungen, der – gleichsam im Augenblick seiner Geburt – zum Waisenkind wird und nun gezwungen ist, die Brutalität und Härte öffentlicher Fürsorge und Fürsorger über sich ergehen zu lassen.

Dickens schildert nicht nur die Ängste und Leiden, die seelischen Qualen und den Schmerz des kleinen Oliver, sondern ebenso den Egoismus und die selbstgerechte Kälte der Erwachsenen in Gestalt etwa des Aufsehers, Mr. Bumble, und des Gemeinderats, der Vorsteherin des Armenhauses und einiger Lehrherren, die mit ihren Lehrlingen noch schlimmer umgehen als mit ihren Eseln, die sie wenigstens nicht zu Tode prügeln, da sie teuerer sind als Kinder.

Das Bild, das die übermächtig Erwachsenen von den Waisenkindern haben, ist deterministisch. Ihre Sichtweise ist unerschütterlich: Wer arm geboren wird, kann nur am Galgen enden. Das Kind wird bereits von den Vorurteilen stranguliert.

Der in Armut Geratene hatte zur Zeit des englischen Frühkapitalismus nur zwei Möglichkeiten: entweder zu verhungern oder – wenn er überleben wollte – kriminell zu werden. Diesem Zynismus der herrschenden Verhältnisse begegnet Dickens mit beißendem Sarkasmus, indem er der Ausweglosigkeit doch noch eine Alternative hinzufügt: >>im Armenhaus bei täglich drei Mahlzeiten von dünner Hafergrütze langsam zu verhungern.<<. Erfreulich daran war für den jeweiligen Gemeinderat, so Dickens, daß die Zahl der Armenhausinsassen auf diese Weise ebenso abnahm wie die Zahl der Armen selbst; erfreulich, weil die Gemeinden zuständig waren für die Versorgung der sozial Bedürftigen, die innerhalb ihrer Grenzen geboren wurden. Der Arme, schreibt Dickens, wurde als >>unnützer Ballast<< empfunden, der >>wie ein Mühlstein der Gemeinde am Halse<< hing. Um diesen Ballast loszuwerden, versuchte man, die Armut buchstäblich auszuhungern.

Oliver wächst zunächst in einer Zweigstelle des Armenhauses zusammen mit etwa dreißig anderen Kindern unter der >>Aufsicht einer ältlichen Frau<< namens Mrs. Mann heran.

Dickens schreibt: Mrs. Mann erhielt für diese armen Kinder >>eine Entschädigung von siebeneinhalb Pence pro Kopf und Woche<<, und er fügt sarkastisch hinzu: Die Kleinen konnten >>ohne allzu große Belästigung durch Nahrung und Kleidung den ganzen Tag auf dem Boden herumkugel[n]. Siebeneinhalb Pence […] sind ein ganz schönes Kostgeld für ein Kind; für siebeneinhalb Pence kann man eine ganze Menge bekommen – genug jedenfalls, um den Magen eines Kindes zu überladen und ihm Unbehagen zu bereiten. Die ältliche Dame war eine kluge und erfahrene Frau; sie wußte, was Kindern guttat – und sie wußte auch sehr genau, was ihr selbst guttat. Deshalb verwendete sie den größeren Teil der wöchentlichen Zuwendung für sich und setzte die heranwachsende Generation der Gemeindekinder auf noch knappere Rationen, als sie ihnen ursprünglich zugedacht waren. Dabei fand sie selbst in der tiefsten Tiefe eine noch tiefere und erwies sich so als eine höchst bedeutende Experimentalphilosophin.<<

Mrs. Mann nutzt das schmale Budget, das den Kindern zugedacht ist, um sich selbst zu bereichern. Sie folgt damit jenem Laissez-faire-Prinzip, das der um 1800 in England wirkende Philosoph des Utilarismus, Jeremy Bentham, verkündete: Ein jeder sollte seine egozentrierten Interessen verfolgen, ohne daß der Staat ihn durch einschränkende Gesetze daran hindert.

Dickens bestätigt eine geschichtlich wiederkehrende Erfahrung, die besagt, egal wie schlimm menschliche Verhältnisse sind, es gibt immer Wissenschaftler und Philosophen, die der Barbarei akademische Weihen verleihen. Und so polemisiert er in Anknüpfung an seine Kritik der Mrs. Mann vermutlich gegen den Nützlichkeitsfanatiker Bentham, wenn er schreibt: >>Jedermann kennt die Geschichte jenes […] Experimentalphilosophen, der die großartige Theorie entwickelte, ein Pferd könne leben, ohne zu fressen. Er [realisierte dies auf hervorragende Weise, indem] er [die Ration für sein]* Pferd bis auf einen Strohhalm pro Tag herabsetzte – und er hätte aus ihm zweifellos ein höchst feuriges und wild umherspringendes Tier ohne jegliche Nahrung gemacht, wenn es nicht vierundzwanzig Stunden, bevor es seine erste stärkende Fütterung [bloß] mit Luft erhalten sollte, gestorben wäre.

Zum Unglück für die Experimentalphilosophie [von Mrs. Mann], deren Obhut Oliver anvertraut wurde, kam ein ähnliches Ergebnis gewöhnlich bei der Anwendung ihres Systems zustande; denn im gleichen Alter, wo ein Kind so weit gekommen war, daß es mit der kleinstmöglichen Menge der denkbar kraftlosesten Nahrung zu leben vermochte, geschah es boshafterweise in achteinhalb von zehn Fällen, daß es entweder durch Entbehrung und Kälte krank wurde, durch Nachlässigkeit ins Feuer fiel oder zufällig halb erstickte; und in jedem dieser Fälle wurden die unglücklichen kleinen Wesen in eine andere Welt abberufen und dort zu den Vätern versammelt, die sie in dieser Welt nie gekannt hatten.<<

Wer diese armen Kinder als lästig empfindet, sich an dem wenigen, was ihnen gewährt wird, noch persönlich bereichert, hat kein Sensorium für ihre Seelenängste, ihre Gefühle, ihre Phantasien und Traumwelten; er hat kein Organ für ihr Bedürfnis nach Wärme, Zärtlichkeit, Nähe und Verständnis. Die brutalen Erwachsenen, gleichsam die Aufseher in der nahezu hermetischen Welt der Fürsorge, gleichen Folterknechten, die in ihren Opfern nur Objekte der Mißhandlung sehen. Was diesen Bütteln der Obrigkeit, die in ihrer Verhärtung sich kaum unterscheiden von ihren Gegenspielern, den Verbrechern, was ihnen völlig abgeht, ist Einfühlungsvermögen, ist die Fähigkeit, sich in die kindliche Seele hineinzuversetzen oder von einem anderen Menschen her zu denken, im anderen die eigene Bedürftigkeit und das eigene Lebensrecht wiederzuerkennen.

Aber üblicherweise sehen die Handwerkerfamilien in den Waisenkindern, die man zu ihnen bringt, kaum eine Ersparnis.

>>Sie kosten immer mehr an Unterhalt als sie wert sind.<<

So lautet der Kommentar der Frau des Leichenbestatters, bei dem Oliver mit neun Jahren eine Lehre beginnen soll. Und da das Kind noch sehr klein und schmächtig ist, erbarmt ((ironisch)) sich die Frau des Leichenbestatters und offeriert dem ausgehungerten Jungen bei seiner Ankunft Fleischreste, die der Hund des Hauses am Morgen verschmäht hatte.

>>Olivers Augen leuchten auf bei der Erwähnung von Fleisch, und zitternd vor Begierde wartet er nun darauf, es hinunterzuschlingen.<<

Dickens verbindet die Schilderung dieser Szene erneut mit einer Polemik gegen die Erfahrungsarmut und Realitätsferne der Philosophen:

>>Ich wünschte, irgendein wohlgenährter Weltweiser, dessen Speise und Trank sich in ihm zu Galle verwandeln, dessen Blut wie Eis und dessen Herz von Stein ist, hätte sehen können, wie Oliver über die Leckerbissen herfiel, die der Hund verschmäht hatte. Ich wünschte, er wäre Zeuge davon gewesen, mit welch furchtbarer Begierde wilden Hungers Oliver die Stücke auseinanderriß. Ich wüßte nur eines, was mir noch lieber wäre – nämlich, den Philosophen selbst dieses Mahl mit der gleichen Eßlust einnehmen zu sehen.<<

In einer Welt der Kälte und Empfindungslosigkeit kann ein Kind, das noch nie die Erfahrung gemacht hat, von den Eltern, Verwandten oder anderen Erwachsenen in irgendeiner seiner Äußerungen, Regungen, Handlungen ernst genommen und verstanden worden zu sein, in einer solchen Welt mangelnder Einfühlung und Zuneigung kann dem Kind oder Jugendlichen Dichtung zu einer Art Offenbarung werden, vorausgesetzt, es gibt für das Kind überhaupt die Möglichkeit, Bücher zu lesen – und die erste Vorausetzung dafür ist Alphabetisierung.

Frühe Erfahrungen beim Lesen artikulieren sich oft in der Frage: >Woher weiß der Dichter (Autor?) das von mir?< Dem Leser unbekannt, aus einem anderen Jahrhundert stammend, ist er ihm doch näher als die Menschen, die seine unmittelbare Lebenswelt ausmachen.

Einer der Gründe für das Gefühl der Vertrautheit, dafür, daß der Schriftsteller jemand ist, der auszusprechen vermag, was man bisher nur in sich und scheinbar als einziger fühlte und dachte, einer dieser Gründe liegt in der Fähigkeit des Künstlers, sich zu erinnern, das heißt, sich nicht von der jeweiligen Gegenwart überwältigen, betäuben, korrumpieren zu lassen, sondern das, was er selbst einmal an Leiden erfahren hat, im Schreiben zu vergegenwärtigen. Die Lieblosigkeit der Erwachsenen, die Oliver erfährt, gleicht der Eisschicht auf einem See: Oliver lebt unter ihr, und das Eis scheint ewig. Daß es jenseits davon einfühlsame Menschen gibt, daß noch eine andere Dimension des menschlichen Daseins existiert, bleibt ihm, solange er noch der Fürsorge des Armenhauses und der Sphäre seines Lehrherren ausgeliefert ist, völlig unbekannt. Das gleiche gilt für Olivers späteren Aufenthalt in den Elendsvierteln von London, in der Welt des Verbrechens, die von Fagin, einem Juden, regiert wird. Bestandteil jener Eisschicht aus Lieblosigkeit sind die sprachlichen Urteile, mit denen man Olivers Wesen und Charakter erstickt. Nicht ein einziges Mal erreicht diese Sprache menschlicher Kälte die Innenwelt des Kindes. Sprache dient der Erledigung, nicht der Erkenntnis.

Erst Dickens vermittelt dem Leser die Innenperspektive kindlichen Leidens, die menschliche Seite der Opfer. Kunst, nicht nur in Gestalt des Romans über Oliver Twist, ist das Bewußtsein der Gleichzeitigkeit unterschiedlicher, wenn nicht sogar entgegengesetzter Lebenssphären. Dickens schreibt: >>Die Nacht war bitter kalt. […] Es war, als wollte [der Sturmwind] seine ganze Wut […] austoben, indem er den Schnee in Wolken wild emporriß und ihn wie tausend feuchte Nebelschleier ringsum durch die Luft wirbelte. Rauh, finster und schneidend kalt war es – so recht eine Nacht, in der jene, die satt waren und ein sicheres Dach über dem Kopf hatten, am hellen Feuer zusammenrückten und Gott dankten, daß sie daheim waren – und in der die Heimatlosen, die Elenden, die am Verhungern waren, sich zum Sterben niederlegten. Viele vom Hunger verzehrte Ausgestoßene schließen in solchen Nächten bei uns auf offener Straße die Augen für immer […].<<

Der Dichter spricht nicht nur für die Kinder im Sinne der Vergegenwärtigung dessen, was für ihn selbst der Vergangenheit angehört, sondern auch für alle, die jetzt, in diesem Augenblick, in dem er schreibt, von einem menschenwürdigen Leben ausgeschlossen, die von der Gesellschaft der Erfolgreichen nach dem Motto >rücksichtsloses Besitzstreben muß sich wieder lohnen< zuallerst hervorgebracht worden sind.

Der Roman >Oliver Twist<, das wäre abschließend zu Dickens zu sagen, gehört – wie in Amerika >Onkel Toms Hütte< – zu den wenigen Glücksfällen, in denen Literatur eine enorme soziale Wirkung hatte. Dickens hat nicht nur die Armengesetzgebung in seinem Land beeinflußt, sondern auch die öffentliche Meinung im Hinblick auf Kinderarbeit, Armenhäuser und Verbrechensbekämpfung.

Wenn man sich in diesem Zusammenhang vor Augen hält, daß die Forderung nach ungezügelter Durchsetzung egozentrierter Interessen sich ebenso bei Jeremy Bentham findet, dem utilaristischen Philosophen um 1800, wie bei den Ideologen des Reaganismus und Thatcherismus, und wenn man bedenkt, daß rassistisches Gedankengut sich ebenso bei dem Deutschen Christoph Meiners um 1790 wie zum Beispiel heute bei den Red-Necks und ihren akademischen Fürsprechern in Amerika finden läßt, dann wird deutlich, daß Geschichte nicht als linearer Ablauf zu sehen ist, gleichsam als ein Fortschreiten von der Barbarei zur Humanität, sondern als ein Machtkampf um die Wirksamkeit von Ideologie.

Umso schlimmer ist es, wenn gegenwärtig Wissenschaftler und Philosophen die zunehmende Vorherrschaft sozialer Ungerechtigkeit nicht als die Wiederkehr einer bereits schon einmal dagewesenen Machtkonstellation erkennen, sondern diese Machtkonstellation, weil sie jetzt wieder dominant ist, als richtig auch bestätigen. Moralische Impulse, die sich gegen die Vorherrschaft einer neuen und gleichwohl alten Ausbeutermentalität zur Wehr setzen, werden als antiquiert belächelt. Die neue Asozialität mag zwar den Fortschritt ökonomischer Produktionsformen, sie mag die weltweite Konzentration des Kapitals und dessen Dynamik auf ihrer Seite haben, aber das macht doch die Empörung gegen das Unrecht nicht überflüssig. Gedichte, wie das von Heine, oder Dramen, wie das von Hauptmann über die schlesischen Weber, Gedichte oder Dramen, die sich der Opfer annehmen, der Opfer machtgestützter Bereicherung einiger weniger, haben zwar die Industrialisierung nicht aufgehalten, aber sie haben das Leiden der Ausgebeuteten zur Sprache gebracht; sie haben es aufbewahrt im Sinne eines historischen Gedächtnisses der Inhumanität. Dem dekonstruierten, orientierungslosen und – wie es Benjamin Korn nannte – dem verfetteten Denken heute zählt solche Erinnerung wenig.