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14.06.2020, Jamal Tuschick

Der mexikanische Koffer

Gerda Taro bereichert die Ikonografie des republikanischen Widerstands in Spanien ab 1936 als Porträtierende und als Porträtierte. Ihre Arbeits- und Lebenshochzeit erlebt sie gemeinsam mit Robert Capa (Endre Ernő Friedmann), in dessen Schatten Taros Œuvre abtaucht. Beide sind Pioniere der fotografischen Autorenschaft. Gemeinsam entwickeln sie einen passioniert-empathischen Dokumentationsstil.

Willkommen im Club 27

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„Das Mädchen mit der Leica“ – Die Titelheldin, eine in der Schweiz sozialisierte und in Leipzig zur Sozialistin gewordene Stuttgartin mit galizischem Hintergrund, erlangt als erste Kriegsfotografin kurzzeitig Weltruhm. Gerda Taro (Gerta Pohorylle, 1910 - 1937) flieht bereits 1933 nach Frankreich. In Paris macht sie eine Fotografin aus sich. Sie bereichert die Ikonografie des republikanischen Widerstands in Spanien ab 1936 als Porträtierende und als Porträtierte. Ihre Arbeits- und Lebenshochzeit erlebt sie gemeinsam mit Robert Capa (Endre Ernő Friedmann), in dessen Schatten Taros Œuvre abtaucht. Beide sind Pioniere der fotografischen Autorenschaft. Gemeinsam entwickeln sie einen passioniert-empathischen Dokumentationsstil. Im Juli 1937 fotografiert die Parteigängerin bei El Escorial einen deutschen Luftangriff. Sie gerät unter die Ketten eines befreundeten Panzers und stirbt rechtzeitig für den Club 27*. Sie scheidet als Götterliebling und Massenidol aus. Zwar kriegt sie ein fulminantes Begräbnis auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise, mit Pablo Neruda und Louis Aragon in der Premiumtrauerreihe und einem Grabstein von Alberto Giacometti, wird dann aber rasch vergessen.

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Der mexikanische Koffer

Wir kennen das Phänomen. Capa überlebt das spanische Engagement. Er fotografiert die Alliierten am D-Day in der Normandie. Ihn erwischt es 1954 im Indochina-Krieg in Thái-Bình. Sein Ruhm scheint unvergänglich.

Helena Janeczek, „Das Mädchen mit der Leica“, Roman, Deutsch von Verena von Koskull, Berlin Verlag, 350 Seiten, 22,-

*„Es begann (bestimmt nicht erst) mit dem Tod von Brian Jones († 1969), der zum ersten „Mitglied“ des (Nachkriegsklubs) wurde. Anfang der 1970er verstarben die Musiker Jimi Hendrix († 1970), Janis Joplin († 1970) und Jim Morrison († 1971). Nach dem Suizid von Kurt Cobain († 1994) erlangte das Konzept des „Klub 27“ große Bekanntheit. So wird der „Klub“ seit dem Tod Cobains in dutzenden Musikmagazinen und Fachzeitschriften als auch in der Tagespresse immer wieder zitiert. Mit dem Tod der Sängerin Amy Winehouse († 2011) erlangte der „Klub 27“ erneute Aufmerksamkeit.“ Wikipedia

Jahrzehnte nach ihrem Tod entdeckt man in nachgelassenem Diplomatengepäck achthundert Negative von Taro. Der Fund lässt das Interesse an der Fotoreporterin aufleben. Er untermauert Taros Souveränität.

Weiß man das alles, entwirrt sich Helena Janeczeks assoziative Annäherung. Die Medizinerkoryphäe Willy Chardack erinnert sich im ersten Durchgang mit dem Abstand von über zwanzig Jahren an das Großereignis der Beerdigung. Die Trauerkolonne wälzte sich „mit quälender Langsamkeit“ über das Pflaster.

„Der Schweißdunst der Arbeitermassen …“

Die Vereinnahmung war total. Taros Tod gehörte der Republik, nicht nur der spanischen. Beansprucht wurde die schönste Leiche der Revolution auch „von der Flüchtlingsbohème und der Pariser Intelligenzija“.

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Helena Janeczek wurde 1964 als Kind polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in München geboren. Nach dem Abitur dort ging sie 1983 zum Studium nach Italien; heute lebt sie mit Sohn und zwei Katzen in Gallarate und arbeitet in Mailand (zunächst als Lektorin beim Verlag Adelphi, später bei Mondadori). Helena Janeczek schreibt für die Literaturzeitschrift Nuovi Argomenti und kuratiert in Gallerate das Literaturfestival SI Scrittrici Insieme. 1989 veröffentlichte sie in Deutschland beim Suhrkamp-Verlag ihre Gedichtsammlung Ins Freie. Im Jahr 1995 besuchte sie gemeinsam mit ihrer Mutter die Gedenkfeier zur fünfzigjährigen Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau. Das 1997 erschienene Lezioni di tenebra setzt sich autofiktional mit ihrer Familiengeschichte auseinander und ist eines der bedeutendsten Beispiele eines solchen Textes der zweiten Generation nach dem Holocaust. Es wurde mit dem Premio Bagutta Opera Prima und dem Premio Berto ausgezeichnet. 2002 folgte Cibo, ein romanhaftes Mosaik aus Geschichten um das glückliche oder unglückliche Verhältnis von Frauen (und Männern) zu den Themen Essen, Körper und Verlangen. Danach veröffentlichte sie zwei Erzählungsbände und Essays - unter anderem Bloody Cow, eine Streitschrift zum Rinderwahn, das seinem ersten Opfer, einem vegetarisch lebenden Mädchen, gewidmet ist. Ihr Roman Le rondini di Montecassino erschien 2010 (Premio Napoli, Premio Pisa und Premio Sandro Onofri), gefolgt von La ragazza con la Leica (2017). Dieser Roman über die Fotografin Gerda Taro erhielt 2018 ebenfalls den Premio Bagutta und den wichtigsten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega.

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