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15.06.2020, Jamal Tuschick

Agentin eines anderen Lebensstils

„Um eine Sache gut machen, muss man seine Arbeit nicht mögen.“

Mit dieser Einstellung studiert Dave Medizin. Seine Leidenschaft gehört der Immobilienbranche. Er spielt den trockenen Hai und bewertet seine Chancen als Tycoon ohne Einsatz.

„Den Immobilienmarkt verfolgte ich wie andere Männer Baseball: Ich konnte Statistiken auswendig herbeten, spielte aber nie selbst.“

Dave ist der Sohn eines besessenen Bauunternehmers, eines Inselbegabten ohne arrondierendes Repertoire. Cyril Conroy kassierte die Miete persönlich und stümperte hausmeisterlich herum. Sein psychologisches Einfühlungsvermögen zitterte an der Nullmarke. Er verirrte sich in seinem Eheleben und gab seinen Kindern das Gefühl, in ihrem Elternhaus nur geduldet zu sein. Aus schierem Hochmut schränkt sich Dave als Famulus über jede Notwendigkeit hinaus ein. In einer Art Delirium des Stolzes versucht er einer bösen Stiefmutter mit Bescheidenheit heimzuleuchten. Andrea kümmert der Kleinstadtheroismus einen feuchten Dreck. Sie mobbt ohne Skrupel die Kinder ihrer Vorgängerin aus dem Haus und schimpft sie Verräter.

Ann Patchett gibt Andreas Niedertracht die mythische Dimension. Sie beschreibt eine Frau, die aus Berechnung heiratet, mit zwei kongenial-versnobten Töchtern einmarschiert und die Ursprungsverhältnisse solange von den Füßen auf den Kopf stellt, bis die Füße direkt aus dem Kopf kommen.

„Das beste Haus der Welt sieht für jeden anders aus.“

Eingebetteter Medieninhalt

Erinnert sich Maeve, marschieren nicht nur Vater und Mutter auf. Manche Schauplätze ihrer Kindheit gleichen Sehenswürdigkeiten, die zwar ihre physische Existenz in Bulldozer-Einsätzen und anderen Entfernungen verloren haben, aber nicht ihre Aura, auf die an Spiegel geklemmte Postkarten, Billetts und Fotografien hinweisen. Erinnert sich Maeves jüngerer Bruder Dave verdunstet jede Klarheit. Dave wuchs mit dem Gefühl auf, von der Mutter verlassen und vom Vater kaum bemerkt worden zu sein. Einmal passiert er Straßenzüge in Brooklyn und versucht Honig aus der Information zu saugen, dass die Kindheit des Vaters in dieser Gegend stattfand.

Cyril Conroy deutet dem Sohn gegenüber Überformungen und Befall des Ursprünglichen an und weist auf Beispiele verspäteter Daseinsformen hin. Viel mehr Familienwissen erwirbt Dave nicht. Der Vater leistet den Widerstand eines schroffen Geländes, sobald familiärer Zusammenhalt naheliegend wäre.

Stören ihn seine Kinder?

Cyril verirrt sich in einer zweiten Ehe mit einer grässlichen Andrea, die ihre Töchter, den Nachwuchs der Vorgängerin intrigant übergehend, in Premiumpositionen manövriert.

Ann Patchett, „Das Holländerhaus“, Roman, auf Deutsch von Ulrike Thiesmeyer, Berlin Verlag, 399 Seiten, 22,-

Dave dient die große Schwester als unerschöpfliche und unersetzliche Quelle. Maeve ersetzt die abgängige Mutter im Eifer einer maßlosen Selbstaufopferungsbereitschaft. Ihre Vorsprünge grenzen ans Sagenhafte.

In jeder Hinsicht erscheint sie vorbildlich, während Cyril in seiner Indifferenz keine väterliche Gestalt annimmt. Seltsam isolationistisch bewohnt er das titelstiftende Holländerhaus an den Bedürfnissen seiner Angehörigen vorbei.

Ann Patchett, 1963 in Los Angeles geboren, lebt als Schriftstellerin und Kritikerin in Nashville, Tennessee. Ihr Roman „Bel Canto“, übersetzt in dreißig Sprachen, wurde mit dem PEN/Faulkner Award und dem Orange Prize ausgezeichnet und war auch in Deutschland ein großer Erfolg. „Familienangelegenheiten“ stieg in den USA auf Platz 8 der New-York-Times-Bestsellerliste ein.