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16.06.2020, Jamal Tuschick

Vom Fettdruck geschändet/Brutalistische Typografie

Zum Tod von Jörg Schröder

Ich lese noch einmal „Siegfried“. Die verfrühte Autobiografie in herausragendem, vom Fettdruck geschändetem Gelb bot sich mir zur Kontaktaufnahme an. Zum ersten Mal las ich das Buch in einem Raum voller Kunst und Bücher. Im Zentrum stand ein Samowar. Auch Ebrus schmückten die Wände. Nur eine Familie in Kassel wohnte so, nämlich mit verspielten Zitaten obsolet-osmanischer Aristokratie und konstruktivistischer Kunst, die von Max Bense und Eugen Gomringer rezipiert wurde. Es gab keinen Millimeter Mainstream. Da erschloss sich nichts um drei Ecken aus bloßer Anschauung. So einen Oskar Schlemmer oder Adolf Fleischmann kannte man nicht mal so eben, wenigstens nicht als Vorstadt-Dörfler, der ich war. Das war die Stuttgarter Schule, Schröder hätte das gefallen. Er hatte das Feinste gern. Ich habe ihn nie vorliebnehmen sehen. Über Arno Schmidt machte sich Schröder auch als ewigen Spaghetti-Esser im Kohldampfgeist deutscher Landsknechte lustig. Das gehörte zum selben Leisten wie das Französischverbot für alle Nichtfranzosen, die nicht wenigstens besser Französisch sprachen als wenig gebildete Franzosen. Schröder riet: niemals radebrechen.

Ich schwelge also unterschichtlich in dieser Großartigkeit, die, soweit es das Osmanische betrifft, auch den dritten Napoleon ins Boot holt, weil sich die türkische Oberschicht des 19. Jahrhunderts an Frankreich orientierte, bevor der kranke Mann vom Bosporus am deutschen Ingenieurswesen genesen wollte. Und in diesen Zauber donnert nun Schröders angebliche Selbstentblößung. So ungefähr sagte es Helmuth Karasek. 

Zum Text

Zuerst kommt der Zwiespalt. Der kleine Jörg trägt gern Uniform und Nazirangabzeichen, obwohl sein Vater, ein preußischer Sozialdemokrat in der inneren Emigration dagegen ist. Die Herkunft der Mutter überschattet Ungewissheiten. Sie wächst im Pankower Rosenthal auf. Das liegt bei mir vor der Haustür.

Jörg Schröder erzählt Ernst Herhaus, „Siegfried“, Schöffling & Co., 28,-

Das erste Wort für die bedingungslose Kapitulation ist „Umbruch“. Man rechnet in den Einheiten vor und nach dem Umbruch. Alles geht holterdiepolter drunter und drüber. Es herrscht das Regime Einquartierung zunächst in Abwesenheit von Kurt Schröder, dem Namensgeber und Ernährer des kleinen Jörg.

Ob er auch der leibliche Vater ist?

Zumindest kommt er für die Rolle in Frage. Kurt konkurriert mit zwei Männern, die schon lange nicht mehr in Deutschland leben. Die Nazifassade des insgeheimen Sozis wird Schröder Senior zum Verhängnis. Er entgeht aber dem Gulag und entkommt in die amerikanische Zone. Seine Frau Edith wirtschaftet ohne ihn weiter in Sowjetberlin. Sie tut sich mit dem Titelhelden Siegfried Neusch van Deelen zusammen. Schröder deutet an, dass stets ein Liebhaber in Bereitschaft steht. Er hält es für möglich, einen jüdischen Samenvater zu haben. Für diese Variante bieten sich gleichermaßen der Rumäne Marcel und ein deutscher Martin an. Beide sind vorausschauende Fabrikantensöhne. Jörg verknüpft einschlägige Spekulationen mit mehr als einem Hinweis auf seine Begeisterung für den Faschismus.