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16.06.2020, Jamal Tuschick

Wuhan Diary - Tagebuch aus einer gesperrten Stadt

Wuhan Diary ist ein seine Leser okkupierendes Zeitzeugnis aus der Stadt, die weltweit als erste von der Corona-Pandemie betroffen war. Entstanden während des sechsundsiebzig Tage währenden Lockdowns der Neunmillionenstadt fand Fang Fangs Onlinetagebuch täglich bis zu fünfzig Millionen Leser*innen und ist zum Gegenstand erbitterter Auseinandersetzungen über den Umgang mit kritischen Stimmen und Verantwortung – und somit über Chinas künftigen Weg – geworden.

Am Vorabend der Abriegelung

Am 22. Januar holt Fang Fang ihre aus Japan heimkehrende Tochter am Flughafen von Wuhan ab. Die Straßen sind schon gespenstisch leer. Eine allgemeine Anspannung ist mit Händen zu greifen. So fühlt sich eine Katastrophe im Anmarsch an.

Keine Begrüßungstumulte.

Fang Fang fühlt sich wie in „schneidendem Wind und eisigem Wasser“.  

Fang Fang, „Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“, aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann, Hoffmann und Campe, 380 Seiten, 25,-

Mutter und Tochter absolvieren den Parcours des Notwendigen in bedrücktem Schweigen. Neujahr (nach ihrem Kalender) wollen sie getrennt verbringen. Die Tristesse von Ungewissheit und Angst sowie die Aussicht auf häusliche Quarantäne liefern dystopische Stimmungen. Fang Fang sucht Trauer heim. In den nächsten Tagen ist Trauer ihre einzige Begleiterin. Die Bürger*innen schotten sich auch im öffentlichen Raum ab. Die Krise fühlt sich wie eine Strafe an. In einer extrem konformistischen Gesellschaft wirkt Vereinzelung stigmatisierend.

Die Straßenkehrer*innen gehen weiter ihrer Beschäftigung nach, obwohl es kaum was wegzufegen gibt. Fang Fang beobachtet „äußerste Sorgfalt“ an einer Nahtstelle zum Wahnsinn. Sie registriert Resilienz zu ihrer Beruhigung.

Das Versagen lokaler und regionaler Behörden beschäftigt die Chronisten in den folgenden Tagen. Schließlich übernimmt Peking. Nun weiß jedermann, „dass in China sämtliche Kräfte mobilisiert werden, (da) der Staat auf nationaler Ebene“ interveniert.

Fang Fang ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Chinas. Sie wurde 1955 geboren und lebt seit ihrem zweiten Lebensjahr in Wuhan. In den letzten 35 Jahren hat sie eine Vielzahl von Romanen, Novellen, Kurzgeschichten und Essays veröffentlicht. Stets spielten die Armen und Entrechteten in ihren Werken eine große Rolle. 2016 veröffentlichte sie den von der Kritik gefeierten Roman A Soft Burial. Er wurde allgemein als ihr wichtigstes Werk angesehen und mit dem Lu-Yao-Preis ausgezeichnet.