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17.06.2020, Jamal Tuschick

Der Titel stiftende Großkünstler Siegfried probt nur noch auf Ämtern. Jörg Schröder unnachahmlich: Im Chaos der ersten Nachkriegsjahre hat sich Siegfried wie ein Wundermittelhändler im Wilden Westen mit Attitüden durchgeschlagen. Im Wirtschaftswunderland macht er schlapp.

Die Düsseldorfer Krähen der High Society

Jörg findet einen Weg zurück in die Bürgerlichkeit des alten Schröders, der in einem Bonner Ministerium Karriere macht. Er verweigert das Abitur, lernt Buchhändler in Düsseldorf und beginnt seine Fitti-Karriere in den Kaschemmen des Rheinlandes. Er variiert den intellektuell auftrumpfenden Spriter mit einer Vorliebe für Sexarbeiterinnen, die im „Siegfried“ noch „Nutten“ heißen.

Die Elendspittoreske bricht Rekorde. Nach der großen Liebesarie und einem Funkenflug, der alle anzündet, die an Edith und Siegfried hängen, braucht es nur noch wenige Abstiegsstadien bis man in Todenmann* angekommen ist. Zwei Zimmer beim Kleinbauern. Gepisst wird in ein Marmeladeglas.

* „Todenmann ist ein Ortsteil der Stadt Rinteln im niedersächsischen Landkreis Schaumburg.“ Wikipedia

Der Großkünstler Siegfried Neusch van Deelen probt nur noch auf Ämtern. Schröder unnachahmlich: Im Chaos gleich nach der Krieg hat sich der Lurch mit Attitüden durchgeschlagen. In der Konsolidierungsphase bricht er in der Mitte durch und ist noch nicht einmal mehr als Wrack und Ruine zu gebrauchen.

Weiter im Text. Wir reden über …

Jörg Schröder erzählt Ernst Herhaus, „Siegfried“, Schöffling & Co., 28,-

Jörg findet einen Weg zurück in die Bürgerlichkeit des alten Schröders, der in einem Bonner Ministerium Karriere macht. Er verweigert das Abitur, lernt Buchhändler in Düsseldorf und beginnt seine Fitti-Karriere in den Kaschemmen des Rheinlandes. Er variiert den intellektuell auftrumpfenden Spriter mit einer Vorliebe für Sexarbeiterinnen, die im „Siegfried“ noch „Nutten“ heißen.

Prostitution ist ein großes Thema. Schröder stürzt jahrelang Nacht für Nacht ab. Ihn quält der Wille zur Literatur, eine Leidenschaft für das Schwüle der Animierschuppen, und eine Verachtung just für jene bürgerliche Verlogenheit, die ihm selbst immer wieder den Arsch rettet. Er beschreibt als Gegen-Ich eine Randfigur mit großartigen Zügen und erklärt deren Scheitern damit, dass sie sich nicht ausdenken könne. 

Schröder denkt sich ständig Geschichten aus. Er eitert vor Ekel ob der Kulturbetriebsmachenschaften rund um Böll und Wellershoff. Er heuert in der Werbung von Kiepenheuer & Witsch an.

Kiepenheuer & Witsch - Das bedeutete für mich lange Kiepenheuer und Witsch. Ich dachte mir zwei gründerväterliche Verleger, die in Köln Tür an Tür gegen den katholischen Klüngel der rheinischen Adenauer-Republik Politik mit Böll machten. Kiepenheuer stellte ich mir gravitätisch gebeizt vor. Witsch erschien auf der Bühne meiner Vorstellungen als gespreizter Hecht in anachronistischer Babelsberg-Ästhetik. Er sah aus wie ein Schauspieler, der nach der Premiere gern im Restaurant dröhnt. Schröder stellt ihn auf einen Grat zwischen schneidig und windig. Man ahnt die Schärfe eines blenderischen Rasierwassers und eine Bereitschaft zur Durchstecherei. Überliest so was aber, weil man das gar nicht wissen will. Ich las immer nur Witsch und fragte mich, wo bleibt Kiepenheuer. Gustav Kiepenheuer war seit 1909 im Geschäft und der Verleger von Lion Feuchtwanger, Iwan Goll und Hans Henny Jahnn. Er starb 1949. Sein Prestige überlebte ihn zum Vorteil des Partners.

In Westdeutschland fand Literatur in Frankfurt, Hamburg, München, Halbstadt-Berlin und bei Kiepenheuer & Witsch statt. Der Verlag setzte Köln ganz allein auf die literarische Landkarte. Witsch gelang es, als Kalter Krieger und Großmeister der Westbindung subventionierte Propaganda-Publikationen ins Haus zu holen und trotzdem den Eindruck entstehen zu lassen, einen (dem kritischen Zeitgeist gerecht werdenden) eher linken Verlag zu führen. Dieser Spagat kam von Herzen. Witsch bekannte sich zur Polemik und fand im Streit seine Schärfe. Zugleich kannte er die Schliche der Anpassung. Als Thüringens Chef-Bibliothekar kollidierte er im Dritten Reich ernsthaft nicht mit nationalsozialistischen Tugendwächtern. Trotzdem hieß es nach Fünfundvierzig: „Ein Witsch, der Nazi gewesen wäre, hätte eine phantastische Carrière machen können.”

Man bemerkte „Beweglichkeit und Ehrgeiz”. Witsch hielt sich in der sowjetisch besetzten Zone an einer ersten Stelle. Er schloss den Pakt mit Kiepenheuer als Habenichts auf Augenhöhe. Im Westen machte er aus Kiepenheuer & Witsch u.a. ein Instrument der Freiheit in der Lesart der Wiederbewaffnungsapologeten.

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