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19.06.2020, Jamal Tuschick

Die Aulendorfer Klausur

Seine Lehr- und Wanderjahre führen den Kaschemmensteppenwolf Jörg Schröder nach Aulendorf zu dem gerissenen Versandbuchhändlermeister Josef Rieck.

Das Fräulein Vogler, „eine langnasige Schwäbin“ ist dem alten Josef Rieck „hörig“. Der Versandbuchhändler mit einer astreinen antifaschistischen Vergangenheit seift Berufsprotestant*innen mit der Saugpost-Methode so raffiniert ein, dass ihn die Pastoren für ein Muster an kaufmännischer Redlichkeit halten. Sie haben Rieck längst reich gemacht, als der abgerockte, ewig besoffene oder verkaterte Schröder bei ihm in Klausur geht.

Ich lese noch einmal „Siegfried“.

Jörg Schröder erzählt Ernst Herhaus, „Siegfried“, Schöffling & Co., 28,-

Die verfrühte Autobiografie in herausragendem, vom Fettdruck geschändetem Gelb (Schröder sprach von brutalistischer Typografie) war mein erster Schröder. Helmuth Karasek hatte im Zusammenhang mit „Siegfried“ etwas von totaler und ganz schrecklicher Selbstentblößung, wenn nicht Selbstentleibung schwadroniert. Karasek war damals der junge Mann von Reich-Ranicki und hatte nichts zu lachen. Er tropfte über die Oberlippe, ein Streber, der auf lässig machte. Angeblich mussten viele „Siegfried“-Passagen dem juristischen Nachdruck geopfert werden. Angeblich gab es Ausgaben mit geschwärzten Zeilen. Angeblich hatte sich Schröder mit allen überworfen und führte das Dasein eines Geächteten.

Das war natürlich alles reiner Merkel, also blöder Quatsch. Schröder war ein Steher. Er genoss seine Wirkung. Aufgewachsen auf den Rieselfeldern von Berlin, von Onkel Siegfried gründlich über die menschliche Natur aufgeklärt, marschierte er dauergeil und literarisch ehrgeizig durch den Kulturbetrieb, den sein Weggefährte Rolf Dieter Brinkmann als dysfunktionales Dreckloch beschrieb. Ich las das alles in der Form meines Lebens. Für mich war das wie Kino. Ich war im Flow. Mara war meine Freundin. Schröder war in Aulendorf und da bedacht, Rieck nicht auf die Füße zu treten. Er mochte den alten Knochen mit seinen pietistischen Anwandlungen und der fachmännischen Schläue. Auf Erbauungsspaziergängen zeigte der Alte von Aulendorf seinem Famulus Bäume, die er mit Geschäftsideen verband. Das war der Witz. Rieck dachte in den Kategorien des Marktes. Er stimmte die Erkenntnisse der Gurus schlitzohrig auf sein Publikum ab.

Weiter in der Gegenwart von Damals.

Wichtig sind die Kreuzchen und Unterstreichungen, die nur Rieck machen darf. Später werden sie zu einem Markenzeichen der Zweitausendeins-Kundenbindung. Gestern Abend habe ich Regina auf den Rieck’schen Geniestreich, der dann von der Greno-Gang genial abgekupert wurde, angesprochen und sofort fing das Schwärmen von den Kreuzchen an, die man auf der Bestellseite der Zweitausendeins-Saugpost-Animation machen durfte.

Die Überreißer von Siebenundsechzig-Fortfolgende wissen, dass das evangelische Pathos und der pietistische Eros in all den langhaarigen Antiautoritären weiterlebt, die dann gewohnheitsmäßig abgezogen werden. Zahllose Simon & Garfunkel-Liebhaberinnen illuminiert das protestantische Licht. Mit einem Kreuzzeichen an der richtigen Stelle lässt es sich in berechenbares Konsumverhalten verwandeln.

Schröder regt das auf. Aber es fasziniert ihn auch. Politisch hat er bei der Jungen Union angefangen. Der Rest ist Marketing und Sein. Wenn man von Fluffis umgeben ist, färbt das schließlich ab. Die Jaguarfahrerei ist indes keine linksradikale Geste. So äußert sich keine Gesellschaftskritik, sondern Protzlust. Mit einem Auge lese ich

Marie-France Hirigoyens „Die toxische Macht der Narzissten“.

Aus der Ankündigung

„Die heutige Welt begünstigt Narzissten - so die These der Psychoanalytikerin und Bestsellerautorin Marie-France Hirigoyen. Narzissten gewinnen immer mehr Macht in unserer Gesellschaft und vergiften das Zusammenleben, von der Politik über die Arbeitswelt bis hinein in die Familien. Hirigoyen deckt die Ursachen dieser fatalen Entwicklung auf und erklärt, wie wir dem Vormarsch des Narzissmus entgegentreten können.“

Wann soll das je anders gewesen sein? Schröders Hemmungslosigkeit, seine Schulden-Schwindelfreiheit, die Bereitschaft, es darauf ankommen zu lassen, machen ihn schließlich zum Hausherrn des wichtigsten Verlags einer gewissen Deutschstunde. Es ist die Angst all jener, die auch gern möchten, die Schröder begünstigt. Sie werden ihm ihre Feigheit nie verzeihen und ihn mit übler Nachrede verfolgen. Diese Billigächter für einen Groschen intervenieren nur, solange sie für nichts geradestehen müssen.

Ein anderer Fall ist Siegfried Unseld. Wie oft habe ich gehört, dass er dem Machterhalt zuliebe die besten Lektoren einer Ära zu Suhrkamp-Dissidenten gemacht habe. (Sie sezessionierten im Verlag der Autoren.) Unseld erhielt sich Suhrkamp mit einem konsequenten Njet, als alle Kollektivierung schrien. Jedoch zog keiner den Stier aus seinem Sessel. Um auf Schröder zurückzukommen: er wird förmlich in den Chefsessel gedrückt. Der Schub kommt gleich. Noch versauert er als Zauberlehrling in Aulendorf.

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