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19.06.2020, Jamal Tuschick

„Die körpereigenen Abwehrsysteme sind biologische Wunder, doch … Keime und Viren (bleiben) unschlagbare Angreifer.“ 

Wir Omnivoren oder Folgen der Mongolischen Laktosetoleranz

Wuhan wird am 23. Februar abgeriegelt. Der Shutdown stellt elf Millionen Bürger*innen schlagartig unter Quarantäne.

Während wir das großartigste Buffet unseres Lebens in dem phantasievoll auf der Motorrollerschiene semi-nostalgisch gestylten Hotel Josef bejubeln ...

Folgen der Mongolischen Laktosetoleranz

Wuhan wird am 23. Februar abgeriegelt. Der Shutdown stellt elf Millionen Bürger*innen schlagartig unter Quarantäne. Ich konsumiere den Vorgang als TV-Nachricht. Obwohl die Katastrophenolympiade meinen Horizont übersteigt und ich keinen Vergleich anstellen kann, stellt sich noch nicht einmal Ratlosigkeit ein. Ich ordne das Virus-Drama dem globalen Süden zu und verknüpfe die Seuchensuada unspezifisch mit Defiziten, die wir nicht haben. Dabei sehe ich im Fernseher Leute, deren qualifizierter Opfermut in meiner Umgebung ohne Beispiel ist.

Regina bucht Reisen bis in den Herbst nächsten Jahres. Ohne eine Spur von Unsicherheit fahren wir zum Auftakt des alljährigen Städtehoppings nach Prag. Während wir das großartigste Buffet unseres Lebens in einem wieder einmal wunderbar phantasievoll auf der Motorrollerschiene semi-nostalgisch gestylten Hotel bejubeln, erzählen sich Zurückgebliebene auf Facebook, dass Asiaten in Frankfurt am Main unsere Mundschutzbestände aufkaufen. Na und, denke ich. Sollen sie doch. Die haben eine Hygienemacke. Ich laufe bestimmt nicht mit so was rum.

Ähnliche Erfahrungen schildert Ina Knobloch in ihrer Einordnung „Shutdown“.

Eingebetteter Medieninhalt

Ina Knobloch, „Shutdown - Von der Corona-Krise zur Jahrhundert-Pandemie. Notfall-Pläne, biologische Kriegswaffen, unkontrollierbare Ausbrüche: Warum das Zeitalter der Killervirus-Pandemien angebrochen ist“, Droemer Knaur, 256 Seiten, 18,-

Am 2. März stuft der Leiter des Robert Koch Instituts das Corona-Risiko als „mäßig“ ein. Auch der Chef-Virologe der Charité wähnt uns auf der sicheren Seite. Wir sind uns einig, er und ich. Gemeinsam mit dem Rest der Republik kritisieren wir die Chinesen, die uns Bilder gespenstisch leerer Straßen zeigen. Wir wissen, dass ist alles gefiltert und von der Partei geklärt, vor allem jedoch auf Asien beschränkt; während die ersten deutschen Freibeuter in Krankenhäusern Masken und Desinfektionsmittel einsacken. 

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„Jeder möchte in der Krise eine Begründung seiner Thesen erkennen.“

Das erklärt Chantal Mouffe. Die belgische Politikwissenschaftlerin steht für die Etablierung eines linken Populismus. Sie glaubt nicht, dass wir in absehbarer Zeit eine Transformation erleben werden, als Katharsis-Benefit. Wir werden nicht zum Bewährten zurückkehren können, sagt Mouffe. Stattdessen wird sich ein Fenster für neue Möglichkeiten öffnen. Die Dynamik der Kritik am Neoliberalismus erzwinge ständige Neuverhandlungen.

„Wir stehen am Anfang eines agonistischen Kampfes zwischen verschiedenen Gesellschaftsentwürfen.“

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„Wir sind böse“, sagt Jean-Luc Nancy. Früher konnten wir das Böse in unsere kolonialen Suppen rühren. Das geht nicht mehr.

Die Maßnahmen zur Schadensbegrenzung im Zusammenhang mit der Pandemie entfesselten in Deutschland bisher keinen staatlichen Willen zum Autoritarismus. Vielmehr wurde offensichtlich, wie eminent das Bedürfnis der Maßgeblichen ist, nicht aus dem Rahmen einer allgemeinen und unspezifischen Zustimmung zu fallen. Sie begehren die Anerkennung der Bürger*innen. Nancy stellt fest, dass die Fehler der meisten Mächtigen angesichts der Corona-Krise nicht ihrer Herrschsucht geschuldet sind.

Wir sind Omnivoren. Die Boomer*innen unter uns sind zu der Vorstellung erzogen worden, unsere Fähigkeit tierisches Eiweiß aufzunehmen, habe uns als Player groß gemacht. Mein Biologielehrer, ein Mann namens Schnellhammer, vom Typ ein Genscher, großohrig-jovial und so unergründlich wie ein weißer Kranich, erzählte gern von den Auswirkungen der Milch auf das Weltgeschehen. Es bedurfte der mongolischen Laktosetoleranz, um geringeren Potentaten als Dschingis Khan zu zeigen, wo der Hammer hing. Mobilität & Versorgung in einem: das brachte die Steppenstute. Eine geringfügige Repertoireerweiterung (ein Scharnier, das neue Moves gestattet) veränderte das Spiel auf allen Ebenen. So was vollzieht sich als Wandel nie ohne einen Rückschlag auf der Fortschrittsbasis. Die Skandinavier in Neufundland scheiterten als Siedler*innen, weil sie die ursprüngliche Bevölkerung mit Milch bewirteten, die indes nicht vertragen wurde. Die Eingesessenen fanden das toxisch. Sie wähnten sich vorsätzlich vergiftet und töteten, vom Durchfall angefeuert, die Neuen. So muss es nicht gewesen sein. Ob Mär, Mähre, Mare oder Müller Milch, es dreht sich allein darum, dass jeder Schuss nach hinten losgehen kann. Du bist bereit, deinen Drink zu teilen und zum Dank zieht dir so ein Intoleranter mit seinem vorsintflutlichen Tomahawk den Scheitel blutig.

Wenn sich Donald Trump auf der Plattform seiner Orientierung umsieht, wen sieht er? Er sieht Despoten, die nach den Stürzen von Saddam Hussein und Muammar al-Gaddafi ihre Lektionen gelernt haben. Der fernöstliche Riese braucht natürlich keine nahöstliche Nachhilfe. Wenn Ina Knobloch meint, die Chinesen seien wegen ihrer Verheimlichungen nicht gut im Krisenmanagement, dann ignoriert der Vorwurf chinesische Prioritäten.

Geheimhaltung ist für das chinesische A-Team nichts Schlechtes.