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20.06.2020, Jamal Tuschick

Biologische Wurzel

„Der Konkurrenzkampf der kulturellen Evolution drängt uns zu Werten, die in der jeweiligen Phase der Energiegewinnung am besten funktionieren.“

Eingebetteter Medieninhalt

Menschliche Werte haben biologische Wurzeln aka genetische Anker. Sie sind Anpassungsprodukte. Mit dieser Feststellung steigt Ian Morris in den Debattenring. Werte stehen in einem funktionalen Zusammenhang mit evolutionären Anforderungen. Morris unterscheidet drei Generallinien unserer Entwicklung – Freibeuter*innen – Bäuer*innen – Nutzer*innen fossiler Brennstoffe.

Er sieht jede Lebensform in Abhängigkeit von der gerade legitimen Energiegewinnung. Mich erinnert das an eine Bemerkung von Paul B. Preciado. Der Philosoph sagt, die ersten Maschinen seien Sklaven und Sklavengleiche gewesen. Aus ihrer Energie zogen agrarische Gesellschaften jene Überschüsse, die den Bestand auf der Achse Energie - Kultur - Technik gewährleiste(te)n. Eine über alle irdischen Beschränkungen hinausgehende Herrschaftsanmaßung erlaubte einen Unterschied plausibel erscheinen zu lassen, den wir heute nicht mehr (an)erkennen können.

Ian Morris, „Beute, Ernte, Öl. Wie Energiequellen Gesellschaften formen“, aus dem Englischen von Jürgen Neubauer, Deutsche Verlagsanstalt, 432 Seiten, 26,-

Morris bietet ein Beispiel an, das unmittelbar einleuchtet. In den präfossilen Milieus rund um Kakamega scheiterte er an einer Umsetzung der De-Kolonialisierungsvorschriften, die in Cambridge an der Universität für volle Akzeptanz sorgten. Morris erbrachte Standarddienstleistungen für sich selbst. Er verlor seine Zeit an den Camp-Alltag. Endlich kaufte er sich für weniger als einen Dollar pro Tag eine Befreiung von Beschwerlichkeiten. Niemand schimpfte den Arbeitgeber unterbeschäftigter Bäuerinnen einen Ausbeuter.

Die längste Zeit schweifte der Mensch aus. Er war so viel länger auf die natürlichste Weise Wildbeuter als er Nutzerin fossiler Energie und Genmanipulatorin ist, dass in uns allen die Sehnsucht nach dem Wald schlummert. Vor zwanzigtausend Jahren waren wir noch Jäger und Sammler ohne Ausnahme. Die Wildbeuter der Gegenwart agieren nach einer Hauptmeinung der Anthropologen im sozialen Schatten der Fossilenergienutzer*innen anschlusslos an prähistorische Vorgänger*innen. Die akademischen Konjunktive grassieren. Morris hält Folgendes für schildfest. Der Aufenthaltsraum legt alternativlos den Bedarf fest. Der Kalorienverbrauch nimmt mit der Nähe zum Äquator ab. An den Polen ist er am höchsten. Zeit und Aufwand zur Energiegewinnung unterliegen der Rationalität.

Kleine Gruppen, flache Hierarchien, kaum Privateigentum, große Reviere: Zwei bis acht Verwandte sind mit stärkeren Verbänden fortpflanzungstechnisch verbunden. Gemeinsam springt man in den Genpool.

Es gibt Varianten im Schlaraffenlandspektrum. Reiche Jagdgründe begünstigen Sesshaftigkeit. Sesshaftigkeit begünstigt die Anhäufung immobilen Besitzes und den Aufbau von Hierarchien. Der stationär agierende Trapper nimmt den Bauern vorweg.

Aus der Ankündigung: Die meisten Menschen heutzutage halten Demokratie und Gleichberechtigung der Geschlechter für eine gute Sache und sprechen sich gegen Gewalt und Ungleichheit aus. Aber bevor sich solche Auffassungen und die damit verbundenen Wertvorstellungen allmählich im 19. Jahrhundert herausbildeten, galten 10000 Jahre lang genau gegenteilige grundsätzliche Annahmen und andere Werte. Woran liegt das? An unseren Energiequellen, sagt Ian Morris in seinem neuen großen Wurf, diese formen unsere Gesellschaft wie nichts sonst. Was kommt auf die Menschheit nach dem Ende der fossilen Ära zu? In seiner Bedeutung vergleichen führende Historiker »Beute, Ernte, Öl« mit Jared Diamonds »Kollaps« und Steven Pinkers »Gewalt«.

Ian Morris, gebürtiger Brite, ist seit zwanzig Jahren Professor für Geschichte und Archäologie an der University of Chicago und der Stanford University. Seine Arbeiten sind preisgekrönt und werden gefördert u.a. von der Guggenheim Foundation und der National Geographic Society. Von 2000 bis 2006 leitete er Ausgrabungen auf dem Monte Polizzo, Sizilien, eines der größten archäologischen Projekte im westlichen Mittelmeerraum. Sein Buch »Wer regiert die Welt?« (2011) wurde ein Bestseller.