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21.06.2020, Jamal Tuschick

Girodias‘ Go.  

Gestern sind wir der Geschichte vorausgeeilt bis zum Go des Pariser Großmeisters Girodias, dem Pornogott von Paris, Monsieur Baal im Jaguar, einem absoluten Vorbild des nachtgängerischen Pankowers Schröder, der 1968 in einem Darmstädter Taumel zwischen Suff & Furore erlebte, den MÄRZ Verlag im März Neunundsechzig so hochstaplerisch wie brigantisch im Keller des Abraham Melzer Verlags aus der Taufe hob, und da ein Kollektiv aufzog, dass nach seiner Pfeife tanzte. Schröder bewilligte sich fünftausend Mark im Monat als Gleicher unter nicht ganz so Gleichen und griff beherzt in die Spesenkiste. Die Spatzen pfiffen es von den Dächern und die Pfeifen tanzten es als sozialistische Travestie, und das mediale Deutschland stürzte sich auf den erfüllten Kommunardentraum vom Ich zum Wir (ungefähr Heiner Müller), der die vorweggenommene Farce war, weil die Tragödie (ungefähr Karl Marx) sich zuvor geweigert hatte stattzufinden. Das ACID war die erste Publikation des MÄRZ Verlags. Rolf Dieter Brinkmann und Ralf Rainer Rygulla kamen nach Eberstadt, wo Schröder lebte, und halfen gleich mit bei der Formulierung einer Presseerklärung, die die Sezession als basisdemokratisches Kollektivkawumm feierte, während in Wahrheit allein Schröder die Strippen zog und den Verlegerhut trug. Der Zynismus tropfte aus allen Poren des Geschehens. Auch das war Neunundsechzig, eine Riesenschmiere im Autumn of Love. 

Schröder setzte alle Autorennamen, die ihm einfielen, ungefragt auf die Solidaritätsliste. Den Zettel schickte er dpa etc. Wie gesagt, die Pferde sind mit uns durchgegangen. Jetzt also noch mal zurück ins Jahr Siebenundsechzig. Noch brüllen Schröders Motoren im Leerlauf. Schröder gabelt auf Malle eine rheinländische Erika auf, die den bramarbasierenden Zwursch zuerst für eine reine Luftnummer zum Zeitvertreib hält, bevor sie begreift, dass Schröders inneres Team die Potenz des Weltraumkontollzentrums von Houston hat. Das innere Team hat einen Masterplan für die Zukunft. Welcome on board. „Take your protein pills and put your helmet on/ Check ignition and may God's love be with you” (David Bowie).   

Gebrauchsromantik

Schröder donnert nach Mallorca und erobert da in einem Sumpf aus Fieber und Durchfall eine Frau, die sich seiner Heiratsabsicht (zum Zweck der Konsolidierung maroder Verhältnisse) nicht vehement genug widersetzt. Natürlich hält Erika den verrückten Freier zunächst für einen Hochstapler und für einen nicht allein körperlich kurzen Gernegroß. Doch dann erkennt sie, dass Schröder nicht nur spinnt. Er führt ihr als Weltmann und Verleger die barocke Lebhaftigkeit des Gebrauchsromantikers Esteban López vor. Der Autor von „Fleisch für Vegetarier“ bestreitet im Streit mit zwei Frauen eine inselbacchantische Existenz.

„Der eigene Stuss kommt über mich wie ein Wolkenbruch“.

Das erlebt Schröder in einer Münchner Schwemme. Bis eben hat er alles gegeben und in sämtlichen Rollen, die man in einem Verlag spielen kann, geglänzt. Nun dreht er sich selbst aus der Fassung und versackt mit der Gewissheit, „hier bleibst du … einfach sitzen, bis die Kohle zu Ende ist“.

Wegen solcher Erlösungen bin ich Schröderianer geworden. Mich hat ewig nur das Ende in der Kneipe interessiert. Nachdem ich auf den Trichter gekommen war, fing ich an in Kneipen zu arbeiten. Ich verstand das als Abkürzung auf dem Weg zum Ziel. Jetzt, da ich nicht mehr rauche und trinke, öden mich Abfülleinrichtungen an. Deshalb lese ich auch den „Siegfried“ ohne die Routinen der vergangenen Jahrzehnte. Ich lese ihn gleichsam mit neuen Ohren. 

Jörg Schröder erzählt Ernst Herhaus, „Siegfried“, Schöffling & Co., 28,-

Schröder donnert nach Mallorca und erobert da in einem Sumpf aus Fieber und Durchfall eine Frau, die sich seiner Heiratsabsicht (zum Zweck der Konsolidierung maroder Verhältnisse) nicht vehement genug widersetzt. Natürlich hält Erika den verrückten Freier zunächst für einen Hochstapler und für einen nicht allein körperlich kurzen Gernegroß. Doch dann erkennt sie, dass Schröder nicht nur spinnt. Er führt ihr als Weltmann und Verleger die barocke Lebhaftigkeit des Gebrauchsromantikers Esteban López vor. Der Autor von „Fleisch für Vegetarier“ bestreitet im Streit mit zwei Frauen eine inselbacchantische Existenz.  

Heute gibt es den schönen, „Fleisch ist mein Gemüse“ vorwegnehmenden Titel nur noch antiquarisch. Überhaupt erscheint die MÄRZ-Präsenz im viralen Jetzt schwach im Vergleich zu der Wirkung des Verlags um 1970, der allerdings noch gar nicht besteht, als Schröder Erika ergreift, um endlich ein normales Leben als Erwachsener anzufangen.

Schröder kann nicht einfach heiraten und fertig ist die Laube. Erst einmal will er sich wieder trennen und am Starnberger See auf einer Restaurantterrasse furchtbare Gespräche führen, während er eine Forelle verspeist. Doch ist Erika bereits schwanger und zur Normalität nicht nur dreimal mehr entschlossen, sondern auch befähigt. Also wird geheiratet und zwar auch kirchlich. Schröder behauptet, er habe wegen Erikas Verwandtschaft sich nicht allein aufs Standesamt von Michelbach beschränkt. Ich glaube, er will den Bräutigam in der Kirche spielen.

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