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22.06.2020, Jamal Tuschick

Ich-Regime

Pig or Pork? - Bérengère Viennot erklärt, warum Schweinespeisen auf einer englischen Speisekarte unter Pork gelistet sind, während das landläufige Schwein doch als Pig gehalten wird.

In seiner bei Suhrkamp erschienenen Analyse „(Ent-)Demokratisierung der Demokratie“ klärt Philip Manow das schöne Wort vom Narrensaum (lunatic fringe). Der Politikwissenschaftler zitiert Klopstock, der bedauernd resümiert, keine Gesellschaft käme ohne Pöbel aus. Der Pöbel sträube sich gegen seine Klarnamensgebungen. Er wolle großartig Volk genannt werden und eine Stimme auf jedem Landtag haben. Man lasse ihm zum Schein seinen Willen. Er dürfe einen „Schreyer“ bestimmen, der, sobald die Nobilitierten matt in der Etappe des Geschehens Stärkungen zusprächen, mit einem Schellenkranz ausgezeichnet, für eine Viertelstunde ruhig krakeelen solle, vor seiner endgültigen Ausweisung.

In „Die Sprache des Donald Trump“ (Aufbau Verlag) weist Bérengère Viennot darauf hin, dass der amerikanische Präsident nicht müde wird, seine Dominanz despotisch als Ich-Regime festzustellen. So zeige sich sein politisches Selbstverständnis. Folgt man dem Historiker Ian Morris, dann nähern wir uns einer vierten Phase, indem wir die Ära der fossilen Brennstoffnutzung hinter uns lassen. Morris behauptet: „Der Konkurrenzkampf der kulturellen Evolution drängt uns zu Werten, die in der jeweiligen Phase der Energiegewinnung am besten funktionieren.“

Menschliche Werte haben biologische Wurzel aka genetische Anker. Sie sind Anpassungsprodukte. Sie stehen in einem funktionalen Zusammenhang mit evolutionären Anforderungen. Morris unterscheidet drei Generallinien unserer Entwicklung – Freibeuter*innen – Bäuer*innen – Nutzer*innen fossiler Brennstoffe.

Er sieht jede Lebensform in Abhängigkeit von der gerade legitimen Energiegewinnung. Mich erinnert das an eine Bemerkung von Paul B. Preciado. Der Philosoph sagt, die ersten Maschinen seien Sklaven und Sklavengleiche gewesen. Aus ihrer Energie zogen agrarische Gesellschaften, die Ungleichheit feierten, jene Überschüsse, die den Bestand auf der Achse Energie - Kultur - Technik gewährleiste(te)n. Eine über alle irdischen Beschränkungen hinausgehende Herrschaftsanmaßung erlaubte einen Unterschied plausibel erscheinen zu lassen, den wir heute nicht mehr (an)erkennen können.

Ohne Vorteil kein Fleiß, sagt Hobbes.

In den antiken bäurischen Gesellschaften, so Morris, wirkten die Subalternen an der Perpetuierung der sie unterjochenden Herrschaft mit, weil sie den Frieden, den sie brauchten, nicht selbst durchsetzen konnten.

Mit dem Rang wankt das Werk, sagt Shakespeare. Man muss die Krone tragen können. Manow beschreibt eindrücklich, wie sich die amerikanischen Verfassungsväter gegen plebiszitäre Interventionen versicherten. Für sie als Republikaner war Demokrat ein Schimpfwort, so Manow. Ich komme darauf zurück. Mich bedrängt der Wunsch zu erzählen, warum auf englischen Speisekarten Pork und nicht Pig steht. Regina und ich waren in London und nach drei Tagen angefressen vom Angebot der Gasthäuser. Wir träumten von kontinentalen Mahlzeiten. Die Versprechungen von Pork und Beef mündeten in Enttäuschungen. Satt und zufrieden erlebten wir uns in einem vietnamesischen Lokal, das uns in Deutschland nicht einladend erschienen wäre.

Warum Pork und Beef und nicht Pig und Ox?

Viennot erklärt das mit William the Conqueror, jenem normannischen Herzog, der 1066 die Macht in England an sich zog und dessen bestimmende Kraft sich in der Restaurantsprache niederschlug.

Nachlese

„Verschleierte genozidale Attacken auf die Armen werden die Welt für die Wohlhabenden nicht sicherer machen.“ bell hooks 2020

„Alles Stehende und Ständische verdampft.“ Karl Marx und Friedrich Engels 1848

Die industriell befeuerten demografischen und geografischen Expansionen der Europäer im 19. Jahrhunderten wirkten sich nicht nur in Afrika und Amerika als „weiße Pest“ (Niall Ferguson) aus.

„Die körpereigenen Abwehrsysteme sind biologische Wunder, doch … Keime und Viren (bleiben) unschlagbare Angreifer.“ Ina Knobloch

Zitiert aus

Philip Manow, „(Ent-)Demokratisierung der Demokratie“, Analyse, Suhrkamp, 160 Seiten, 16,-

Paul B. Preciado, „Ein Apartment auf dem Uranus - Chroniken eines Übergangs“, aus dem Französischen von Stefan Lorenzer, Suhrkamp, 368 Seiten, 20,-

Bérengère Viennot, „Die Sprache des Donald Trump“, Essay, aus dem Französischen von Nicola Denis, Aufbau, 154 Seiten, 18,-

Ina Knobloch, „Shutdown - Von der Corona-Krise zur Jahrhundert-Pandemie. Notfall-Pläne, biologische Kriegswaffen, unkontrollierbare Ausbrüche: Warum das Zeitalter der Killervirus-Pandemien angebrochen ist“, Droemer Knaur, 256 Seiten, 18,-

Ian Morris, „Beute, Ernte, Öl. Wie Energiequellen Gesellschaften formen“, aus dem Englischen von Jürgen Neubauer, Deutsche Verlagsanstalt, 432 Seiten, 26,-