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23.06.2020, Jamal Tuschick

Die Millionäre des Häuserkampfs

Ein Standardsatz der Ex-Häuserkämpfer (Spontis) lautete: „Wir haben die Häuser im Westend gerettet“ und zwar vor dem Frankfurter Oberbürgermeister Rudi Arendt, genannt Dynamit-Rudi, der in hessisch-sozialdemokratischer Betonmanier antike Architekturzöpfe abschneiden und sogar die Alte Oper in die Luft sprengen wollte.   

Ich weiß nicht, wie oft ich die Story an den Lagerfeuern des Nordends erzählt bekommen habe. Alle lasen die Rundschau und ich schrieb für die Rundschau. Erst heute wird mir die Akzeptanz klar, die meine Umzüge mit viel Alkohol, Schulterklopfen und freundschaftlichen Unterredungen begleitete. Ich wurde als Migrant wahrgenommen und als Migrant war ich auf der Seite des Fortschritts. Ich kam aus Kassel, das geografische Herkunftsmerkmal wirkte in Frankfurt am Main wie ein soziales Abstammungszeichen. Die inzwischen etablierten Spontis setzten meine Zugehörigkeit zu ihrem Milieu voraus. So wurde ich zu ihrem Chronisten. Mein Fleiß koinzidierte mit der Milieubereitschaft, sich zu wiederholen. Begünstigt wurde das Arrangement von dem Umstand, dass die Achtundsechziger überall saßen, in den Redaktionen, im Rathaus, in den Gremien. Meine Einspeisung in dieses System vollzog sich reibungslos. Ich hatte die richtige Freundin, die richtigen Bekannten. Ich war so gut embedded, dass ich mir nie Rechenschaft über den Netzwerkcharakter meiner Umgebung abgab. Ich sah das Offensichtlichste nicht und begriff nicht meine Funktion als Jubelperser (der Frankfurter Rundschau), der den kalten Kaffee der Studentenbewegungsführer noch mal aufwärmte und schön servierte.

Also erforschte ich die Geschichte des Häuserkampfes und seiner Superakteure. Meine Reserve gegenüber den Selbstverherrlichungen von Leuten, die so viel nun auch nicht erlebt hatten und ganz bestimmt nichts mehr erleben würden (als Abgehängte eines Zugs, der längst nach Berlin weitergefahren war) kam aus meinen Kenntnissen des Schröderischen Universums. Schröder hatte begriffen, dass manche Sozialistenführer als Söhne von Naziführern einen Kampf um die Lufthoheit und andere Pfründe geführt hatten und diesen Kampf nun mit den Mitteln der Institutionen fortsetzten. Er war als Geächteter ausgeschieden, so wie Rolf Dieter Brinkmann. Ich traf in Frankfurt lauter Leute, die nicht gut auf Schröder und Brinkmann zu sprechen waren. Ich kam dann auch mit Matthias Beltz ins Gespräch, der länger als andere sozialistische Betriebsarbeit in den Rüsselsheimer Opelwerken geleistet - und als Historiker der Bewegung besonders engagiert den Übergang zwischen Haschrebellen-Schabernack und Bewaffnetem Kampf im Blick hatte.  

Das Erdbeertörtchen vom Bäcker Hanns repräsentierte den Sozialismus: Oben der Belag, also die Führung, erschien innerhalb der Gelatine-Schutzschicht, also der Partei, noch rot und frisch, während darunter der Boden, die Basis, schon aufgeweicht war.

Andreas Baader zweifelte an Matthias Beltz.

„Der kann das nicht“, soll er gesagt haben. „Bewaffneter Kampf kann der Matthias nicht.“

Beltz erlebte Baaders Einstufung als Herabsetzung und kaute lange daran. Er wohnte in Sachsenhausen, die Dielen knarrten comme il faut. Flügeltüren und Stehpult - ein steinalter Foliant war dekorativ aufgeschlagen. Ein Buch so wichtig wie die Bibel. Allerdings habe ich den Titel vergessen. Ich verdächtigte den Satiriker Beltz, seiner reaktionären Spielfigur näher zu stehen als das in Frankfurt, wo Leute Distinktionsgewinne mit ihrer angeblichen RAF-Nähe und Haste-nich-mich-und-den-Joschka-im-Häuserkampf-gesehen erzielten, angebracht war.

Beltz erzählte, dass viele spontane (spontanistische) Aktionen wegen ihrer medialen Wirkung inszeniert worden waren. Dass gezählt wurde, wie oft man im Fernsehen vorkam. Nach jedem Artikel über die Frankfurter Spontis oder die Herausragenden Trebes, Klinke, Koenigs, Fischer, Cohn-Bendit hagelte es Leserbriefe, in denen sich Leute darüber aufregten, dass sie keine Erwähnung gefunden hatten. Der Durchmarsch der besser-als-der-Rest-Informierten bis zur gesellschaftlichen Beletage war für viele Ex-Genossen eine Beleidigung kurz vor Verrat. Die im Dunkeln sieht man nicht. Ihre Geschichten wurden nicht aufgeschrieben. Sie moserten in den Weinstuben, sie hatten das Joschka- & Dani-Gedöns auf eine Weise ernstgenommen, die sie jetzt wie Idioten aussehen ließ. Man darf nicht vergessen, das Zauberwort der Stunde hieß Hedonismus. Genuss war Pflicht. Genuss gibt es nicht für umme. Man brauchte einen Posten, das heißt Freunde, ihr ahnt, worauf ich hinaus will.

Beltz wusste ohne Leidensdruck: Kabarett muss mitmachen beim korrupten Spiel um Einschaltquoten. Der satirische Vortrag warf schon Profit ab, wenn Beltz ein relevantes Wort im Schlick des öffentlichen Gesprächs mundartig dehnte. Gelacht wurde vor der Pointe. Beltz' mit Ressentiments bis zur Glaubwürdigkeit aufgeladenes Bühnen-Ich sprach aus, was unter den Kommunikationsoberflächen lauerte. Jeder vom Dulder-Humor der Ohnmächtigen anerkannte Gemeinplatz half Beltz, dessen erster Berufswunsch Pfarrer gewesen war.

Er nannte sich einen „vorwärtsgewandten Historiker“. Er kombinierte Handkäs mit Straßenkampf. Er blieb bis zu seinem Lebensende beleidigt, weil ich in die Zeitung gesetzt hatte, was Baader von Beltz gehalten hat. Er rezensierte das Geschwätz vor Wasserhäuschen. Frankfurt war der Ort seiner Erfahrungen – das Labor, in dem die Bilder entwickelt wurden, auf die er reagierte. Es wunderte ihn, „wie wenig soziale Explosionen die Stadt erlebte“. Beltz suchte den Witz in den Überforderungen, die an der Verpflichtung zur Toleranz rühren.

Er verarbeitete gern politische Reminiszenzen zu Frustrationsgeschichten. Ein Erdbeertörtchen vom Bäcker Hanns in der Sachsenhäuser Schifferstraße stand für ihn „in einem größeren Weltzusammenhang“, wie gesagt. Karl Dietrich Wolff war, so Wikipedia, „der Sohn eines Amtsrichters, der nach Ende des Nationalsozialismus bis 1949 aus dem Amt entfernt worden war. Er besuchte das Gymnasium in Biedenkopf und in den USA eine High-School und wurde 1962 für zwei Jahre Soldat auf Zeit der Bundeswehr.“ Gleich gucken wir uns die Vita von in-diesem-Krahl-hausen-die-Wölfe-Jürgen an. Das war der Schlag, der nun im soeben gegründeten MÄRZ Verlag vorstellig wurden und Ansprüche anmeldete.

Brigantenpulver

Zeitgeistschnorrer

Alles stumpfer Muff. Das politische Bewusstsein von Achtundsechzig erschöpfe sich, so Schröder, in der „Kollektivarie“. Unser Held kämpft mal wieder an allen Fronten. Er ist kaum genesen von einem schweren Unfall, der ihn gerade noch einmal zweibeinig davonkommen ließ. Im Weiteren etabliert er sich als Abraham Melzers Erlöser in der Maske des Geschäftsführers. Indes hat er es mit einem sprunghaften Prinzipal zu tun.

Schröder sagt es so. Abraham Melzer versuche ständig, sich Verdienste anzuheften, die er nicht selbst erworben hat. Er beanspruche Krone und Zepter, ohne selbst königlich aufzuspielen. In seiner Not lädt der Bedrängte seine Büchse mit Brigantenpulver. Er kapert den Verlag. 

Der Reihe nach.

Ich lese noch einmal „Siegfried“.

Jörg Schröder erzählt Ernst Herhaus, „Siegfried“, Schöffling & Co., 28,-

Schröder salbadert Kapitalismuskritik. Er setzt den linken Haken auch mit Rücksicht auf die Kundschaft. Er hat nun mal kein reaktionäres Publikum. Seine potentiellen Leser*innen sind linksliberale Spiegelleser*innen, die den rechtsliberalen Blattchef Rudolf Augstein einfach überlesen. Alle warten auf gesellschaftsfähige Pornos. Analverkehr mit dem Prädikat Künstlerisch wertvoll. Schröder kennt die Schnorrer des Zeitgeistes. Er weiß, wem er was aufs Auge drücken kann. Also verschweigt er den Schnupperkurs in der Jungen Union zu Bonn und Godesberg und trägt den sozialistischen Schuh, auch wenn er drückt.

Schröder gründet und dirigiert ein Kollektiv des Widerstands wider den unversöhnlichen Altverleger Melzer. Er setzt ein Selbstermächtigungspapier auf, Manifest wäre zu viel gesagt, und lässt es von den Kollektivist*innen Adolf Heinzlmeier, Traudl Brand, Anne Hansal und Peter Beitlich unterschreiben.

Drückt den Abhängigen reihum einen Kuli in die Hand und sagt: Schreib mal deinen Namen dahin. Ich male euch die Szene nicht aus.

Melzer quittiert den Affront verlangsamt mit fristlosen Kündigungen, die gegenstandslos sein sollen, sofern man sich entschuldigt. Er überlässt die Konfrontation seinem Steuerberater Rudolf Kurzhals und reist nach Israel ab.

Schröder spricht auch für die Mitarbeiter. Der Rest ist Geschichte und wird als bekannt vorausgesetzt. Ich erzähle sie aber gern noch mal. Schröder baut Druck an Kurzhals‘ Schmerzgrenze auf, indem er die Direktive ausgibt, jede Büromotte Melzers Zerberus zur wohlwollenden Inaugenscheinnahme vorzulegen.

Schröder weiß, wie weh das tut. Der Stellvertreter hat keine Ahnung, muss aber alles entscheiden. Als gewissenhafter Mensch fürchtet er den Irrtum, der sich mit seinem Namen womöglich gerichtsfest machen lässt.

Angst wirkt zersetzend.

Schröder sieht seine Stunde kommen. Endlich befiehlt er seinem Kollektiv, der Packer packt sich noch dazu, „Heinzlmeier hatte Schiss, war bleich und fahrig“, alles Notwendige zusammenzuraffen und damit ins Souterrain abzumarschieren. Jahrelang haben wir Keller gesagt, weil wir fanden, dass Keller besser zur Piraterie passt. Karl Dietrich Wolff spielt sich ins Souterrain-Ensemble. Das ist der erste helle Moment des Roten Sterns.