MenuMENU

zurück zu Main Labor

24.06.2020, Jamal Tuschick

Schröders Sturm & Drang

Schröder regt sich nicht auf, weil das Interesse an Pornografie so schwanzwedelnd intellektuell camoufliert daherkommt. Alles ist Scham und nichts will Scham sein. Schröder versendet eine Breitseite nach der anderen im Widerstand gegen jene Ignoranten, die auf hohem Niveau und durchaus meinungsbildend die eigenen Wünsche verschatten und den letzten Dreck hochjubeln, weil er sich irgendwie mit progressiven Ansichten und Kapitalismuskritik in eins setzen lässt. Schröder triggert die „Großwortemacher“ der Republik gern auf Schloss Kranichstein bei tagungstrutzigen Pressekonferenzen. Die Kellner*innen haben die Anweisung, den Alkohol strömend auszuschenken. Beknackt abgetakelte Würdenträger aus den Staubburgen von Academia halten wahnsinnige Reden, in denen Pornografie zum letzten humanen Akt oder, auch schön, „dem Kriminalroman der Zukunft“ erklärt wird. Während ihnen die faden Akte auf der Leinwand, vorgeturnt von Kunststudierenden, die ihr elendes Tun für subversiv halten, in abgedunkelten Aulen als „Rohschnitte“, die angeblich vor staatsanwaltschaftlichen Beschlagnahmungen bewahrt werden müssen, als Perlen des Fortschritts im Kampf gegen die Menschenfeindlichkeit präsentiert werden, und sie ihren Regungen unter dem Rock das Kleid der Sublimation routiniert anpassen, macht sich Schröder den Spaß, richtig zu vögeln. Vermutlich erschöpft sich dieser ständig exponierte Kontext, ihr redet bloß, ich mache aber auch wirklich, nicht nur im rhetorischen Kunstgriff. Schröder steckt im Würgegriff der Nacht. Er ist ein zwanghafter Geld-zum-Fenster-Rausschmeißer. Er probt lieber mit Sexarbeiterinnen in den amerikanisierten Kaschemmen der Frankfurter Kaiserstraße als mit den Koryphäen der Kultur, deren bigotte Verlogenheit ihm regelrecht wehzutun scheint, gediegen im Frankfurter Hof zu tafeln. Schröders rustikales Menschenbild ließe sich einfach problematisieren, auch seine Wortwahl. Seine Analysen fegen sich jedoch nicht einfach so vom Tisch des guten Geschmacks. Schröder erzählt von einem Land, das sich in der Unzuständigkeit eingerichtet hat und deshalb (von Beruf) unzuständige Bürger*innen auch in den Entscheidungssphären amtieren lässt. Schröders Scout Ralf-Rainer Rygulla sagt es so: Als wir das Wort Underground in Deutschland etablierten, gab es in der Anglosphäre schon nichts mehr, was ernsthaft als Underground bezeichnet wurde. Die bundesrepublikanischen Cheffeuilletonisten sind reine Nachbeter fremder Worte. Deshalb kann Karl-Heinz Bohrer 1969 Brinkmanns einzigen Roman „Keiner weiß mehr“ als „ersten genuin entwickelten deutschen Pop-Roman“ beschreiben, ohne dass ihm der Quatsch um die Ohren fliegt.

Schröders Sturm und Drang

Es gibt keine von Wissen & Integrität erhobene Instanz, nur Kungelei und ein gewaltiges Verhinderungs- und Verlangsamungsprojekt qua Subalternität. Dagegen läuft Schröder Sturm. Dahin geht sein Drang. Die Deppen will er bloßstellen und die Armleuchter vorführen. Er zieht von Darmstadt, wo er den MÄRZ Verlag aus der Melzer-Taufe hob, nach Frankfurt, um sich nicht als innovativer Unternehmer von den Provinzmuff-Potentaten (Schröder-like) umarmen lassen zu müssen. Er bewahrt sich seine Autonomie und tausend Sexgelegenheiten in Deutschlands amerikanistischer Stadt. Er sichert sich ein Quartier, dass dann von Andreas Baader und Gudrun Ensslin genutzt wird. Stets liest man diese Reinfolge, so als sei Baader tatsächlich noch etwas anderes als ein potenter Hohlkopf (gewesen). Seine Verherrlichung und die Verherrlichung der RAF-Frauen spielen dann eine Rolle, wenn es um Bernward Vespers „Reise“ geht, über die wir bald reden müssen. Vesper hat mit Ensslin ein Kind. Er leidet wie ein Hund unter Ensslins offensichtlicher Verachtung. Wir hatten das schon gestern. Dass sich Matthias Beltz kaum arrangieren mochte mit Baaders vernichtetem: Der Beltz kann keinen bewaffneten Kampf. Im „Siegfried“ heißt es lapidar dem Sinn nach: Ich (Schröder) habe das Manuskript des Selbstmörders Vesper. Da gibt es noch viel zu erzählen, schon deshalb, um der Nachwelt klarzumachen, wie wenig originell sie ist.  

Progressive Pornografie und Pietistische Pedanterie

Jörg Schröder installiert den „Popanz (von der) freien Pornografie“, der einer idealen Gesellschaft vorauseilt. Er kennt seine Rolle als Supermax der Branche. Er muss sich einmal wieder selbst übertreffen, um im Geschäft zu bleiben. Die Pornoparty um B wie Barbara und O wie Die Geschichte der, aber eben auch rund um den Eiffelturm des Sozialismus, schifft sich allmählich aus. Schröder will der Flamme neue Nahrung geben, er legt nach mit einem Engagement als progressiver Pornofilmproduzent. Er hat für die Scharade mehr als einen kapitalistischen Grund.

Ich lese noch einmal „Siegfried“.

Jörg Schröder erzählt Ernst Herhaus, „Siegfried“, Schöffling & Co., 28,-

Was zuvor geschah

Schröder lernt Buchhändler bei Schrobsdorff in Düsseldorf. Er wird Werber bei Kiepenheuer & Witsch und bei dem auf eine geradezu unheimlich zukunftsweisenden, nur vorderhand rückwärtsgewandten, konfessionellen Versandbuchhändler Joseph Rieck, der im schwäbischen Aulendorf residiert und Schröder beinah wahnsinnig macht mit pietistischer Pedanterie. Alles, was in unserer Branche Ende der Sechzigerjahre avant & garde ist, hat einen Ursprungszipfel in Aulendorf, jedenfalls in Schröders Lesart, der ich mich selbstverständlich anschließe. Schröder reißt sich dann als Geschäftsführer des Melzer Verlags ein Bein aus und verscherbelt palettenweise Titel von Ludwig Börne. Schließlich sezessioniert er. Er putscht den MÄRZ Verlag ins Leben und deklariert das Rahmengeschehen als Kollektivereignis im Geist von Achtundsechzig. Schröder privilegiert sich selbst und haut 1969 gleich mal hunderttausend Mark raus, so als vom Volk abgesetzter Kommunarde. Sein größter Coup ist die Kombination von Pornografie und Sozialismus. Die Nummer würde ihm heute das Genick brechen. Zu seiner Zeit gelingt es ihm, Pornografie als Fortschritt zu verkaufen. Natürlich landet er vor Gericht. Es gibt auch schon genug Verprellte, die in der Häme-Schlange darauf warten, dass Schröder aus den Latschen kippt.

So geht es weiter

Schröder produziert einen Pornopilotfilm in acht Tagen. Die Rohfassung präsentiert er auf Schloss Kranichstein. Das Feuilleton frisst ihm den Sermon aus der Hand. Die Protagonist*innen sind Studierende der Berliner Filmhochschule. Ihre Performance liefert der Sache einen DDR-Depri-realistischen Grauschleier, der sich als Kunst vermarkten lässt. So abgefuckt präsentiert sich kein Professioneller wie diese Amateure mit dem Willen zur Überhöhung, geboren aus einer falschen Vorstellung von Größe.