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24.06.2020, Jamal Tuschick

Was uns die Krise schon gebracht hat

© Jamal Texas Tuschick

Für das Virus ist der Mensch kein bequemer Wirt. Die Zeiten gemütlicher Symbiosen sind vorbei. Die systematische Unterbrechung der Infektionsketten macht immer wieder die Arbeit von Generationen zunichte. Ich möchte kein Virus in Deutschland sein.

Schon jetzt steht fest, Corona trägt zu einem Digitalisierungsschub bei. Die Zahl jener, die im Pyjama am Rechner der sozialen Kontrolle entgehen, steigt. Heimarbeit ist ein alter Hut. Von jeher entlastet sie die Umwelt. Vielleicht beweist sich so die Entbehrlichkeit vieler, die wir Bullshiter*innen nennen wollen. Nichts von dem, womit ich seit dem Zivildienst Geld verdient habe, hatte irgendwer nötig. Zu den Krisengewinnen gehört die Einsicht, dass eine Kassiererin relevant ist und einen Risikojob macht. Wir sollten die Müllabfuhr mit Blumen bekränzen. 

Das machen wir natürlich nicht. Sobald wir ein Kontaminationsfeld überwunden haben, desinfizieren wir uns notdürftig und gruseln uns vor dem Leben der Anderen. Mir fällt auf, dass ich von jeher zu den Leuten gehöre, für die noch ein Beiboot ausgesetzt wird, während die Titanic sinkt. Im Familiengespräch meiner Kindheit firmierte jede Seuche als Tropenkrankheit. Wir hatten nämlich völlig ahistorisch mit der Aufklärung die Pest hinter uns gelassen. Seuche funktionierte als Synonym für Rückständigkeit. Wer aber meinte, er müsse unbedingt nach Afrika, hatte sich das Weitere selbst zuzuschreiben. Ausgenommen war Professor Grzimek, der Albert Schweitzer des Frankfurter Zoos.

Ernsthaft gebildet war niemand in der Familie. Das immunisierte uns gegen komplizierte Erklärungen. Man ließ den Arzt kommen, wenn man einen Doktor brauchte. Ich denke gerade an die zwei Bilder, deren Erwerb meine Großmutter nur deshalb durchgesetzt hatte, weil der Künstler auch Professor war. Das waren die einzigen Originale im Haus. Gern gekauft wurden Grundstücke, am liebsten für einen Apfel und ein Ei. Ich habe Regina neulich in Rostock erzählt, wie die Bauerwartungslandspekulationen meines Großvaters fehlschlugen. Jahrzehnte hatte er einen handtuchbreiten Streifen nach dem nächsten aus verstörend eigenwilligen Landwirten herausgekitzelt, die dann als Pächter weiter das Abgelegte im Besitz behielten. Die befuhren etwas, dass sie zutiefst wohl für unveräußerlich hielten. Jeder war auf seine Weise ein Wüterich; seelisch kurzatmig und allzeit bereit, Schwäbisch aufzurauschen. Da verstehen Sie nichts mehr. Silben wie aus einem Misthaufen versammelten sich zum Aufstand.

Die FAZ am 17.03.: „Es hörte sich wie eine Generalmobilmachung an, was der französische Präsident in seiner Fernsehansprache nach den Klängen der Marseillaise verkündete. Frankreich stehe im Krieg gegen einen „unsichtbaren Feind“, schärfte er seinen Landsleuten ein und damit auch niemand die Botschaft überhöre, wiederholte er das Wort vom Krieg gleich sechs Mal.“

Der Bauernzorn war beängstigend. Jemand mit dem Traktor über den Hals zu fahren, entsprach einem Allgemeinplatz. Gleichzeitig ging man nie vom Hof ohne eine Gabe für die Großmutter. Ich erinnere den Blecheimer voller Äpfel und die mit dem Kneipchen gestochenen Salatköpfe, die in Zeitungspapier gewickelt wurden. Das waren Rieselpakete. Man legte eine Erdspur nach Hause. Wer denkt jetzt nicht an Michel Foucault? Paul B. Preciado fragt sich, ob ein noch lebender Foucault sich in seiner Wohnung in der Rue de Vaugirard seuchenpolizeilich einsperren ließe. In „Vom Virus lernen“ beschreibt Preciado den Aufbau der körperlichen Ich-Fiktion. Das Verhältnis von Staat und Gesellschaft fasst er auch mit dem Begriff Biopolitik. Macron kann die Franzosen viel überzeugender als einen Körper ansprechen, als es Merkel könnte, wäre sie denn mit einem martialisch-theatralischen Register versorgt. Ihr Pathos hat was von Barlachs Schwebender. Regina und ich waren in Güstrow, wo die Figur in einer Kirche hängt. Jemand sagte, es gäbe auch Katholiken in Güstrow – auch im Sinn von sogar. Auch Merkel verlangte von den Bürger*innen eine Gemeinschaftsleistung, die nur mit Verlust zustande kommen konnte. Da wurde die Wir-Fiktion so wahr wie die Ich-Fiktion. Je weniger Bauchschmerzen jemand dabei hatte, desto jenseitiger ließ er sich verorten. Die Mitte der Gesellschaft ächzte vorlastig an der Grenze zur „Disziplinargemeinschaft“. Man hörte die Demokratie knirschen. Kurz glaubte ich, Merkel und Söder setzten Corona-beflügelt herrschaftliche Fähigkeiten frei.

Zitiert aus

„Corona und wir - Denkanstöße für eine veränderte Welt“, Penguin Verlag, eBook, 14.99 Euro

Paul B. Preciado, „Ein Apartment auf dem Uranus - Chroniken eines Übergangs“, aus dem Französischen von Stefan Lorenzer, Suhrkamp, 368 Seiten, 20,-

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