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25.06.2020, Jamal Tuschick

Brutaler Überschwang

Neue urbane Phänomene

Eingebetteter Medieninhalt

Ein offizielles Katastrophenvideo zeigt „Stille und Leere, als habe man auf die Stopptaste gedrückt“.

„Wuhan wurde angehalten.“

So stelle ich mir das Grauen vor. Auf der Suche nach einem freien Bett irren Infizierte von einem Krankenhaus zum nächsten. „Sie tragen das Virus überall hin.“ In welchem Horrorfilm haben wir das schon gesehen?

Fang Fang, „Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“, aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann, Hoffmann und Campe, 380 Seiten, 25,-

Fang Fang memoriert „all die unnötig Gestorbenen, all die traurigen Tage und Nächte“.

Wuhan wird am 23. Februar abgeriegelt. Der Shutdown stellt elf Millionen Bürger*innen schlagartig unter Quarantäne. Ich konsumiere den Vorgang als TV-Nachricht. Obwohl die Katastrophenolympiade meinen Horizont übersteigt und ich keinen Vergleich anstellen kann, stellt sich noch nicht einmal Ratlosigkeit ein. Ich ordne das Virus-Drama dem globalen Süden zu und verknüpfe die Seuchensuada unspezifisch mit Defiziten, die wir nicht haben. Dabei sehe ich im Fernseher Leute, deren qualifizierter Opfermut in meiner Umgebung ohne Beispiel ist.

Die Chronistin fängt immer wieder von vorn an, sich im Virusland zu verorten und zu etablieren. Sie stützt sich ab und geht in die Schonhaltung kaum noch brauchbarer biografischer Gewissheiten. Ja, Fang Fang hat fast ihr ganzes Leben in Wuhan verbracht „und die Stadt nie mehr verlassen, seit ich als Zweijährige mit meinen Eltern von Nanjing hierhergezogen bin“.

Sie zieht den Kindergarten und die Grundschule heran. Sie erwähnt eine Zeit als Packerin im Viertel Baibuting. Seufzend sehnt sie sich nach dem unspektakulären Alltag zurück, der sie Jahrzehnte in der Spur hielt. Sie besingt den patriotischen Konformismus und das Glück, „an buchstäblich jeder Straßenbiegung Bekannte zu treffen“.

„Die Wurzelfasern (ihrer) Erinnerungen sind in (städtischen) Tiefen“ verankert.“

Das beschwört Fang Fang.

„Ich bin eine waschechte Wuhanerin.“

Vor langer Zeit hat sie den Wuhan-Text zu einer von Chen Xiaoqing moderierten Sendung mit dem Titel „Ein Mensch und seine Stadt“ geliefert. In solchen Feststellungen stecken Ergebenheitsadressen. Fang Fang möchte auf keinen Fall den Eindruck entstehen lassen, die Sturmspitze der Kritik zu schärfen. Ihr geht es primär darum, die Bedürfnisse der Quarantäne-Bürger*innen zu artikulieren, ohne sie besonders anspruchsvoll oder gar herausfordernd erscheinen zu lassen.

Fang Fang schildert mentales Kolorit: einen brutalen Überschwang. Wuhaner seien grundlos laut. Ihr Stakkato suggeriere ständigen Streit. Ein „explosives Temperament“ verbände sich mit „blutsbrüderlicher Loyalität“.

Unbefriedigende Informationspolitik

Das war doch der stärkste Eindruck, nachdem wir begriffen hatten, dass das Virus nicht auf China fixiert ist. Dass wir die Orwell’sche Dimension einer gleichgeschalteten Gesellschaft niemals erreichen würden, weil unterwegs (gemeinsam mit der Verfassungsessenz) das gute Deutschland auf der Strecke geblieben wäre.

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Sie neigt zu Halsentzündungen und einer in Kälte nachlassenden Lebensfreude. Fang Fang greift zu traditioneller Medizin und braut Tragantwurzel, Geißblatt und Chrysanthemen mit chinesischen Wolfsbeeren und amerikanischem Ginseng zusammen. Sie bechert die „Brühe“ und legt mit Extradosen Vitamin C nach, seit die Epidemie um sich greift. Die Kur komplettieren Lianhua-Qingwen-Kapseln und heiße Duschbäder.

Das Wuhan Diary versammelt Notizen einer angeschlagenen, ständig um ihre Gesundheit besorgten Chronistin. In der Ereignislosigkeit der Quarantäne wirkt sich die unbefriedigende Informationspolitik der Regierung besonders erschöpfend aus. Fang Fang hält mit Spiritualität dagegen. Sie versucht das Flow (Chi/Qi)-Niveau hochzuhalten, etwa auch mit dem „Schließen sämtlicher Pforten“.

Nach diesem Rezept lassen sich Kapillaren autosuggestiv schließen, so dass die Kälte aus vor bleibt und „die hundert Übel keinen Zugang“ finden. Die Abwehr kommandiert ihre Einheiten wie aus einer unterirdischen Zentrale. Fang Fang spricht von einer seit Jahrhunderten gehüteten Geheimformel.

Das sei „absolut kein Aberglaube“. Vorsichtshalber lacht man trotzdem.

Der Hauptsatz von Wuhan:

Schützt euch selbst, so schützt ihr alle.

Wenn du nicht mehr gesehen wirst, dann erblindest du

Wir können uns nicht so auspowern und in eine Reihe der Unterwerfungen schalten lassen. In jeder Katastrophenpolitik steckt eine Übergriffbereitschaft, die einer Demokratin nicht zur Verfügung stehen sollte. Fang Fangs behutsame Kritik an der Verschleierungs- und Verschleppungspolitik des Provinzregimes führt zu einer weiteren Sperrung. Zur Ausgangssperre kommt die Blog-Sperre. Die Macht der Rede (ob frei oder gebunden) übersetzt sich in den sozialen Medien in Sichtbarkeit. Unsichtbar im Internet zu sein, entspricht der (sozialen) Erblindung. Die Reduktion auf schiere Selbstberuhigung (Selbsterhaltung) in einer Box, führt über den sozialen Tod zum physischen. Die Abwehrkraft sinkt mit den Möglichkeiten, Anerkennung zu erfahren. Wer sich aber den Zusammenhang erschließt, kann auch an dieser Stelle Kraft gewinnen. Die Bewusstwerdung öffnet das Tor.  

Am Vorabend der Abriegelung

Am 22. Januar holt Fang Fang ihre aus Japan heimkehrende Tochter am Flughafen von Wuhan ab. Die Straßen sind schon gespenstisch leer. Eine allgemeine Anspannung ist mit Händen zu greifen. So fühlt sich eine Katastrophe im Anmarsch an.

Keine Begrüßungstumulte.

Fang Fang fühlt sich wie in „schneidendem Wind und eisigem Wasser“.

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Wuhan Diary ist ein seine Leser okkupierendes Zeitzeugnis aus der Stadt, die weltweit als erste von der Corona-Pandemie betroffen war. Entstanden während des sechsundsiebzig Tage währenden Lockdowns der Millionenstadt fand Fang Fangs Onlinetagebuch täglich bis zu fünfzig Millionen Leser*innen und ist zum Gegenstand erbitterter Auseinandersetzungen über den Umgang mit kritischen Stimmen und Verantwortung – und somit über Chinas künftigen Weg – geworden.

Mutter und Tochter absolvieren den Parcours des Notwendigen in bedrücktem Schweigen. Neujahr (nach ihrem Kalender) wollen sie getrennt verbringen. Die Tristesse von Ungewissheit und Angst sowie die Aussicht auf häusliche Quarantäne liefern dystopische Stimmungen. Fang Fang sucht Trauer heim. In den nächsten Tagen ist Trauer ihre einzige Begleiterin. Die Bürger*innen schotten sich auch im öffentlichen Raum ab. Die Krise fühlt sich wie eine Strafe an. In einer extrem konformistischen Gesellschaft wirkt Vereinzelung stigmatisierend.

Die Straßenkehrer*innen gehen weiter ihrer Beschäftigung nach, obwohl es kaum was wegzufegen gibt. Fang Fang beobachtet „äußerste Sorgfalt“ an einer Nahtstelle zum Wahnsinn. Sie registriert Resilienz zu ihrer Beruhigung.

Das Versagen lokaler und regionaler Behörden beschäftigt die Chronisten in den folgenden Tagen. Schließlich übernimmt Peking. Nun weiß jedermann, „dass in China sämtliche Kräfte mobilisiert werden, (da) der Staat auf nationaler Ebene“ interveniert.

Fang Fang ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Chinas. Sie wurde 1955 geboren und lebt seit ihrem zweiten Lebensjahr in Wuhan. In den letzten 35 Jahren hat sie eine Vielzahl von Romanen, Novellen, Kurzgeschichten und Essays veröffentlicht. Stets spielten die Armen und Entrechteten in ihren Werken eine große Rolle. 2016 veröffentlichte sie den von der Kritik gefeierten Roman „A Soft Burial“. Er wurde allgemein als ihr wichtigstes Werk angesehen und mit dem Lu-Yao-Preis ausgezeichnet.