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26.06.2020, Jamal Tuschick

Jäger der Gerechtigkeit

Macht erzeugt Angst auf der Seite der Macht. Sie gleicht schwerem Gepäck. Das Gewicht von Krone und Herrschaftsbürde spielt nicht nur in Märchen eine Rolle. Aus mehr als einem Blickwinkel erscheint Demokratie als eine Prüfung jener, die sich darauf verstehen, die Gewalt eines Staates mit ihrer Person zu verknüpfen. Donald Trump schätzt die Demokratie so gering, dass in seinen Elogen auf Autokraten wie Xi Jinping und Wladimir Putin die Klage mitschwingt, selbst unter härteren Bedingungen regieren zu müssen. Die französische Psychoanalytikerin Marie-France Hirigoyen fischt aus dem trüben Teich von Trumps Persönlichkeit das lächerlichste Merkmal: der übermäßige Wunsch nach Bewunderung eines Unbeliebten. Niemand scheint seinem Verlangen weniger gerecht werden zu können. Anspruch und Vermögen liegen einander fern wie Pole. In Trumps Charakter dominiert die Unzulänglichkeit wie in einer Figur von Dostojewski oder Dickens. Wer nun widersprechen will, indem er behauptet, es fehle die tragische Dimension, dem sei gesagt: Trump entbehrt nicht der Tragik. Mit der biblischer Illustrationskraft und Ausführlichkeit auch noch in den Seitentälern verkörpert er den Sohn, der als Enttäuschung auf die Welt kam. Er repräsentiert die erste Post-Aufbaugeneration, in der sich gewöhnlich geniale Züge und ein theatralischer Gestus zu den Furien der Herrschaft gesellen und die Unterwanderung von innen ihren Anfang nimmt. Welche Familie wächst schon hundert Jahre zu ihrem Vorteil? Denkt an die Kennedys. Was da alles schief ging.  

Marie-France Hirigoyen, „Die toxische Macht der Narzissten“, aus dem Französischen von Thomas Schultz, C.H. Beck, 16.95 Euro

Hirigoyen weist Trump das Offensichtliche nach. Sie verstärkt die Kohorte der Konsternierten, denen es – den eigenen Analysen zum Trotz – ein Rätsel bleibt, warum dieser Mann immer noch Präsident ist. Kleinere Trump-Kritiker*innen als Hirigoyen erinnern an Putzerfische, die ein Wesen zwischen Aas und Gefahr fernlausen.

„Raubfische verhalten sich an Putzer-Stationen friedlich, warten, bis sie an der Reihe sind und lassen die Lippfische auch ins Maul und in die Kiemenhöhle schwimmen, damit diese sie dort säubern. Durch leichte Bewegungen signalisieren die „Kunden“, dass sie genug haben und die Putzerfische die Körperhöhlen verlassen müssen.“ Wikipedia

Vermutlich macht man sich nicht genug klar, wie verrottet Macht durch die Jahrhunderte mitunter ausgeübt wurde. Unsere Akzeptanz scheitert an schlechter Performance, während wir geneigt sind, Prädestination schon anzunehmen, sobald ein Verhalten angenehm ist.

Diese Wahrnehmung von Macht verrät unsere Unzuständigkeit. Die längste Zeit ist keiner von uns gefragt worden, ob er seinen König behalten wolle. Stattdessen formte uns die Bereitschaft zu dulden. Die Flut der Ermächtigungstexte belegt das wie sonst nichts. In der Ohnmacht trifft sich die Menschheit mit Trump wie in einer Sauna. Das ist ein bisschen peinlich, sollte aber egal sein.  

Hirigoyen macht klar, dass der Hase nicht da im Pfeffer liegt, wo das Offensichtliche grassiert, und wir einen brutal bramarbasierenden Potentaten stürzen sehen wollen. Vielmehr geht es darum, dass sich Trump nicht an Gesetze gebunden fühlt. Wie jeder kleinwüchsige Hausmerkel glaubt der Präsident, er stünde über dem Gesetz. Das indes ruft The Untouchables auf den Plan. 

Das ist das vom großen Publikum immer noch nicht begriffene, sich doch schon lange facettenreich anbahnende Drama. Trump bietet sich wie eine vom Alter traurig gemachte Asphaltpersönlichkeit dem Jäger der Gerechtigkeit oder eher noch einem Justice Warrior-Team als Paradegegenstand einer von exzellenten Court-Stunts illuminierten Verfolgung an.

Ich-Invasion

Der Historiker Chistopher Lasch, von dem nebenbei die bemerkenswerte Einsicht stammt: „Je höher das Ansehen der Achtsamkeit steigt, desto näher (rückt) der Kollaps der Gesellschaft“, erkannte in den 1970er Jahren eine Korrelation zwischen narzisstischen Störungen, die psychiatrischer Behandlung bedürfen, und dem Auftritt der Narzissten auf allen gesellschaftlichen Bühnen. Für Lasch ist Narzissmus die psychische Antwort „auf die Bilderflut und den Massenkonsum“. Narzissmus sei die beste Art, „die Ängste des modernen Lebens zu ertragen“.

Semantische Demenz

„Präsident zu sein, ändert nicht, wie du bist, sondern offenbart, wer du bist.“ Michelle Obama

Marie-France Hirigoyen ferndiagnostiziert: Die amerikanische Oberschicht hält ihn für den schlimmsten Clown seit Caligula. Trump fehlt die Klasse, um in der feinen Gesellschaft mithalten zu können. Er erlebt sich als Außenseiter wie jeder Honk. Hirigoyen beobachtet beim Präsidenten der Vereinigten Staaten eine Verarmung der Sprache und fehlende Triebkontrolle und vermutet sogar semantische Demenz im Zuge einer Frontalhirndegeneration.

Trumps Neigung zu Scherzen und Wortspielen, seine überbordende Heiterkeit und Gereiztheit zeigen ihn, so Hirigoyens, als kranken Mann. Hirigoyen spezifiziert Trumps (verletzlichen) Narzissmus und grenzt ihn von Putins perversen Narzissmus ab. Trump sei im Herzen ein zurückgesetztes Kind (geblieben). Er wiederhole Erfahrungen der Ausgrenzung, die ihm unbotmäßiges Verhalten in den Jahren seiner Unmündigkeit eintrug. Gleichzeitig erliege er, schwelgend in Allmachtsphantasien, der Vorstellung, wunderbare Dinge hervorzubringen.

Die Welt als Ich-Erweiterung

Hirigoyen legt Narzissmus-Theorien dar. Sie klärt den Begriff nach Freud und über Freud hinaus. Den raumgreifenden Narzissten schildert Hirigoyen als eine Person, „die in einem primitiven Stadium ihrer psychischen Entwicklung verharrt und … die Welt als Erweiterung ihres Ichs begreift“.

Bei Ovid stirbt der Narziss in einem Exzess der Selbstliebe. Sozial ist Trump gewiss längst tot. Er konnte noch so weit aufsteigen, nur um sich zu wiederholen.    

Entsprechen Trumps Entgleisungen gewissen gesellschaftlichen Symptomen in den Nebelauen des Nonkonformismus?

Vor ein paar Tagen erst haben wir uns mit Bérengère Viennot beschäftigt. Sie übersetzt tagesfrisch aus dem Englischen ins Französische. Als Übersetzerin „durchforstet sie die Landschaft des … Tagesgeschehens“. Die Präsidentschaftswahl von 2016 war ein Job für Viennot. Sie bemerkt eine brutale Vereinfachung in Trumps Ausführungen. Das deckt sich mit Hirigoyens Feststellung einer semantischen Demenz. 

Bérengère Viennot, „Die Sprache des Donald Trump“, Essay, aus dem Französischen von Nicola Denis, Aufbau, 154 Seiten, 18,-

Aus der Ankündigung

„Die heutige Welt begünstigt Narzissten - so die These … (von) Marie-France Hirigoyen. Narzissten gewinnen immer mehr Macht in unserer Gesellschaft und vergiften das Zusammenleben, von der Politik über die Arbeitswelt bis hinein in die Familien. Hirigoyen deckt die Ursachen dieser fatalen Entwicklung auf und erklärt, wie wir dem Vormarsch des Narzissmus entgegentreten können.“

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Für Adorno gehörte der Narzissmus zur Abwehr „gegen die (von den Produktionsbedingungen verursachte) Schwäche eines kollektiven Ichs“. Amerikanische Soziologen der konkreten Nachkriegszeit erklärten „wirtschaftlichen Wohlstand“ zur Ursache einer Egoismus-Explosion. Die Bereitschaft zur Selbstverherrlichung käme direkt aus der Kultur.

Kollektive Emanzipation versus individuelles Heilsversprechen

Der Historiker Chistopher Lasch, von dem nebenbei die bemerkenswerte Einsicht stammt: „Je höher das Ansehen der Achtsamkeit steigt, desto näher (rückt) der Kollaps der Gesellschaft“, erkannte in den 1970er Jahren eine Korrelation zwischen narzisstischen Störungen, die psychiatrischer Behandlung bedürfen, und dem Auftritt der Narzissten auf allen gesellschaftlichen Bühnen. Für Lasch ist Narzissmus die psychische Antwort „auf die Bilderflut und den Massenkonsum“. Narzissmus sei die beste Art, „die Ängste des modernen* Lebens zu ertragen“.

Die Erwartungen an eine kollektive Emanzipation wurden früh enttäuscht, während dem Hedonismus immer neue Bewährungsflächen eingeräumt werden.

*Moderne und Postmoderne setzt die Psychoanalytikerin Marie-France Hirigoyen in eins. Zweifellos spricht Hirigoyen ständig von der „ideologisch leeren“ Postmoderne, aus der „das Heilige und das Kollektive verschwunden sind“. So sagt es Gilles Lipovetsky, auf den sich Hirigoyen bezieht. Der Akteur habe die Wahl zwischen „Narziss oder der Leere“.

Gottfried Benn: Es gibt nur zwei Dinge/die Leere und das gezeichnete Ich

„Der Mensch setzt sich (ratlos) in Szene“, da kein Gott mit ihm spielen will. Er beschränkt sich auf die „Gestaltung einer flexiblen Gesellschaft, die auf Information und Bedürfnisstimulierung, auf Sex und der Berücksichtigung menschlicher Faktoren, auf dem Kult von Natürlichkeit, Herzlichkeit und Humor gründet“.

Freude an der eigenen Existenz

In einer „bipolaren Struktur“ verschmilzt das authentische Selbst das heruntergeputzte grandiose Selbst mit dem idealisierten Eltern-Imago. Reifen kann nur, wer den Zugang zu sich nicht verstellt und das setzt Freude an der eigenen Existenz voraus. So argumentiert Heinz Kohut. Der Wiener Psychoanalytiker und Professor für Psychiatrie betont die „positive Seite des Narzissmus: den Instinkt der Selbsterhaltung“. Hirigoyen referiert den Standpunkt neben anderen.

Der pathologischen Unwucht aus Beeinträchtigungen des Kindes bietet Kohut drei Varianten für den Hausgebrauch: die Mutter versagt empathisch, ein Trauma führt zu Verkapselungen, die Eltern erlauben ihre Idealisierung nicht. Die Beeinträchtigten rauschen in eine Konkurrenz zwischen grandiosem und realem Selbst. Sie überfordern sich in der Selbstüberschätzung, so Kohut. Die Referentin kriegt wieder die Kurve zu Trump, ich wiederhole, so wie Trump sich wiederholt: einem bedauernswerten Kindgreis, der den Atomknopf drücken darf.