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27.06.2020, Jamal Tuschick

The Cleaner

Tüchtigkeit, dein Name sei Korede. Die Krankenschwester ist ein Traum aus Zuverlässigkeit und Sexappeal in den Niederungen der Reinigungstätigkeiten. Zum Besten ihrer Schwester, „der Serienmörderin“ Ayoola, variiert sie semi-professionell die Kunstfertigkeit des Cleaner. Wir kennen die Figur: „Remember Harvey Keitel as Winston Wolfe? Of course you do. His appearance in Pulp Fiction as the fixer, the cleaner who knew how to take care of Jules' and Vincent's boneheaded mistakes, was a model of efficiency under pressure — a no-nonsense performer who got the job done with style.” Quelle

Oyinkan Braithwaite, „Meine Schwester, die Serienmörderin“, Roman auf Deutsch von Yasemin Dinçer, 240 Seiten, Blumenbar, 20,-

Putzgenie

Ayoola hat, was der Nützlichen fehlt: einen Verehrer wie am Fließband produzierenden Hüftschwung. Einmal probt Korede die Gesäß-Exaltation vor den Augen eines Arztes, dessen Aura ihren Speichelfluss versiegen lässt. Gleich erkundigt er sich bekümmert, ob ihre Hüfte in der vergangenen Nacht einen Schaden erlitten habe.

Oh what a shame.

Nun humpelt Korede tatsächlich aus dem Paradies wertschätzender Wahrnehmung. Ihre Exzellenz beweist sie bei der Entfernung gefährlicher Tatortspuren. Sie verbessert sich mit jedem Mord ihrer süßen Schwester.

Das ist die Story.   

Zuletzt daran glauben musste Femi. Seiner Mörderin gelingt es, alle hinters Licht zu führen. Die Scharade der Trauernden führt sie so überzeugend auf, dass sogar Femis Mutter auf Ayoola hereinfällt.

Korede wundert sich, wie unblessiert ihre Schwester aus jeder Tatnacht hervorgeht; selbstverständlich mit der Generalbehauptung, sie habe sich lediglich zur Wehr gesetzt. Oyinkan Braithwaite stattete die schöne Killerin mit einer wenig originellen Mischung aus somnambuler Kaltblütigkeit und Sentimentalität aus. Jede zweite Psychopathin besitzt diese Seelenruhe und ein paradoxes Repertoire, mit dem sie einnehmend kompliziert erscheint.

Ayoola tötet zwar in vorgeblicher Notwehr, jedoch ohne Groll. Sie bewahrt Souvenirs aus den Beständen ihrer Opfer auf, die ihr gefährlich werden können. Sie verschließt sich einem rationalen Abwicklungsstil: allen Ermahnungen zum Trotz.

Wie eine Brise umspielen Lagos-Vibes den Plot. Der Leser erhält Informationen über die direction of march der nigerianischen Jeunesse dorée. Als Repräsentantin der Mittelschicht muss Korede tiefstapeln, will sie sich nicht den Unmut schlicht verdrehter Männer zuziehen. Nebenbei erfährt man, dass Whitney Houston in Koredes Bewertungssystem „dem musikalischen Äquivalent einer Packung M & M’s“ entspricht.

Oyinkan Braithwaite hat Kreatives Schreiben und Jura in Kingston studiert, in einem nigerianischen Verlag und in einer Produktionsfirma gearbeitet. Heute ist sie als freie Autorin tätig. Sie war nominiert für den Commonwealth Short Story Preis und ihr Debütroman „Meine Schwester, die Serienkillerin“ war ein fulminanter Erfolg in der englischsprachigen Welt und hat den Los Angeles Times Book Prize gewonnen. Sie lebt in Lagos, Nigeria.

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