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29.06.2020, Jamal Tuschick

Schrecken der Nacht

Auf der Jagd nach Knaben, die sich zur Gefolgschaft pressen lassen, dringen Männer, die sich den Anschein regulärer Soldaten geben, in Wahrheit aber Irreguläre sind, in die Schlafsäle eines Mädchenwohnheims ein. In der Not frisst der Teufel fliegen. Um nicht mit leeren Händen abziehen zu müssen, nehmen die Milizionäre mit den Schülerinnen vorlieb. Für die Gekidnappten beginnt eine Odyssee mit Zwangskonvertierungen, Zwangsehen und noch mehr Sklavenelend. Der Vorgang ist verbürgt*. Edna O‘Briens Literarisierung des Grauens wurde von Richard Ford als Großtat bezeichnet.

Auf der Jagd nach Knaben, die sich zur Gefolgschaft pressen lassen, dringen Männer, die sich den Anschein regulärer Soldaten geben, in Wahrheit aber Irreguläre sind, in die Schlafsäle eines Mädchenwohnheims ein. In der Not frisst der Teufel fliegen. Um nicht mit leeren Händen abziehen zu müssen, nehmen die Milizionäre mit den Schülerinnen vorlieb. Für die Gekidnappten beginnt eine Odyssee mit Zwangskonvertierungen, Zwangsehen und noch mehr Sklavenelend. Der Vorgang ist verbürgt*. Edna O‘Briens Literarisierung des Grauens wurde von Richard Ford als Großtat bezeichnet.

„Ich war einmal ein Mädchen, aber ich bin es nicht mehr.“

Die Feststellung steckt den Rahmen ab. Die Erzählerin Maryam verliert ihre Kindheit in der Gewalt von Boko-Haram-Kämpfer*innen. Es gibt Freischärlerinnen in dieser Miliz. Edna O‘Brien nennt sie Soldatinnen. Zwar sind sie Entführte und folglich von Freiwilligkeit weit entfernt, aber entführt werden auch Knaben mit dem Ziel, sie dem nigerianischen Kampfverband einzugliedern.  

Edna O’Brien, „Das Mädchen“, Roman, aus dem Englischen von Kathrin Razum, 253 Seiten, 23,-

Maryam erlebt auf den Schauplätzen ihrer Verschleppung ein Regime der Verhöhnung jedweder Menschlichkeit. Die Islamisierung der Christin gerät zur kruden Angelegenheit. Man macht sie zur Zeugin einer Steinigung. Sie selbst zählt sich zu einer Riege, die sich wie Rinder begutachten lassen müssen. Schließlich wird Maryam einem Mann zugeteilt. Mahmoud erhält sie zur Belohnung. Sie dient ihm als Resonanzkörper seiner Normalitätsbedürfnisse.

So grauenhaft die Details der kollektiven Verrohung in einer Killersekte sind, Mahmouds Wunsch, seiner Zaghaftigkeit in der Ehe mit einer Unterworfenen Raum zu geben, nimmt den Leser beinah noch mehr mit. Mich hat die Lektüre vor Monaten bereits erschüttert. Bis eben konnte ich den Roman nicht besprechen. Auch jetzt sind die Widerstände groß. Die Autorin reagierte auf folgendes Ereignis:

*„Zu einer Massenentführung von Schülerinnen kam es in der Nacht vom 14. zum 15. April 2014. Bewaffnete Männer verschleppten 276 Schülerinnen der Government Secondary School in Chibok im Bundesstaat Borno im Nordosten Nigerias. Abubakar Shekau, Anführer der nigerianischen islamistischen Terrororganisation Boko Haram, bekannte sich zu dem Verbrechen. Es gab zu verschiedenen Zeitpunkten Freilassungen, aktuell werden noch mehr als 100 Schülerinnen vermisst bzw. von Boko Haram festgehalten.“ Wikipedia

Zwischen den Gefechten sucht Mahmoud Ruhe und Trost bei Maryam und bei seinem Bart.

„Er liebte seinen Bart und sprach mit ihm.“ 

Realitätsflüchtig durchstreift er das Lager. Seine Spaltung ist so komplett, dass er zwei völlig verschiedene Typen darstellt. Um ihn komplett aus der Fassung zu drehen, erhält er den Befehl, einen Verwandten mit dem Messer zu töten.

„Dreh es dreimal um“, wies der Kommandeur ihn an.

Maryam bringt eine Tochter zur Welt, während sich Mahmoud von der Welt verabschiedet. Er exiliert in den Wahn.

Schrecken der Nacht

Nun ergibt sich eine Gelegenheit zur Flucht in „blutigem Chaos“. Die vorläufigste Freiheit erreicht Maryam gemeinsam mit ihrer Freundin Buki und dem Baby Babby.

„Es war schwer zu sagen, wer … Mutter und wer Kind war.“

Der Dschungel lädt zu einem Trip in der Geisterbahn ein. Die Flüchtlinge halten sich zunächst tagsüber verborgen. Doch bald ändern sie ihr Bewegungsprofil, um den notorisch nachtaktiven Urwaldkämpfer*innen nicht länger Anlass zu Aufregungen außer der Reihe zu bieten.

Zurück in die Zivilisation

Die Energie, mit der sich die Mädchen am Laufen halten, kommt aus der Hoffnung nach der Rückkehr in einem empathischen Wiedereingliederungsverfahren ihre Vollwertigkeit zurückzuerhalten.

Das passiert nicht.

Die Familie reagiert mit verkappter Stigmatisierung auf die „Entehrte“. Maryam gerät in einen schwarzmagischen Strudel. Man nimmt ihr Babby weg. Die Unbarmherzigkeit hat einen christlichen Anstrich.    

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