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29.06.2020, Jamal Tuschick

Pressemitteilung: Cihan Acar erhält den Literaturpreis der Doppelfeld Stiftung // Hanser Berlin

Cihan Acar erhält den Literaturpreis der Doppelfeld Stiftung
 
Der in diesem Jahr erstmalig vergebene Literaturpreis der Doppelfeld Stiftung für literarische Debüts geht an den Heilbronner Schriftsteller Cihan Acar für seinen Romanerstling Hawaii. Dies teilt die Münchener Stiftung Literaturhaus, die den Preis gemeinsam mit der Doppelfeld Stiftung und der BMW Group auslobt, in einer Pressemitteilung mit.
 
Aus der Jurybegründung: »Hawaii ist in Heilbronn: In diesem Stadtteil, weitgehend von Türken bewohnt, ist Kemal aufgewachsen, der junge Held aus Cihan Acars Debüt Hawaii. Gerade musste er nach einem Unfall seine Karriere als Fußballstar beenden. Drei Tage und Nächte streift er durch die Stadt. In schnell geschnittenen Episoden folgen wir ihm durch die türkische Community, stehen bei Krawallen mit Rechten neben ihm auf der Straße oder auf der Gartenparty in der Villa des wohlhabenden Architekten. Mit wenigen Strichen gelingt es Acar, diese unterschiedlichen Milieus und ihre Menschen zu zeichnen.

Rasante Dialoge, zartfühlende Personenzeichnung und ein feiner Sinn für den Sound zwischen Schwäbisch und Türk-Deutsch zeichnen das Debüt von Cihan Acar aus. Alltäglicher Rassismus und Chancenungleichheit sind die hochaktuellen Themen, die Acar ebenso beiläufig wie markant in Szene setzt. Mit seinem jungen Helden Kemal hat er einen modernen Melancholiker erschaffen, der sich nach Zugehörigkeit sehnt – und doch weiß, dass er weder in der Halbwelt seines Viertels noch im bürgerlichen Heilbronn zwischen Weinberg, Kernkraft und Audi seinen Platz hat.«
 
Der von der Münchener Stiftung Literaturhaus, der BMW Group und der Doppelfeld Stiftung in diesem Jahr erstmals vergebene Literaturpreis der Doppelfeld Stiftung ist mit 6.000 Euro dotiert und zeichnet deutschsprachige Debüts in den Genres Erzählung, Novelle oder Roman aus. Die Jury besteht aus Vera Doppelfeld (Stifterin), Tanja Graf (Leiterin Literaturhaus München), Katrin Lange (Programm Literaturhaus München), Ijoma Mangold (Autor und Kulturkorrespondent im Feuilleton der ZEIT) und Michael Lemling (Buchhandlung Lehmkuhl).

Neben dem Hauptpreis werden beim Doppelfeld-Preis gewöhnlich zwei mit je 3.000 Euro dotierte Förderpreise vergeben. Aufgrund der aktuellen durch COVID-19 bedingten Belastungen für Autorinnen und Autoren, wie auch aufgrund der hohen Qualität der Shortlist-nominierten Bücher, wird der Förderpreis in diesem Jahr allen Shortlist-Autor*innen neben dem Träger des Hauptpreises zuerkannt: Dana von Suffrin für Otto, Nadine Schneider für Drei Kilometer, Raphaela Edelbauer für Flüssiges Land und Marina Frenk für Ewig her und gar nicht wahr.
 

Cihan Acar, geboren 1986, studierte Rechtswissenschaften in Heidelberg und lebt in Heilbronn. Er schrieb Bücher über Hip-Hop und über den Istanbuler Fußballclub Galatasaray. Sein Debütroman Hawaii ist im Februar 2020 bei Hanser Berlin erschienen.

"Kaputte, Selbstdarsteller, Gangster, Nazis – alle in Heilbronn. Von diesen Verlorenen und vom Verlorensein so scharf und literarisch zu erzählen, das schafft niemand besser als Acar." Anna Prizkau, Frankfurter Allg. Sonntagszeitung, 21.06.20

"Authentisch […], rauschhaft und humorvoll. Ein Buch, das geradezu darauf wartet, von Fatih Akin verfilmt zu werden." Marcela Drumm, WDR 5, 31.03.20

"Ein Buch der Zweifel und der Selbstbefragung, im Spannungsverhältnis zwischen Migrantenmilieu und deutscher Mehrheitsgesellschaft. Gekonnt und ohne große Gesten beschwört es stellvertretend die Sehnsucht einer ganzen Generation nach Zugehörigkeit und Heimat." Peter Henning, WDR, 03.03.20
 
 

Gastarbeiterantike

Den üblichen Schwierigkeiten und Anfechtungen entzieht ihn seine Begabung. Wenn andere ihren Straßeneckenverpflichtungen nachkommen, zeigt Kemal Arslan seine Klasse im Training.

Bei Kemal reicht es zu mehr.

Er ist der eine unter Zehntausend; die Ausnahme von der Regel. Der Achtzehnjährige mit dem Profivertrag bei einem türkischen Verein. Cihan Acars im Hawaii* als Glückspilz aufgewachsener Held kann sich der Bewunderung auf zwei Kontinenten kaum erwehren.

Schnitt.

Interessanterweise stellt sich Kemal nie der Charakterfrage, ob er vielleicht nicht zu lässig war/am Steuer seines Jaguars. Damals, als er auf einer Piste vor Gaziantep sich von einem Rivalen auf seiner Position im Verein zu einem Straßenrennen herausfordern ließ, um sich schließlich an nichts mehr erinnern zu können, bis zum Erwachen im Krankenhaus.

Das Aus der Diagnose. Nie wieder Fußball.

An manchen Tagen humpelt Kemal, wohl wissend, wie schlecht das ankommt bei den Hyänen im Hawaii*.

*„Unteres Industriegebiet“ heißt die Gegend zwischen der Christoph- und Ellwanger Straße im Behördendeutsch. Manche sagen „Heilbronx“ zu einer Ecke von Heilbronn, deren soziales Gepräge aus der Gastarbeiterantike stammt. Die meisten reden vom Hawaii-Viertel.

Für den Namen gibt es eine Reihe volkstümlicher Erklärungen, denen Kemal keine Beachtung schenkt. Kemal macht sich nichts aus Folklore. Er nimmt die Dinge wie das Wetter. Seine Herkunfts- und Zugehörigkeitsbegriffe sind aus dem Guss selbstverständlicher Annahme. Kein Ehrgeiz treibt ihn darüber hinaus.

Cihan Acar, „Hawaii“, Roman, Hanser Berlin, 252 Seiten, 22,-

Kemal neigt nicht zur Überhöhung & Verdammung. Unter lauter Superintensiven übt er Zurückhaltung. Ich sehe ihm gern zu. Kemal ist ein angenehmer Zeitgenosse. Er gibt nur zum Schein an, um nicht zu distanziert zu wirken in einem Regime, das von der These ausgeht:

„Wer allein bleibt, den frisst der Wolf.“

Die Verhältnisse verbieten es Kemal, seinen einzelgängerischen Neigungen nachzugehen. Gelangweilt gehorcht er den Gesetzen der Abschottung. Anspruch auf Schutz der türkischen Gemeinde und ihrer Abteilungen hat nur, wer sich ständiger Beurteilungen nicht entzieht.

Gleichmütig darf keiner sein. Man kann sich auch nicht einfach abtakeln und sagen, das wars, liebe Freunde. Alles muss bis zur Neige ausgeschöpft werden. Als erloschener Stern genießt Kemal zunächst noch Privilegien, die er aber verzockt. Einmal zeigt ihm ein Freund einen Schnappschuss, man sieht Kemal in einem öffentlichen Verkehrsmittel, mit der Bemerkung, das Bild mache gerade die Runde.

Das ist nicht gut. Nur Verlierer fahren Bus. Die Hyänen träumen von einem Festmahl. Sie wollen Kemal vom hohen Ross seiner Gelassenheit auf den Boden zerren und ausweiden. Mit seinem Blut wollen sie an die Wände von Hawaii schreiben: Kemal hat fertig. Allmählich begreift der Talentierte die Logik des Dschungels: besser ist, nie jemand gewesen zu sein, als beinah mal ein Großer. Dass Rückkehr Abstieg bedeutete, war Kemal nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus schon klar. Nun begreift er, dass es keine Rückkehr gibt. Das Ghetto verschränkt die Arme. Die Hyänen rücken auf.