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01.07.2020, Jamal Tuschick

Das Flussbett als Betonwanne

Solange „fossile Brennstoffe die lukrativste Substanz der Welt“ (Bill McKibben) sind, werden alte weiße Männer mit Macht im wachsenden Schadstoffausstoß ihr Heil suchen und dabei behaupten, das sei nur natürlich. 

Eingebetteter Medieninhalt

Die Idee vom Organischen als dem harmonischen, auf alles zugreifenden und alles ordnenden Prinzip des Universums gehört zu einem Selbst-Täuschungskomplex. Kein Wirtschaftssystem wächst wie ein Rosenstock: so ermutigt von filigranen Wachstumshilfen. Überhaupt hat Wirtschaft mit Flora & Fauna nichts zu tun. Menschengemachte Strukturen sind Gegenkräfte der freihändigen Natur. Das erklärt Maja Göpel. Die gesellschaftswissenschaftlich inklinierte Expertin für politische Ökonomie untersucht unser Marktverhalten. Parameterverschiebungen haben Ursachen und Folgen, die dem, was wir organisch finden (das reibungslose Ineinandergreifen von Kräften), diametral entgegenstehen. Göpel skizziert das Beispiel einer neuen Grenze. Die Limitierung schafft und zerstört Chancen weit weg von den Kompositionen der Kompostierung. Sie bildet keinen vorläufigen Endpunkt aka Übergang einer natürlichen Entwicklung. Vielmehr ist sie das Resultat eines unnatürlichen Eingriffs, vergleichbar mit der Begradigung eines Wasserlaufs – das Flussbett als Betonwanne. Nur wer sich das klarmacht, gewinnt die Freiheit zu verstehen, wie wir uns an die Wand fahren konnten, nämlich in dem Irrglauben, als Teil der Natur unweigerlich organisch-harmonische Lösungen zu generieren.

Maja Göpel, „Unsere Welt neu denken. Eine Einladung“, Ullstein, 208 Seiten, 17.99 Euro

Wie die Dinosaurier stecken wir in einer Falle der Hypertrophie. 

Dystopischer Diskurs

„Wir dürfen nicht klein denken.“ Mit diesem Postulat meldet sich die Gesellschaftstransformationsexpertin Maja Göpel zu Wort. Ihr Credo ist Meldung und Mahnung: „Wir leben im Ausnahmezustand“.

Weltweit stehen Wälder in Flammen. Ökosysteme werden zerstört, die lange zuverlässig Kohlendioxid-Lasten abtransportierten. Für sie liegt kein Ersatz im Reservefach des Lebens. Das ist die Signatur des Anthropozän. Der Mensch greift zu seinem Nachteil die Natur an. Ihn treibt die Erwartung, für jedes Problem eine technische Lösung zu finden. Homo Faber balanciert auf einem hohen Ambitionsniveau und schaut entspannt in den Abgrundschlund. Die negativen Emissionen von heute will er mit Technologie von übermorgen „aus der Luft ziehen“. Maja Göpel bestimmt so die Ungleichzeitigkeit zwischen der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen und dem menschlichen Begreifen als einer effektiven Verdrängungsinstanz in ihrer Einladung „Unsere Welt neu denken“. Göpel fordert uns alle zum Engagement auf. Sie postuliert einen allgemeinen Aufruhr als gesellschaftliche Aufgabe.

Göpels gänzlich unabgeklärter Politikansatz startet mit einer Frage: „Warum machen wir uns nicht die Gesellschaft so, wie wir sie uns wünschen?“

Die einen wollen die Welt retten, die anderen wollen ins Büro

Am Anfang erzählt Göpel eine Geschichte. London im Herbst. Berufsverkehr. Die Stadt ist auf den Beinen, die öffentlichen Verkehrsmittel werden zu Arenen britischer Tugenden. Zwei Aktivisten steigen einem Zug aufs Dach. Der Zug kann nicht abfahren. Pendler*innen verlieren ihre Zurückhaltung und „bewerfen (die Störer) mit Sandwiches und Getränken“. Schließlich werden die Regelbrecher vom Dach gezogen und zu Boden gebracht. Göpel schildert die Szene drastischer als ich jetzt. Sie lädt ihre Leser*innen auf. Klar, es geht gerade nicht um den letzten Kanten Brot, um eine rettende Ration Trinkwasser oder sonst eine Kleinigkeit aus dem minütlich schrumpfenden Ressourcenpark. Es geht nur um eine Verspätung. Aber das reicht, um ein Passantenheer in eine Mobmeute zu verwandeln. Also, stellt euch vor: etwas Existenzielles liegt an. Die Bestie Mensch schaltet sich in den Überlebensmodus. Wer von uns überlebt die entrechtete Gesellschaft im Ausnahmezustand? 

Göpel will die Beweislast umdrehen, so dass die transkontinental agilen Puppenspieler*innen die Ruchlosigkeit ihres Tuns nicht mehr einfach so im Grün-Waschgang illusionieren können. Göpel zitiert aus der Transformationsforschung. Sie erklärt das Phänomen des implodierenden Giganten. Sie sagt: „Die Zukunft ist das Ergebnis von dem, was wir heute denken.“

Weltweit fordern Klimagerechtigkeitsaktivist*innen die Rückkehr des Güterverkehrs auf die Schiene und die Abschaffung des Gymnasiums zugunsten einer lebenswerten, ganz und gar inklusiven Schule. Ein Verbot der Pestizide. Ein Verbot der Massentierhaltung. Ein Verbot von Einwegplastik. Einen entfesselten Markt wollen sie an die Leine legen. „Der freie Wettbewerb hat uns an den Rand des Abgrunds geführt.“ Sie wissen: „Wir könnten zwölf Milliarden Menschen ernähren.“

Alles, was so lange verlässlich schien, gerät unter Druck und aus den Fugen. „Ein Weitermachen wie bisher“ schließt sich wie von selbst aus. Als würden Türen ins Schloss fallen, ohne dass jemand daran rührt.

Wikipedia weiß: „Maja Göpel ist eine deutsche Politökonomin, Expertin für Klimapolitik und die Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen. Zudem ist sie Hochschullehrerin, zuletzt im Rahmen einer Honorarprofessur an der Leuphana Universität Lüneburg.“

Göpel denkt „das Plastik in den Weltmeeren“ mit „den explodierenden Mieten in den Städten“ zusammen. Zum ökologischen Kollaps kommt der ökonomische. Dystopien bestimmen den Diskurs.