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02.07.2020, Jamal Tuschick

Ein Stutzer im Exil

Zum hundertsten Jahrestag der Veröffentlichung ihres ersten Romans erscheint bei Hoffmann und Campe noch einmal Agatha Christies Debüt „Das fehlende Glied in der Kette“. Es variiert unverhohlen die von Arthur Conan Doyle etablierte Sherlock Holmes und Doktor Watson-Konstellation. Es gibt sogar eine entsprechende Ansage. Christies Holmes heißt Hercule Poirot und erscheint dem Publikum als belgischer Stutzer. Poirot löst alle Fälle mit der Messerschärfe seines Verstandes. Er plädiert für Rationalität.

Poirot verkörpert den Sieg der Kultur über die rohe Natur des Menschen. Seine Schöpferin kreierte ihn 1916 in der knappen Freizeit einer Kriegskrankenschwester. Vier Jahre ging Christie mit dem Manuskript hausieren, bis sie endlich einen Verlag fand.    

Eingebetteter Medieninhalt

Der Roman beginnt gemächlich wie eine Landpartie im 19. Jahrhundert. In einer Idylle der Grafschaft Essex begegnet Lieutenant Arthur Hastings als Rekonvaleszent im dritten Kriegsjahr seinem Freund John Cavendish, der nach einem kurzen Anlauf als Anwalt in der Londoner City den Rückzug aus der Selbständigkeit antrat und nun (in der Verfassung eines allenfalls halbwegs zufriedenen Ehemanns) unter der Kuratel seiner Stiefmutter Emily Inglethorp auf dem Familienstammsitz Styles resigniert.  

Agatha Christie, „Das fehlende Glied in der Kette - Poirots erster Fall“, Roman, aus dem Englischen von Nina Schindler, Hoffmann und Campe, 224 Seiten, 12,-

Emily, selbst Nutznießerin einer guten Partie, verbindet sich mit einem verstörenden Charakter – einem britischen Rasputin für den Hausgebrauch. Alfred Inglethorp begann seine Laufbahn im Dunstkreis einer vermögenden Witwe als Faktotum. Obwohl seinem Wesen das Angenehme abgeht, gelang es ihm, unter den Vorzeichen der Ergebenheit, Emily für sich einzunehmen.

Christie schildert einen entsetzlichen Kerl, einen wahren Lumpen nach Art der Dahergelaufenen, der jedermann zu einem ungünstiges Urteil und dem Attest der Niedrigkeit nötigt, nur eben nicht die reichste und vornehmste Person weit und breit.

Christie gibt dem Leser keinen Anlass, es für möglich zu halten, dass Emily Alfred insgeheim durchschaut und auf der Hut ist. Vielmehr zeigt sie Schwachstellen etwa des Stiefsohnes John, der sein Erbe von einem Unwürdigen geschmälert sieht.

Poirot verstärkt das Ensemble als Migrant. Er weilt vor Ort, als Styles Tatort wird. Sofort fällt der Verdacht auf Alfred. Poirot entkräftigt Spekulationen, die den Witwer belasten.