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02.07.2020, Jamal Tuschick

Ich freue mich mit Franz Dobler über die Verfilmung seines Romans "Ein Schlag ins Gesicht" als Hommage an Iris Berben, die siebzig wird.

Die Diva ist der Hammer - Auch im Kampf gegen Antisemitismus

Franz Doblers Roman "Ein Schlag ins Gesicht" wurde von Nina Grosse unter dem Titel "Nicht tot zu kriegen" verfilmt. Die Premiere der Adaption mit Iris Berben und Murathan Muslu in den Hauptrollen ist am 10.8. ab 20.15 Uhr im ZDF zu sehen. 

Iris Berben, Murathan Muslu © ZDF/Alexander Fischerkoesen

Frank Zervos:

Iris Berben wird 70! Die erste Reaktion: Das kann doch gar nicht wahr sein! Die zweite Reaktion: Das ZDF sollte ihr unbedingt, aber auch angemessen gratulieren! Aber was heißt angemessen? Natürlich mit einem tollen Film, mit einer wahnsinnigen Rolle, einer Rolle, wie sie sie noch nie gespielt hat. Aber was kann das sein, bei einer Schauspielerin wie ihr, mit der Vita, diesem unglaublich breit gefächerten Rollenprofil. Hat sie nicht schon alles, aber wirklich auch alles gespielt? Von saukomisch bis albern, von herzzerreißend bis erschütternd, dramatisch sowieso und cool erst recht.

Franz Dobler:

Als mir Nina Grosse erzählte, dass Iris Berben diese Schauspielerin unbedingt spielen möchte, die seit den 70er Jahren eine schillernde Karriere hingelegt hat, dachte ich: Das ist der Hammer! Denn Frau Berben ist die Idealbesetzung, und sie kommt ja sogar namentlich in meinem Roman "Ein Schlag ins Gesicht" vor. Außerdem ist Iris Berben für mich nicht nur die Queen des deutschen Films, sondern mit ihrem politischen Engagement gegen Antisemitismus auch eine der wichtigsten Persönlichkeiten, die wir haben.

Nina Grosse:

Die Entstehungsgeschichte von "Nicht tot zu kriegen" hat mit einer langen Freundschaft und einer glücklichen Fügung zu tun. Franz Dobler und ich kennen und schätzen uns seit unseren Studententagen. Ich hatte ihn viele Jahre nicht mehr gesehen, bis mich seine Frau Lemmy zu einem Symposion in Augsburg einlud. Wir haben viel geredet und viel getrunken, und zum Abschied schenkte er mir seinen Roman "Ein Schlag ins Gesicht". Verkatert im Zug von München nach Berlin hab ich das Buch in einem Rutsch gelesen und wusste sofort, dass das ein Film werden könnte. Oliver Berben suchte einen Stoff zu Iris Berbens’ 70stem Geburtstag und die Frau, um die es in "Ein Schlag ins Gesicht" geht, ist zwar ein ehemaliger Pornostar, aber so viele Details, Anekdoten und Stimmungen passten so wunderbar zu Iris, dass die Dinge zwangsläufig ihren Lauf nehmen mussten. Aus dem Pornostar wurde die alternde Schauspielerin Simone Mankus, die von einem unbekannten Stalker bedroht wird und sich die Hilfe eines Security Mannes (Murathan Muslu) holt. Ich hatte die Idee, dass man die Wohnung dieses Stalkers zeigen könnte, in der man nur die Silhouette eines Mannes erkennt, dafür aber immer ein Fernseher läuft, mit Filmen der Schauspielerin Simone Mankus, alias Iris Berben. Fiktion und Realität begannen zu verschmelzen: Simone Mankus hat einen unehelichen Sohn, von dem niemand weiß, wer der Vater ist, ihre glorreichen Jahre verbrachte sie im München der 70er Jahre, wir sehen sie in Filmen wie "Supergirl" (Rudolf Thome), "Frau Rettich, die Czerni und ich" (Markus Imboden), "Brandstifter" (Klaus Lemke), "Duell in der Nacht" (Matti Geschonnek) oder "Stehaufmädchen" (Willy Bogner). Die Filmausschnitte sollten sowohl etwas vom Werdegang der Mankus/Berben erzählen, als auch in die Filmhandlung passen – eine amüsante Puzzlearbeit, bei der ich nahezu alle Filme von Iris gesehen habe! Auch ich habe die 70er Jahre in München verbracht und wollte neben Iris Berben auch der Stadt und dem damaligen Lebensgefühl eine Hommage erweisen. Immer wieder weht diese Zeit durch den Film, in der Musik, im Kostüm, in der Ausstattung. Die jungen Musikerinnen Andreya Casablanca und Laura Lee von der Band Gurr haben das ganz wunderbar in den eigens für Iris Berben komponierten Liedern umgesetzt. Denn, ja, singen kann die Berben auch noch! Jetzt galt es den Mann zu finden, der Simone Mankus als wesentlich jüngerer Security Mann Robert Fallner durch ihr Abenteuer begleitet. Ein Ex-Polizist, der einen jungen Drogendealer in Notwehr erschossen hat und seitdem traumatisiert ist. Ein wortkarger Bulle, der zunächst so gar nichts mit der glamourösen Welt der Simone Mankus anzufangen weiß und doch nach und nach dem Charme der Schauspielerin erliegt. Als ich nach langem Suchen Murathan Muslu für die Rolle gecastet habe, war die Geschichte auf eine wunderbare Weise rund und total stimmig. Muslu ist das, was man einen Kerl nennt. Viril, attraktiv, schweigsam. Dahinter verbirgt sich aber eine große Sensibilität, etwas Scheues, ein Geheimnis, das ihn zu einem ganz besonderen Schauspieler macht. Iris und er haben zusammen getanzt, anders kann ich das wunderbare Zusammenspiel von Murathan Muslu und Iris Berben nicht beschreiben. Alle haben bei diesem Film getanzt, die wundervolle Crew, der wunderbare Cast.

© ZDF/Alexander Fischerkoesen

Maria Bader-Krätschmer im Gespräch mit Iris Berben

In "Nicht tot zu kriegen" spielen Sie Simone Mankus, eine Filmdiva, die auf über 40 Jahre Berufsleben und einige Skandale zurückblickt. Frau Berben, Sie haben vor zwei Jahren ihr 50-jähriges Film- und TV-Jubiläum gefeiert. Wie viel Iris Berben steckt in Simone Mankus? Und wie haben Sie die 60er und 70er Jahre persönlich erlebt?

Simone Mankus und ich sind uns in mancher Hinsicht tatsächlich ähnlich. Statt der 40 Jahre Berufserfahrung sind es bei mir über 50, doch sind wir beide in einem Alter, in dem man ein Resümee zieht. Rückblickend gab es bei mir auch hin und wieder kleine Skandale – zumindest waren sie es für die anderen – und auch ich bin wie Simone eine "Rampensau" im besten Sinne. Der Unterschied zwischen ihr und mir ist allerdings, dass sie in ihrer Zeit, den 60er und 70er Jahren, steckengeblieben ist. Nach wie vor glaubt sie, dass der große Auftritt der Pelzmantel ist und das perfekt geschminkte Gesicht, die große Geste. Da steckt von mir gar nichts drin. Die Welt verändert sich und wir uns mit ihr. Du musst dich beruflich immer wieder neu behaupten, dich auf unbekanntes Terrain begeben. Simone will da weitermachen, wo sie sich auskennt. Zwar werde ich auch ein wenig wehmütig, wenn ich mich als junge Frau in den alten Filmen sehe, doch aus der Erfahrung weiß ich, dass kein Stillstand gut tut. In den damaligen Jahren hatte man mehr Freiraum, sich auszuprobieren und zu entwickeln. Wir hatten eine große Spielwiese, um kreativ zu sein, ohne den Druck des Scheiterns zu verspüren. Heutzutage ist man vor allem durch die sozialen Medien einem ständigen Beobachten ausgesetzt. Es heißt ja oft, man solle sich treu bleiben. Das ist ein schöner Satz, aber man muss die Fähigkeit der Korrektur und der Weiterentwicklung zulassen.

In "Nicht tot zu kriegen" werden Ausschnitte aus alten Filmen und Fotos aus Ihrem Leben verwendet. Waren Sie an der Auswahl beteiligt? Welche Gefühle und Erinnerungen hat das in Ihnen geweckt?

Die Filmsequenzen, die Nina Grosse in "Nicht tot zu kriegen" verwendet hat, stammen aus meiner Sammlung. Insofern war ich indirekt an der Auswahl beteiligt und auch einverstanden – dieser Abriss ist ein Teil meiner filmischen Biografie. Die Schwierigkeit für Nina lag darin, dass sie wegen des Umfangs nur wenige kurze Szenen verwenden konnte. Das ist schade. Ich erinnere mich noch gut an "Supergirl" zum Beispiel, der Ende der Sechziger Jahre gedreht wurde. Heute würde man sagen, es war ein Roadmovie, allerdings ohne die Finanzen im Blick zu haben: Es ging von Starnberg nach München, über Madrid nach Paris immer mit wenig Equipment und einer kleinen Gruppe von Menschen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Wir hatten trotz Drehbuch, so viele Möglichkeiten zu improvisieren, zu reagieren. Großartig! Ich kann mich an eine Szene erinnern, die in Spanien gedreht wurde. Mein Fuß war gebrochen und ich musste mit einem Schuh spielen, der vier Nummern größer war. Und ja, selbstverständlich kommt auch Wehmut hoch, wenn man sich als junge Frau, als junges Mädchen sieht, so entwaffnend und selbstverständlich.

Sie haben bereits mit Regisseurin Nina Grosse die von Kritikern und Publikum gefeierte Miniserie "Die Protokollantin" gedreht. Wie war die erneute Zusammenarbeit? Was schätzen Sie an Nina Grosse als Drehbuchautorin und Regisseurin? Hatten Sie Einfluss auf Drehbuch und Regie? Falls ja, an welchen Stellen?

Einfluss auf Drehbuch und Regie hatte ich nicht – das würde Nina nur bedingt zulassen. Da wir aber schon für "Die Protokollantin" zusammengearbeitet haben, wussten wir, wie die andere jeweils tickt. Sie ist resolut, manchmal maßlos, zwischendurch auch laut. Wir sind beide ungeduldig, werfen Dinge manchmal über den Haufen und machen alles neu. Ich finde, die Arbeit mit ihr war wirklich aufregend und anregend. Sie hat für "Nicht tot zu kriegen" ein fantastisches Drehbuch geschrieben und uns und dem Film mit ihrer präsenten Art dahin gebracht, wo wir hinwollten. Sie hat ja auch eigentlich ein Experiment gewagt: einen Film kreiert, für den ich sozusagen einen Teil meines Lebens filmisch zur Verfügung gestellt habe. Es war dünnes Eis, aber ich vertraue Nina sehr. Ich schätze auch ihre Mühe und Sorgfalt bei der Auswahl des Casts: Murathan Muslu und Barnaby Metschurat – eine hervorragende Wahl!

Murathan Muslu spielt Ihren Bodyguard und Barnaby Metschurat Ihren Sohn. Wie war die Zusammenarbeit? Und gab es diesen einen besonderen Moment mit den beiden am Set?

Jeder Moment mit den beiden war eigentlich besonders. Mit Barnaby hatte ich schon gedreht und kannte ihn vom ZDF-Dreiteiler "Krupp – Eine deutsche Familie". Murathan hingegen kannte ich nicht und habe mir vorab Arbeiten von ihm angesehen. Ein großartiger Schauspieler. Nina hatte mir sehr enthusiastisch von ihm erzählt. Mir hat auch gefallen, dass man hier nicht über einen Schauspieler in meinem Alter nachgedacht hat, nur die Figur musste stimmig sein. Sie hat uns mit Murathan einen großen Dienst erwiesen: manchmal wortkarg, manchmal mürrisch und immer auf dem Punkt mit solch einem Charme, der wickelt wirklich jeden um den Finger. Auch Barnaby Metschurat schätze ich sehr, weil er eine große Bandbreite im Spiel hat, ein Vollblutschauspieler. Es ist sehr inspirierend, mit ihm zu arbeiten. Er musste aber auch bei den Dreharbeiten von "Nicht tot zu kriegen" einiges aushalten: Ich erinnere mich an eine Szene, in der ich ihn körperlich angreifen musste. Nina war mit diesen Einstellungen extrem lange nicht zufrieden. Da hat er viel einstecken müssen. Das wird uns beiden, wann immer wir uns begegnen, in Erinnerung bleiben.

Simone Mankus wird von einem Stalker verfolgt, weil sie in seinen Augen den Glanz der Jugend verloren hat. Was machen für Sie Schönheit und Attraktivität aus?

Das ist ein altes, großes und fast philosophisches Thema. Schönheit bedeutet mir zum Beispiel, ein voll gelebtes Leben in den Augen eines Menschen zu sehen. Damit meine ich Neugierde, Wissen, Wärme und Souveränität, aber auch Schwäche. Wie jemand sich bewegt. Und Humor darf natürlich auch nicht fehlen. Das ist es, was attraktiv und sexy macht. Das Äußere kann aufmerksam machen, aber dann muss man liefern. Simone Mankus Stalker reduziert sie ausschließlich auf ihr Aussehen. Er sieht nur, wie schön sie damals war. Für ihn ist eine Frau, wenn sie altert, nicht mehr begehrenswert.

"Nicht tot zu kriegen" wird anlässlich Ihres 70. Geburtstags im ZDF ausgestrahlt. Am Ende des Films bekommt Simone Mankus in einer Talkshow folgende Fragen gestellt: "Was bedeutet Ihnen der Erfolg? Können Sie sich vorstellen mal etwas anderes zu machen?" Wie lautet Ihre Antwort als Iris Berben darauf?

Die Antworten im Film sind sozusagen von mir, auch wenn Simone Mankus spricht. Ich kann mir nicht vorstellen, etwas anderes in meinem Leben zu machen. Mein Erfolg ist dabei die Summe aus vielen Jahren meiner Arbeit als Schauspielerin. Und wenn man dann erfolgreich ist, ist das wie eine Währung. Man kann sie einsetzen, um Türen zu öffnen, Menschen zu treffen – auch unabhängig von der Schauspielerei.