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03.07.2020, Jamal Tuschick

Reptilienreichweite

… eine Szene im ersten Winter des neuen Jahrtausends. Ich komme aus New York mit einer angefangenen Studie „über die Beziehungen zwischen Feminismus, Queer-Theorie und poststrukturalistischer Philosophie“. Ich beziehe das Pariser Apartment von Bruno Richard und komme mir darin vor wie in einem Dario-Argento-Film.

Ich komme aus New York. © Jamal Texas Tuschick

Auf einem Flug von Athen nach Beirut bemerkt Paul B. Preciado, „wie nah Europa dem Gazastreifen ist“. Ich lese gerade auch Ronya Othmanns leider mit einer Sperrfrist bis August belegten Roman „Die Sommer“, dessen erster Schauplatz in Nordsyrien liegt. Preciado sieht unter sich Syrien im Schatten des Antilibanon. Othmann erzählt das in Tod, Verschleppung, Flucht und Vertreibung kulminierende Leid der Yesiden. Preciado erwägt Chancen der Gendermigration. Der Philosoph sucht als Kurator Künstler*innen für die documenta 14, die in unserer Perspektive 2017 nicht nur in Kassel stattfinden wird.

In Beirut besteigt er Dächer, um Ausschau zu halten. Er sieht Müllberge, die entlang der Autobahnen auf einem „sanften Boden … verrotten“.

Paul B. Preciado, „Ein Apartment auf dem Uranus - Chroniken eines Übergangs“, aus dem Französischen von Stefan Lorenzer, Suhrkamp, 368 Seiten, 20,-

Preciado begegnet der künstlerischen Renaissance des Nahen Ostens.

„Die kritische Masse, die ein einziges dieser Treffen erzeugt, lässt jede New Yorker Ausstellung wie einen Debütantenball aussehen.“

In der Nachbarschaft explodieren Bomben, die Vernissage geht weiter. Kunst bedeutet Kristallisation. Sie muss sich dem Erschrecken gewachsen zeigen. Der Horror ist ihre Grundlinie.

Angst darf die Handlungsfähigkeit nicht unterminieren. Sie ist ein evolutionärer Faktor, dessen Kontrolle von Fähigkeiten abhängt. Neukartografierungen der inneren Landschaften liefert sie Energie. Der Neurobiologe Martin Korte bringt irgendwo das Beispiel von der Schlange, deren schöne Zeichnung übersehen würde von Zeitgenossinnen, die in Reichweite des Reptils ängstlich agieren. Ich glaube, dass man natürliche Schönheit in der Gefahr als Wohltat wahrnehmen kann. (Dass auch dieses Register zu uns gehört.)

Beim IS-Terror am 12. November 2015 sterben vierundvierzig Menschen. Zweihundert werden verletzt. Preciado konstituiert einen Zusammenhang zwischen dem Attentat in Beirut und dem Pariser Bataclan-Anschlag einen Tag später, bei dem neunundachtzig Konzertbesucher*innen ihr Leben verlieren. Neununddreißig weitere sterben bei parallel geschalteten IS-Angriffen auf Cafés und Restaurants in der Umgebung des Hauptschauplatzes. Zeugen verlieren alles „außer der Trauer, einer Trauer, die zu unserer Haut geworden ist“.

Der IS „ist ein globalisierter, kapitalistischer, vom Westen inspirierter Apparat … Seine Handlungsmodelle … stammen aus Hollywood“.

Die Puppenspieler lassen blutige Scharaden aufführen. Mit Totenkopf- und Piraten-Pickup-Exotik besetzen sie solche Schnittstellen der Energiewirtschaft, die im Vergleich mit den Hauptknotenpunkten wenig Qualifikation und Technik verlangen. Wer die Transportwege kapert, muss die Raffinessen der Raffination nicht bedenken. Wie der Herr so das Gescherr.

„Eine Stadt lieben“

Paris … eine Szene im ersten Winter des neuen Jahrtausends. Ich komme aus New York mit einer angefangenen Studie „über die Beziehungen zwischen Feminismus, Queer-Theorie und poststrukturalistischer Philosophie“. Ich beziehe das Apartment von Bruno Richard und komme mir darin vor wie in einem Dario-Argento-Film.

„Überall lagen zerfetzte und blutüberströmte Körper.“

So erlebt Preciado eine Konfrontation mit Schaufensterpuppen. Richard hat ihn in eine Schockfalle gelockt. Preciado reduziert die Sache auf einen Streich. Die mörderische Theatralik dynamisiert den Schockierten trotzdem. Als Raumfahrer in der Zeit sieht er das blutige Theater, in dem alles anfing. Ihr kennt diese Art Heimholung aus Apokalypse Now. Captain Willard fährt auf dem Nung Fluss*, der als mythischer Kongo verstanden werden soll. Zum Zeitpunkt der Produktion war die Symbolkette noch kein heruntergekommener Allgemeinplatz. Man erschloss sich das auf einem weiten Feld. Ich erinnere an den Easy Rider Dennis Hopper als Jubelperser eines wahnsinnigen Dschungelkönigs.

Eingebetteter Medieninhalt

*Martin Sheen spielt seine Rolle auf dem philippinischen Bumbungan.

Preciado entflieht dem Kammerspiel und steigt bei Leuten ab, die „Nietzsche auf Deutsch, Lacan auf Französisch, Plechanow auf Russisch“ (zitieren) und zum Frühstück Wodka gegen den Kater (trinken)“.