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03.07.2020, Jamal Tuschick

Vormodern zupackend

James Bonds anhaltende Wirkung erklärt sich mit seiner Funktion als Trostfigur. Bond ist der britische Rambo. So wie der Vietnamkrieg im amerikanischen Kino transformiert wurde, so verwandelte Bond-Schöpfer Ian Fleming den Verlust der britischen Kolonien in einen Kultursieg. Deshalb ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass sich die englische Königin gemeinsam mit einem Bond-Darsteller 2012 bei einer imperialen Geschichtsshow gut gepaart wähnte. Matthew Parker bringt das Detail in seiner Fleming-Biografie „Goldeneye“, die zu ausufernden Erörterungen Anlass gibt.

© Jamal Texas Tuschick

Bananenbarone auf Jamaika

Die Großgrundbesitzer sind in jeder Hinsicht britisch gebliebene Jamaikaner. In der „Ära des grünen Goldes“ wird die Insel zum Hauptumschlagplatz für Bananen. Über siebzig Prozent der Ernte geht nach England. Zeugen schildern die Bananenbarone als eine Bande „unbekümmerter Kerle, die ordentlich tranken und eine Menge Frauen hatten“.

Ian Fleming passt als trinkender und liebesuntüchtiger* Draufgänger in das tropische Schema. Deshalb hat er auch keine Akzeptanzprobleme, als er sich auf der Insel einquartiert. Er bringt den richtigen Stallgeruch mit. Damit parfümiert er dann auch sein literarisches Ideal-Ich James Bond, der nirgendwo besser ankommt, als in der Karibik.

Alles ist im rasenden Übergang, und Fäulnis ist immer schon das nächste.

*„Gleichzeitig wusste (James Bond) tief in seinem Inneren, dass weder Mary Goodnights** Liebe noch die einer anderen Frau jemals ausreichen würde. Es war, als würde man ein Zimmer mit Aussicht beziehen. Für James Bond würde die ewig gleiche Aussicht immer langweilig sein.“

Der Mann mit dem Goldenen Colt

**Mary Goodnight (Britt Ekland) ist eine MI6-Sekretärin, die an den Supermann glaubt. Während die Schirmherren der amtlichen Unterwelt Bond nach einer Mission in Japan aufgegeben haben, spürt Mary Goodnight, dass ihr Lieblingsagent noch lebt. Tatsächlich trifft sie ihn auf Jamaika, wo sie eine Bikinirolle als Sekretärin ausfüllt. Das war der Job: Im Bikini stundenlang gut auszusehen.

Matthew Parker, „Goldeneye - Ian Fleming und Jamaika. Wo James Bond zur Welt kam“, aus dem Englischen von Felix Mayer, Septime, 504 Seiten, 26,-

Akteure des akuten Jetzt schlägt gewiss die Schwerfälligkeit, wenn sie begreifen wollen, wie der tendenziell misogyne Saufdegen James Bond je einem Ideal entsprechen konnte. Flemings Biograf Parker gibt indirekt zu bedenken, dass einer, der (zupackend vormodern) England und das erodierende Empire aka Commonwealth im Alleingang retten kann, aus praktischen Gründen dazu neigen könnte, sein Ressourcenproblem auf der Empathie-Ebene zu unterschätzen. Seine prima mobilia*** bleibt ein Schemen, schattenlos umrissen.

*** „In the consideration of the faculties and impulses — of the prima mobilia of the human soul, the phrenologists have failed to make room for a propensity which, although obviously existing as a radical, primitive, irreducible sentiment, has been equally overlooked by all the moralists who have preceded them.“ Edgar Allan Poe

Parker erkennt bei Fleming nicht mehr Substanz als bei Bond

1946 bezieht Fleming seine Fluchtburg Goldeneye. Freunde bezeichnen den kubistischen, vom Bauherrn selbst entworfenen „Kasten“ als „Meisterwerk beeindruckender Scheußlichkeit“. Gegen elf Uhr vormittags nimmt man den ersten Drink. „Eine hübsche verheiratete Blondine von den Bermudas“ leistet Fleming und seinen Freunden Gesellschaft.

Ich führe das aus, um zu zeigen, wie dicht in jeder Hinsicht der Autor an seinem Genre siedelt. Er gehört dem Marinegeheimdienst an, jettet als Korrespondent und genießt weltweit den Ruf eines guten Liebhabers.

Der ganze Fleming passt in seinen James Bond. Bond ist Fleming plus x.