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06.07.2020, Jamal Tuschick

Erzwungener Liebreiz

Eingebetteter Medieninhalt

Papas Auftritte beenden einen Alltag mit Marathontelefongesprächen und halbtägigen Aufenthalten im Badezimmer. Sobald es dem Ernährer gefällt, die Familie „mit seiner Anwesenheit zu beehren“, lassen Violaine und ihre Schwester alles stehen und liegen und liefern Beweise ihrer Ergebenheit mit dem von der Mutter drakonisch erzwungenen Liebreiz.

„Wir mussten uns seiner Herrschaft beugen. In Mamans Herz war er der Alleinherrscher, und wir waren sein Hofstaat, seine Getreuen, die sich verneigten, kaum dass sein Fuß die Schwelle unseres Domizils überschritt“.

Violaine Huisman, „Die Entflohene“, auf Deutsch von Eva Scharenberg, S. Fischer, 252 Seiten, 22,-

Ich zitiere aus keinem Roman. Violaine Huisman plaudert aus dem Familiennähkästchen. Sie erzählt von ihrer hinreißend-reizbaren Mutter. Ohne Scheu beutet Catherine den Charme der Kinder aus. Sie setzt die Töchter für das handwerklich versierte Becircen des Gatten ein - eine Routine ohne Mehrwert für die Hauptdarstellerinnen. 

„Wir waren die Instrumente ihres Spiels.“

Catherine betet einen Mann an, von dem sie geschieden ist. Die erzählende Tochter steigert die Anbetung. Sie spricht von „Vergötterung und Beweihräucherung“. Die Mutter machte die Überhöhung zu ihrem Vermächtnis.

Die toten Lippen von Paris

Die Schwestern verheimlichen gewissenhaft ihre häuslichen Probleme. Sie sind fleißig auch darin, trotz der durchgeknallten, ihres Sorgerechts verlustig gegangenen Mutter normal zu erscheinen. Ihre prekäre Lage zwingt sie zur Perfektion. Sie verbessern sich zumal in den Zonen elterlichen Versagens. Sie sind diskret und loyal. Sie erlahmen nie in dem Bemühen, schöne Bilder von sich selbst zu malen.

Beinah fassungslos bemerkt Violaine, dass sie ein Kind der Oberschicht ist. Sie gehört zu den Reichen und Schönen von Paris, ohne mit diesem Varieté und seinen Champagnerabsteigen verbunden zu sein. Die Küche der Familie Huisman dient vielmehr Junkies, Alkoholikern, Metzgern und Bettlern des Viertels als Asyl. Auch die wechselnden Liebhaber der Mutter spielen da elende Rollen.

Die Töchter leben in permanenter Überforderung.

Infantil in der prekären Konstellation erscheint allein die Mutter. Catherine erzwingt Fürsorge und Nachsicht. Sie steigt aber auf Barrikaden, sobald sie Erwartungen erfüllen soll.

Einigermaßen entmündigt schreit sie nach Relevanz.  

Ihr Fahrstil war sportlich, mit quietschenden Reifen fuhr sie über jede rote Ampel der Champs-Elysées, in der linken Hand die Zigarette, in der rechten das Steuer, auf dem Rücksitz die beiden Töchter. Catherine konnte ausrasten, ihre Kinder unflätig beschimpfen, um sie gleich danach in Liebe zu ertränken. Die kleine Violaine und ihre Schwester lieben die Mutter abgöttisch, aber sie ist krank, sie ist manisch-depressiv. Mit gnadenloser Aufrichtigkeit und großer Wärme erinnert sich Violaine Huisman an ihre schöne, witzige und widersprüchliche Mutter. Ein temporeicher, aufwühlender Roman über eine sehr unkonventionelle Familie.