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08.07.2020, Jamal Tuschick

Wehrlose Wirte

Paolo Giordano rät, „der Pandemie einen Sinn zu geben“. Der Neurobiologe Martin Korte empfiehlt die Etablierung neuer Routinen. Jan Philipp Reemtsma bemerkt die Dysfunktionalität alter Routinen. Geert Mak sieht uns getroffen. Wer sind wir? Sind wir die Bullshiter*innen auf der nordeuropäischen Empore - In ihrer Irrelevanz Begünstigte des Schicksals Geografie? Milo Rau sieht Chancen: Ein Paradigmenwechsel könne dazu führen, dass alte Gespenster ihre Spielberechtigung verlieren.   „Vielleicht müssen wir (nach der Pandemie) gar nicht zurück in die Räume aus dem 19. Jahrhundert.“ (Milo Rau) Social Distancing bringt familiäre Nähe. Zeit für die Kinder und zum Nachdenken entdeckt Bas Kast in seiner persönlichen Krisenschatztruhe. Corona verhilft zu einer Idee von kanadischer Eigentlichkeit. Man tritt vor das Blockhaus und ein Memorandum der Seligkeit entblättert sich. Was könnte noch absurder sein als Stress in der Irrelevanz.

© Jamal Texas Tuschick - Nur einer kam weiter/jener einzelne Reiter/der ritt nur, um zu reiten. (Arizona Thunderwood)

Das Habsburger Reich erwehrte sich der Pest erfolgreich mit einer Befestigung seiner Außengrenzen: einer Sperrzone von Kroatien bis Moldawien. Das Osmanische Reich stellte es mit militärischen Mitteln unter Quarantäne.

„Auf der türkischen Seite des Balkans wütet die Pest noch bis 1840, auf der österreichischen ward sie nie mehr gesehen“.

Das erzählt der Archäologe Ian Morris unter der Überschrift Covid 19 - Antworten aus der Vergangenheit. Karl Heinz Götze bemerkt in seinem im Merkur erschienenen Aufsatz Der absolute Geist, die Cholera und die Himmelfahrt des Philosophen. Hegels Tod und Bestattung: „Preußen machte (nach dem Choleraausbruch im angezeigten Jahr), was man am besten konnte. Man führte Krieg gegen die Krankheit … Die Cholera lachte darüber und holte am 23. August 1831 … Gneisenau, den Oberbefehlshaber des Preußischen Heeres, im November des gleichen Jahres Clausewitz, den berühmten Strategen.“

Bis zum Zeitalter der Impfungen war die Quarantäne der Hauptseuchenschutz. Morris stellt fest, dass uns Covid 19 solange auf den Stand der Habsburger zurückwirft, bis wir als Wirte nicht mehr wehrlos sind. Im Augenblick haben wir „die Wahl zwischen Abstand und Tod“. So vorzeitig das Fazit erscheint, Morris sieht zugleich ein neues Zeitalter auf uns zu kommen, in dem westliche Demokratien vielleicht nicht mehr bildbestimmend sein werden. Der Wissenschaftler heftet seinen Ausblick an zwei historische Marken. Vermutlich waren wir lange gleicher als wir uns das vorstellen können, nämlich in der Wildbeuter-Ära, die vor zwölftausend Jahren in einem Wettbewerb der Hierarchien als Sesshaftigkeitsfolge endete. Dem ursprünglichen Regime nähern wir uns im Zuge der Nutzung fossiler Brennstoffe seit zweiundfünfzig Jahren. Bekanntlich verlieren die Egalisierungsimpulse aus dieser Ecke ihre Legitimität. Zieht man das in Erwägung, dann gewinnt Morris‘ Perspektive Bissfestigkeit.

Politisches Seuchenmanagement in den Zeiten von Corona

Paul B. Preciado nähert sich dem Horizont negativer Erwartungen mit der Vermutung, das Virus könne den augenblicklichen Zustand der Welt einfrieren.

„Alles bliebe bis in alle Ewigkeit in dem Zustand eingefroren, den die Dinge mit dem Ausbruch … angenommen hatten.“

Ich zitiere aus folgenden Titeln:

„Corona und wir - Denkanstöße für eine veränderte Welt“, Penguin Verlag, eBook, 14.99 Euro

Paul B. Preciado, „Ein Apartment auf dem Uranus - Chroniken eines Übergangs“, aus dem Französischen von Stefan Lorenzer, Suhrkamp, 368 Seiten, 20,-