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09.07.2020, Jamal Tuschick

Die Plantage könnte nicht größer sein. „Abertausend Morgen“ gehören auf das Gefälligste zu Lockless. Den freien Reiter berauscht der Anblick „goldener Pfirsiche, im Sommerwind wogender Weizenfelder und mit gelbseidiger Hoffnung gekrönter Maisstängel“. Er schwärmt für die Geometrie von Gärten voller Flieder und Maiglöckchen. Nirgendwo erscheint die Neue Welt seidiger. Lockless streckt sich am Goose Creek, einem Nebenfluss des Potomac River, der sich nicht überall so grün ist wie auf dieser Aufnahme durch das nördliche Virginia schlängelt. © Jamal Texas Tuschick

Väterliche Perversion

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Jedes Herrschaftsprinzip trägt sein Gegenteil im Wappen. Dem Tabakbaron Howell Walker bleibt gar nichts anderes übrig, als die tölpelhafte Legitimität seines weißen Sohnes Maynard mit Maßnahmen zur Förderung des illegitim aus einer Begegnung mit einer Sklavin hervorgegangenen Hiram zu bestätigen. Howell macht aus Hirams Begabung einen Zirkus zur Erbauung schnaufend-gelangweilter Gäste, die sich im harten Müßiggang am liebsten selbst vergessen würden. So lange es ihre Nachahmungssucht verlangt, spielen sie Lord & Lady, gleich ob sie Nachkommen von Leuten sind, die in einem englischen Schweinekoben eher noch entwürdigender auf die Welt tropften als ihre Virginia-Sklaven in Gemeinschaften, die afrikanische Geheimnisse zu wahren wissen und, so suggeriert es Ta-Nehisi Coates, besondere Zugangsberechtigungen besitzen und folglich gern mal im Magic Bus davonbrausen, oder ob sie ihren Familiennamen mit heraldischen Motiven schmücken dürfen  und in der Neuen Welt Prachtnostalgien phantasmagorisch Gestalt annehmen lassen.

Ta-Nehisi Coates, „Der Wassertänzer“, Roman, aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben, Karl Blessing Verlag, 544 Seiten, 24,-

Dem arrivierten Abschaum präsentiert Hausherr Howell Hiram als Gedächtniskünstler, ohne ihn von der Knechtschaft zu befreien. Er bedient sich des Knaben so wie er sich dessen Mutter zu bedienen beliebte. Sein väterlicher Stolz ist so oder so eine Perversion. Maynard wächst zu einem allseits geächteten (gesellschaftlich gemiedenen) Nichtschwimmer heran. Der in allen Fächern überragende Hiram liegt an der Kette. 

Weißes Wissen

Coates erzählt seinen magischen Realismus das nicht mit surrealistischen Mitteln. Er bleibt den knirschend-vergammelnden Erscheinungen konkret verhaftet. Daraus zieht der Roman einen zusätzlichen Reiz.   

Hiram entgeht nicht, wie man den Narren schult, sobald man ihn ausbildet. Dass er als elaborierte Puppe stets einem weißen Marionettenführer unterworfen bleiben soll. Trotzdem bemächtigt er sich mit allem Fleiß des weißen Wissens. Nennt es einen frühen Akt der Selbstermächtigung. Hier passt das Wort wie die Faust aufs Auge. Hiram betreibt Gegneranalyse. Zugleich macht er ein paar einschläfernde Bewegungen. Der Vaterfeind findet sein Vergnügen an dem pfiffigen „Verpflichteten“.

Hiram hat einen Blick für das durch die Herrenhaus-Lünette fallende Licht „der untergehenden Sonne“. Seine Sinne sind frei für das Fest der Absurdität, in dem das Beste seines Vaters da zum Vorschein kommt, wo es auf keinen Fall auftauchen darf. Klugscheißende Sklaven leben gefährlich. Man erzieht sie mit einer Extrapeitsche der Erniedrigung. Man lehrt sie, sich für Karikaturen zu halten. Hiram erkennt den Bluff. Er ist intelligenter, stärker und gerissener als das Herrenhausgesindel.

Gesinde/Gesindel

Die Herrschaft pfeift auf die geheime Voodoo-Ordnung des Gesindes.

Ich lese fast gleichzeitig Violaine Huismans Roman „Die Entflohene“, auf Deutsch von Eva Scharenberg, S. Fischer, 252 Seiten, 22,-

Violaine beschreibt die Masken ihrer zum Schreien ungebildeten Mutter Catherine, die den gehobenen Sprech- und Schreibstil eines idolisierten Ex-Mannes fehlerhaft imitiert und sich so ohne Not zu der Spottfigur macht, deren Schatten ihr drohend-eitel wie die sich selbst erfüllende Prophezeiung folgt.

„Ihre Syntax war umso holpriger, weil sie in grammatikalischer Ungenauigkeit Papas Eloquenz nachzuahmen versuchte.“

Catherine erntet „die herablassende Bewunderung“ eines Jaguar fahrenden Salonbolschewisten (eines salonbolschewistischen Jaguar-Fahrers). Sie variiert ahnungslos das Eliza Doolittle/Henry Higgins-Thema. Sie gibt sich Mühe, doch ist alles für die Katz.

Hiram fällt alles zu, was einen großen Geist beflügelt. Trotzdem sitzt er auf dem Kutschbock und treibt die Pferde an: in einem Augenblick orgiastischer Vorfreude, den sein Halbbruder im Fahrgastraum in der Gesellschaft einer Sexarbeiterin genießt.  

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Wie es Maynard gefällt

Er ist der legitime Spross & Erbe eines Tabakbarons. Die Plantage, Lockless in Virginia, könnte nicht größer sein. „Abertausend Morgen“ gehören Maynard schon so gut wie. Es ist aber sein Halbbruder Hiram, der in der Landschaft die Übergänge zu einer anderen Welt erkundet und sich der Poesie des Augenblicks ergibt. Hiram geht das Herz auf beim Anblick „goldener Pfirsiche, im Sommerwind wogender Weizenfelder und mit gelbseidiger Hoffnung gekrönter Maisstängel“. Er schwärmt für die Geometrie von Gärten voller Flieder und Maiglöckchen. Er ist das Genie als Sklave. Ungeachtet der für ihn ungünstigen Herrschaftsverhältnisse gelingt es Hiram, brüderliche Empfindungen für den „Narren, faulen Apfel (und) meilenweit vom Stamm gefallenen Maynard aufzubringen. Er begreift sogar, dass die Sklaverei vielmehr Maynards Verhängnis ist als sein eigenes.

Natürlich ist das nur die halbe Miete der Entschlüsselung komplizierter Verhältnisse. Es gibt auch Tage, an denen sich Hiram fragt, mit welchem Recht Maynard „im Luxus haust“.

Hiram hat rechtzeitig gelernt, sich die Schuhe selbst zuzubinden und den Erscheinungen des Magischen nicht mit dem Aberglauben einer Groschenvernunft zu kommen. Trotzdem sitzt er schließlich auf dem Kutschbock im Regen, während sein dämlicher Verwandter im Fahrgastraum vor einer Sexarbeiterin mit seiner Potenz prahlt.

Die Szene eröffnet den Reigen.   

So steht es geschrieben:

“Hiram Walker was born into slavery during the Antebellum South on a declining tobacco plantation in Virginia named Lockless.” Wikipedia