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09.07.2020, Jamal Tuschick

Fegefeuer für den Hausgebrauch

Violaine beschreibt die Masken ihrer Mutter, die den gehobenen Sprech- und Schreibstil eines idolisierten Ex-Mannes fehlerhaft imitiert.

Violaine erzählt von einer cholerischen Mutter und einer hexenhaften Großmutter. Sie beschreibt Ferien im Hinterwald bescheidener Verhältnisse, „über die Maman und Papa sich lustig (machen), genauso wie meine Schwester und ich (es mit der) Ungeniertheit von Kindern reicher Eltern“ tun.

Violaine Huisman, „Die Entflohene“, auf Deutsch von Eva Scharenberg, S. Fischer, 252 Seiten, 22,-

In Wahrheit sind Oma und Opa auf eine solide und liebevolle Weise wohlhabend. Sie besitzen Immobilien, echte Werte, während für Papa „das Geld auf Bäumen wächst“. Sie halten Tiere, die den Ansturm der ersten Begeisterung überleben. Die elterliche Menagerie stirbt rasch im Trubel und fällt sogar Attentaten zum Opfer.

Mutter Catherine-Courage

Catherine Jaqueline Pierrettes Sprung in der Schüssel emailliert als Exzentrik. Dem Makel einer geringen Herkunft begegnet sie mit einer Art Fegefeuer für den Hausgebrauch. Alles ist Stampede und Oper, sogar die Fahrt mit dem Schlepplift zur Skischule. Ihre Markenklamotten schleift Catherine in Müllbeuteln durch Paris. Ihre Wohnung gehört zum Bestand des Ex, der von jeher jeden Abend vorstellig wird. Es ist eine Verbindung voller Pech und Schwefel. Die Ladung geht ständig hoch, auch noch in den „Nebeln der Neuroleptika“, die sich schließlich nicht mehr verziehen.

Vorspringende Klitoris

Die Mutter stellt sich zur Schau. Sie provoziert das Schamgefühl ihrer Töchter. Eine „vorspringende Klitoris“ wird in der Arena des Häuslichen zum Spekulationsobjekt. Der Anblick eines „umgestülpten Hahnenkamms“ provoziert ärgste Befürchtungen. Violaine lässt sich von ihrem amerikanischen Liebhaber mit „bezauberndem … Akzent“ versichern, wie anbetungswürdig sie ihm erscheint. Seine Obstvergleiche verunsichern die Traktierte aber gleich wieder. Sie fühlt sich wie auf „einem Basar der Bizarrien“, zuhause in Anomalien. Einem Gast misslingt der Selbstmord in „Mamans Bett“. Catherine unterhält ein Panoptikum. Ständig präsent und auch als Liebhaber*innen gefragt sind die Sehbehinderten vom Institut National des Jeunes Aveugles. Wie gesagt, man lebt zwar turbulent, aber doch im 7. Arrondissement zwischen Eiffelturm, Champs de Mars, dem Musée d‘Orsay und Napoleons Grab. 

Inferiorität im Apachenlook

Violaine beschreibt die Masken ihrer zum Schreien ungebildeten Mutter Catherine, die den gehobenen Sprech- und Schreibstil eines idolisierten Ex-Mannes fehlerhaft imitiert und sich so ohne Not zu der Spottfigur macht, deren Schatten ihr drohend-eitel wie die sich selbst erfüllende Prophezeiung folgt.

„Ihre Syntax war umso holpriger, weil sie in grammatikalischer Ungenauigkeit Papas Eloquenz nachzuahmen versuchte.“

Catherine erntet „die herablassende Bewunderung“ eines Jaguar fahrenden Salonbolschewisten (eines salonbolschewistischen Jaguar-Fahrers). Sie variiert ahnungslos das Eliza Doolittle/Henry Higgins-Thema. Sie gibt sich Mühe, doch ist alles für die Katz.

Catherine fraternisiert mit dem Personal.

Sie war eine famose Tänzerin, bevor sie ihre eigene Schule aufzog. Zwischendurch „hatte (sie) am Konservatorium Ballett auf hohem Niveau unterrichtet“. Sie setzte ihren eigenen Lehrbetrieb selbst in Brand, „um gegenüber ihrer Mutter nicht zugeben zu müssen, dass sie sie (wegen Überforderung) aufgeben muss“. Auf jeden Fall trägt Violaine in die Beruf-der-Mutter-Spalte „Hausfrau“ ein, während sie aus dem Vater einen Philosophen, Autor und Gen.-Dir. macht: „eine Abkürzung, von der ich nicht genau wusste, was sie bedeutete“, so wenig, wie sie weiß, was er in seinem Büro „hinter einem herrlichen Empiremöbel“ treibt. Sie unterstellt ihm einfach das Beste. Gleichzeitig kritisiert sie die chaotisch-faule, noch nicht einmal bis zur Mittleren Reife gekommene Mutter, die mit Hausangestellten „Schwätzchen hält“, um sich zu entlasten und ihrer Inferiorität kein Häuptlingskostüm überstreifen zu müssen.

Erzwungener Liebreiz

Eingebetteter Medieninhalt

Papas Auftritte beenden einen Alltag mit Marathontelefongesprächen und halbtägigen Aufenthalten im Badezimmer. Sobald es dem Ernährer gefällt, die Familie „mit seiner Anwesenheit zu beehren“, lassen Violaine und ihre Schwester alles stehen und liegen und liefern Beweise ihrer Ergebenheit mit dem von der Mutter drakonisch erzwungenen Liebreiz.

„Wir mussten uns seiner Herrschaft beugen. In Mamans Herz war er der Alleinherrscher, und wir waren sein Hofstaat, seine Getreuen, die sich verneigten, kaum dass sein Fuß die Schwelle unseres Domizils überschritt“.

Ich zitiere aus keinem Roman. Violaine Huisman plaudert aus dem Familiennähkästchen. Sie erzählt von ihrer hinreißend-reizbaren Mutter. Ohne Scheu beutet Catherine den Charme der Kinder aus. Sie setzt die Töchter für das handwerklich versierte Becircen des Gatten ein - eine Routine ohne Mehrwert für die Hauptdarstellerinnen. 

„Wir waren die Instrumente ihres Spiels.“

Catherine betet einen Mann an, von dem sie geschieden ist. Die erzählende Tochter steigert die Anbetung. Sie spricht von „Vergötterung und Beweihräucherung“. Die Mutter machte die Überhöhung zu ihrem Vermächtnis.

Den Geruch von Tod auf den Lippen der Mutter

Die Schwestern verheimlichen gewissenhaft ihre häuslichen Probleme. Sie sind fleißig auch darin, trotz der durchgeknallten, ihres Sorgerechts verlustig gegangenen Mutter normal zu erscheinen. Ihre prekäre Lage zwingt sie zur Perfektion. Sie verbessern sich zumal in den Zonen elterlichen Versagens. Sie sind diskret und loyal. Sie erlahmen nie in dem Bemühen, schöne Bilder von sich selbst zu malen.

Beinah fassungslos bemerkt Violaine, dass sie ein Kind der Oberschicht ist. Sie gehört zu den Reichen und Schönen von Paris, ohne mit diesem Varieté und seinen Champagnerabsteigen verbunden zu sein. Die Küche der Familie Huisman dient vielmehr Junkies, Alkoholikern, Metzgern und Bettlern des Viertels als Asyl. Auch die wechselnden Liebhaber der Mutter spielen da elende Rollen.

Die Töchter leben in permanenter Überforderung. 

Infantil in der prekären Konstellation erscheint allein die Mutter. Catherine erzwingt Fürsorge und Nachsicht. Sie steigt aber auf Barrikaden, sobald sie Erwartungen erfüllen soll.

Einigermaßen entmündigt schreit sie nach Relevanz.  

Ihr Fahrstil war sportlich, mit quietschenden Reifen fuhr sie über jede rote Ampel der Champs-Elysées, in der linken Hand die Zigarette, in der rechten das Steuer, auf dem Rücksitz die beiden Töchter. Catherine konnte ausrasten, ihre Kinder unflätig beschimpfen, um sie gleich danach in Liebe zu ertränken. Die kleine Violaine und ihre Schwester lieben die Mutter abgöttisch, aber sie ist krank, sie ist manisch-depressiv. Mit gnadenloser Aufrichtigkeit und großer Wärme erinnert sich Violaine Huisman an ihre schöne, witzige und widersprüchliche Mutter. Ein temporeicher, aufwühlender Roman über eine sehr unkonventionelle Familie.