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10.07.2020, Jamal Tuschick

Ghettogasse

In den Jahren vor dem Bürgerkrieg ist Starfall kaum mehr als ein Umschlagplatz für landwirtschaftliche Erzeugnisse. Kein Haus im Ort ist größer als das Gefängnis. Schlimmste Misshandlungen erhalten darin unter den Vorzeichen der Abschreckung den Anschein von Recht & Ordnung. Es dient auch der Unterbringung in den Handel geratener Sklaven. Drohend steht es vor Kopf einer Ghettogasse ohne Namen. Freie Schwarze führen da Scharaden der Ungebundenheit auf. In Wahrheit leben sie beinah bedrängter als die von den Besitzrechten ihrer Herrschaften geschützten „Verpflichteten“, die auf den Plantagen mitunter eigene Wege gehen und ein Gesellschaftsleben mit familiärem und kulturellem Austausch haben. Jedenfalls erzählt das Ta-Nehisi Coates. Seinem Helden Hiram, dem illegitimen Sohn des Eigentümers der Tabakplantage Lockness Howell Walker, ist der Rahmen zu klein. Er strebt nach der Freiheit auf einem tödlich-verbotenen Kurs. Vorbereitungen der Flucht führen ihn nach Starfall, wo sich das Laster mit dem Elend paart.

Coates schildert den Landkreis des Geschehens als ein im Niedergang begriffenes Gebiet. Die Böden sind ausgelaugt. Die Güter verlieren ihr Personal im allgemeinen Schwund des Abstiegs. Alle erinnern sich an große Zeiten.

Das beschreibt den Wandel von einem Ancien - zu einem Nouveau régime. Das Neue erscheint zweifelhaft auf der ökonomischen und ökologischen genauso wie auf der okkulten Ebene. Das Land ächzt unter den Belastungen. Sein Herz habe sich verlagert, schreibt Coates, und schlage nun weiter im Westen.

Voller Flieder

Der Bahnhof von Starfall in Nordvirginia. © Jamal Texas Tuschick

Der Erzähler zieht sich mit dem Kran der Autofiktion wie am eigenen Schopf aus dem Sumpf der Sklaverei. Er erhebt sich - und er wird angehoben von der Geisterkraft seiner Phantasie.

Die Plantage könnte nicht größer sein. „Abertausend Morgen“ gehören auf das Gefälligste zu Lockless. Den freien Reiter berauscht der Anblick „goldener Pfirsiche, im Sommerwind wogender Weizenfelder und mit gelbseidiger Hoffnung gekrönter Maisstängel“. Er schwärmt für die Geometrie von Gärten voller Flieder und Maiglöckchen. Nirgendwo erscheint die Neue Welt seidiger. Lockless streckt sich am Goose Creek, einem Nebenfluss des Potomac River, der sich durch das nördliche Virginia* schlängelt.

Ta-Nehisi Coates, „Der Wassertänzer“, Roman, aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben, Karl Blessing Verlag, 544 Seiten, 24,-

Vom Armenhaus zur Weltmacht

*Anspielend auf die jungfräuliche (ledig/kinderlos gebliebene) Tochter des blutsaufenden Heinrich Elisabeth Tudor, nannten die im Court of Proprietors zusammengeschlossenen Direktoren der English East India Compagnie ihre Firma Hamamelis virginiana - Virginische Zaubernuss. Sie waren nicht die einzigen, die sich von der Jungfrau auf dem Thron, deren Mutter Anne Boleyn auf dem Schafott starb, inspiriert zeigten. Elisabeth zu Ehren taufte Walter Raleigh 1584 eine von dem Amerikafahrer Martin Frobisher etablierte Niederlassung Virginia. Man zog da vor allem Tabak. Der Tabak bewährte sich als Währung. Ein Frauenzimmer als Hausgenossin kostete hundert Pfund Tabak. Elisabeth veranlasste die Verschiffung von zweihundertsiebzehn Jungfrauen, um das Bevölkerungswachstum in Gang zu bringen. Kein Mensch ahnte Virginias Bedeutung für die Zukunft. Die Gründung ändert das politische Gefüge der Welt. Sie führte zu einer Entmachtung katholischer Imperien im überseeischen Betrieb. Bald galt: Britannia rule the waves.

Die Progressionsgeschwindigkeit der Expansion erzeugt keinen Luftzug mehr, als der greise Tabaktycoon Howell Walker im Antebellum South zu der Einsicht findet, dass das Beste von ihm in einem Knaben steckt, den er einer Sklavin aufzwang. Keine Erinnerung verbindet Howell mehr mit der Gelegenheit zur Notzucht, als er sich veranlasst sieht, Hiram zur heimlichen Aufsicht über den legitimen Erben von Lockless zu bestimmen. Das verdrehte Arrangement würdigt die herausragende Intelligenz eines Sklaven, ohne ihm Rechte einzuräumen.

His Brother’s Keeper /Offizier der Freiheit

Hiram hütet das rabiate Schaf Maynard. Doch gibt es Augenblicke, da muss sich der Klügere selbst in Sicherheit bringen. „Die Masken aus Mode und Stand“ fallen an jedem Festtag. Erst steigt die Stimmung, dann fällt sie auf den Nullpunkt der Pogrome. Es sind freie Schwarze, die sich besonders in Acht nehmen müssen, wenn Weiße blau sind. Sklaven genießen einen Schutz, der sich aus den Eigentumsrechten ihrer Herren ergibt. Den Besitz der Barone beschädigt besser bloß, wer zur Restitution bereit ist. Hiram verzieht sich in einer Stunde der Gefahr in das Ghetto der Freien, wo er Georgie besucht, den er für einen geheimen „Offizier der Freiheit“, mithin für einen zum Aufstand entschlossenen Mann hält. Doch verweilt er kaum und bald schon kämpft er im novemberkalten Goose um sein Leben.

Ich fokussiere die Szene noch einmal. Hiram treibt seinen dämlichen Halbbruder vor dem House of the Rising Sun von Starfall auf. Er lädt ihn und eine Sexarbeiterin in die Familienkutsche und macht sich zum Chauffeur. Beim Überqueren des Goose Creek bricht das Fahrzeug durch mürbe Brückenplanken. Maynard schreit um Hilfe. Hiram hilft sich selbst. Die Sexarbeiterin taucht geräuschlos unter. Ein neues Kapitel beginnt.   

Väterliche Perversion

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Jedes Herrschaftsprinzip trägt sein Gegenteil im Wappen. Dem Tabakbaron Howell Walker bleibt gar nichts anderes übrig, als die tölpelhafte Legitimität seines weißen Sohnes Maynard mit Maßnahmen zur Förderung des illegitim (aus einer Begegnung mit einer Sklavin hervorgegangenen) Hiram zu bestätigen. Howell macht aus Hirams Begabung einen Zirkus zur Erbauung schnaufend-gelangweilter Gäste, die sich im harten Müßiggang am liebsten selbst vergessen würden. So lange es ihre Nachahmungssucht verlangt, spielen sie Lord & Lady, gleich ob sie Nachkommen von Leuten sind, die in einem englischen Schweinekoben eher noch entwürdigender auf die Welt tropften als ihre Virginia-Sklaven in Gemeinschaften, die afrikanische Geheimnisse zu wahren wissen und, so suggeriert es Ta-Nehisi Coates, besondere Zugangsberechtigungen besitzen und folglich gern mal im Magic Bus davonbrausen, oder ob sie ihren Familiennamen mit heraldischen Motiven schmücken dürfen  und in der Neuen Welt Prachtnostalgien phantasmagorisch Gestalt annehmen lassen.

Dem arrivierten Abschaum präsentiert Howell Hiram als Gedächtniskünstler, ohne ihn von der Knechtschaft zu befreien. Er bedient sich des Knaben so wie er sich dessen Mutter bedient hat. Sein väterlicher Stolz ist so oder so eine Perversion. Maynard wächst zu einem allseits geächteten (gesellschaftlich gemiedenen) Nichtschwimmer heran. Der in allen Fächern überragende Hiram liegt an der Kette eines Dämlichen. Heimlich überschreitet das unterworfene Genie die Grenze zur magischen Welt. 

Weißes Wissen

Coates erzählt das nicht mit surrealistischen Mitteln. Er bleibt konkret, den knirschend-vergammelnden Erscheinungen verhaftet. Daraus zieht der Roman einen zusätzlichen Reiz.  

Hiram entgeht nicht, wie man den Narren schult, wenn man ihn ausbildet. Dass er als elaborierte Puppe stets einem weißen Marionettenführer unterworfen bleiben soll. Trotzdem bemächtigt er sich mit allem Fleiß des weißen Wissens. Nennt es einen frühen Akt der Selbstermächtigung. Hier passt das Wort wie die Faust aufs Auge. Hiram betreibt Gegneranalyse. Zugleich macht er ein paar einschläfernde Bewegungen. Der Vaterfeind findet sein Vergnügen an dem pfiffigen „Verpflichteten“.

Hiram hat einen Blick für das durch die Herrenhaus-Lünette fallende Licht „der untergehenden Sonne“. Seine Sinne sind frei für das Fest der Absurdität, dass das Beste seines Vaters da zum Vorschein kommt, wo es auf keinen Fall auftauchen darf. Klugscheißende Sklaven leben gefährlich. Man erzieht sie mit einer Extrapeitsche der Erniedrigung. Man lehrt sie, sich für Karikaturen zu halten. Hiram erkennt den Bluff. Er ist intelligenter, stärker und gerissener als das Herrenhausgesindel.

Gesinde/Gesindel

Die Herrschaft pfeift auf die Ordnung des Gesindes.

Ich lese fast gleichzeitig Violaine Huismans Roman „Die Entflohene“, auf Deutsch von Eva Scharenberg, S. Fischer, 252 Seiten, 22,-

Violaine beschreibt die Masken ihrer deklassierten Mutter Catherine, die den gehobenen Sprech- und Schreibstil ihres idolisierten Ex-Mannes fehlerhaft imitiert und sich so ohne Not zu der Spottfigur macht, deren Schatten ihr drohend-eitel wie die sich selbst erfüllende Prophezeiung folgt.

„Ihre Syntax war umso holpriger, weil sie in grammatikalischer Ungenauigkeit Papas Eloquenz nachzuahmen versuchte.“

Catherine erntet „die herablassende Bewunderung“ eines Jaguar fahrenden Salonbolschewisten (eines salonbolschewistischen Jaguar-Fahrers). Sie variiert vermutlich ahnungslos das Eliza Doolittle/Henry Higgins-Thema. Sie gibt sich Mühe, doch ist alles für die Katz.

Hiram fällt alles zu, was einen großen Geist beflügelt. Trotzdem sitzt er auf dem Kutschbock und treibt die Pferde an: in einem Augenblick orgiastischer Vorfreude, den sein Halbbruder im Fahrgastraum in der Gesellschaft einer Sexarbeiterin genießt. 

Weißer Vater

Wie es Maynard gefällt

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Er ist der legitime Spross & Erbe eines Tabakbarons. Die Plantage, Lockless in Virginia, könnte nicht größer sein. „Abertausend Morgen“ gehören Maynard schon so gut wie. Es ist aber sein Halbbruder Hiram, der in der Landschaft die Übergänge zu einer anderen Welt erkundet und sich der Poesie des Augenblicks ergibt. Hiram geht das Herz auf beim Anblick „goldener Pfirsiche, im Sommerwind wogender Weizenfelder und mit gelbseidiger Hoffnung gekrönter Maisstängel“. Er schwärmt für die Geometrie der Gärten mit Flieder und Maiglöckchen. Er ist das Genie als Sklave. Ungeachtet der für ihn ungünstigen Herrschaftsverhältnisse gelingt es Hiram, brüderliche Empfindungen für den „Narren, faulen Apfel (und) meilenweit vom Stamm gefallenen Maynard aufzubringen. Er begreift sogar, dass die Sklaverei vielmehr Maynards Verhängnis ist als sein eigenes.

Natürlich ist das nur die halbe Miete der Entschlüsselung komplizierter Verhältnisse. Es gibt auch Tage, an denen sich Hiram fragt, mit welchem Recht Maynard „im Luxus haust“.

Hiram hat rechtzeitig gelernt, sich die Schuhe selbst zuzubinden und den Erscheinungen des Magischen nicht mit dem Aberglauben einer Groschenvernunft zu kommen. Trotzdem sitzt er schließlich auf dem Kutschbock im Regen, während sein dämlicher Verwandter im Fahrgastraum vor einer Sexarbeiterin mit seiner Potenz prahlt.

Die Szene eröffnet den Reigen.  

So steht es geschrieben:

“Hiram Walker was born into slavery during the Antebellum South on a declining tobacco plantation in Virginia named Lockless.” Wikipedia

Die Kutsche bricht dann durch morsches Brückenholz.