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11.07.2020, Jamal Tuschick

Intransigente Sorgfalt

La Liberté ou la mort - Deutsche Achtundvierziger, die mit Carl Schurz nach Amerika gekommen sind, unterstützen die freiheitstrunkenen Schwarzen im Underground. Abgekämpfte Republikaner aus Hessen, Baden und Württemberg geben Wellness- & Fitness-Tipps. 

Hirams Geburtshaus an den Gestaden des mitreißenden Goose Creek in Nordvirginia. Hier residieren die Walkers, seit der Stammvater als Gefolgsmann des zur See fahrenden Schriftstellerspions Walter Raleighs nach Amerika kam. Raleigh war ein Günstling von Elisabeth I. Sie firmierte als „Jungfrau auf dem Thron“. Ihr zu Ehren nannte er die von Martin Frobisher gegründete Kolonie Virginia. © Jamal Texas Tuschick

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Der Soziologe Michael Eric Dyson sagt: „Weißsein ist eine Konstante; eine anpassungsfähige Kraft, die, wo immer sie in Erscheinung tritt, Dominanz beansprucht. In gewissem Sinne ist Weißsein zugleich das Instrument, das Ziel und der Zweck der Herrschaft“. In der einfachen Sprache der Selbstverteidigung entspricht Weißsein einer Universaltechnik, die jedwede Intervention im Aufbau beendet.

Ta-Nehisi Coates, „Der Wassertänzer“, Roman, aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben, Karl Blessing Verlag, 544 Seiten, 24,-

Unter einer Universaltechnik versteht man zum Beispiel den Stopptritt zum Schienbein oder Knie. Der Getroffene scheitert im Ansatz. Die Effizienz weißer Vorherrschaft beweist sich nicht allein in der Vereitlung, vielmehr noch in der Leugnung fruchtbarer Ansätze. Die Störungen erfolgen so früh, dass die Gestörten wie lethargische Minderleister*innen dastehen und sich keine guten Geschichten erzählen können, die zu guten Geschichten führen, die über sie erzählt werden. Das schließt den arrivierten Einwand (der Einwand als Herrschaftstechnik) gegen Autofiktion ein. Ich behaupte, am Anfang ist die Autofiktion oder es gibt keinen Anfang.   

Hiram träumt sich ins Herrenhaus. Gedanklich spricht er den Mann, dessen Sklave er ist, als Vater an; ganz so, als habe auf Hirams Zeugung der Zustimmungssegen seiner Sklavenmutter gelegen.

Der Illegitime verliert sich in der Arbeit. Er dient mit äußerstem Ehrgeiz und einer intransigenten Sorgfalt.

Man erinnert Hiram an bessere Zeiten der Unfreiheit: mit mehr schützenden Regeln. Grundsätzlich gleicht die Unfreiheit einem Vordach, dass den freien Schwarzen fehlt. Sie erscheinen beinah entrechteter als die Sklaven. Ihnen fehlt das Rechte, Rechte zu haben (Hannah Arendt). Die Freiheit erscheint als Farce, vielleicht sogar als übler Trick, um die Ausbeutung perfekt zu machen.  

Wann war das je ein Thema?

Wann haben wir zuletzt darüber nachgedacht, wie Freigelassene vor dem Bürgerkrieg am Elendssaum ruraler Urbanität existierten?

Wie es Maynard gefällt

Er ist der legitime Spross & Erbe eines Tabakbarons. Die Plantage, Lockless in Virginia, könnte nicht größer sein. „Abertausend Morgen“ gehören Maynard schon so gut wie. Es ist aber sein Halbbruder Hiram, der in der Landschaft die Übergänge zu einer anderen Welt erkundet und sich der Poesie des Augenblicks ergibt. Hiram geht das Herz auf beim Anblick „goldener Pfirsiche, im Sommerwind wogender Weizenfelder und mit gelbseidiger Hoffnung gekrönter Maisstängel“. Er schwärmt für die Geometrie von Gärten voller Flieder und Maiglöckchen. Er ist das Genie als Sklave. Ungeachtet der für ihn ungünstigen Herrschaftsverhältnisse gelingt es Hiram, brüderliche Empfindungen für den „Narren, faulen Apfel (und) meilenweit vom Stamm gefallenen Maynard aufzubringen. Er begreift sogar, dass die Sklaverei vielmehr Maynards Verhängnis ist als sein eigenes.

Natürlich ist das nur die halbe Miete der Entschlüsselung komplizierter Verhältnisse. Es gibt auch Tage, an denen sich Hiram fragt, mit welchem Recht Maynard „im Luxus haust“.

Hiram hat rechtzeitig gelernt, sich die Schuhe selbst zuzubinden und den Erscheinungen des Magischen nicht mit dem Aberglauben einer Groschenvernunft zu kommen. Trotzdem sitzt er schließlich auf dem Kutschbock im Regen, während sein dämlicher Verwandter im Fahrgastraum vor einer Sexarbeiterin mit seiner Potenz prahlt.

Die Szene eröffnet den Reigen.   

So steht es geschrieben:

“Hiram Walker was born into slavery during the Antebellum South on a declining tobacco plantation in Virginia named Lockless.” Wikipedia

Weißer Vater

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Jedes Herrschaftsprinzip trägt sein Gegenteil im Wappen. Dem Tabakbaron Howell Walker bleibt gar nichts anderes übrig, als die tölpelhafte Legitimität seines weißen Sohnes Maynard mit Maßnahmen zur Förderung des illegitim aus einer Begegnung mit einer Sklavin hervorgegangenen Hiram zu bestätigen. Howell macht aus Hirams Begabung einen Zirkus zur Erbauung schnaufend-gelangweilter Gäste, die sich im harten Müßiggang am liebsten selbst vergessen würden. So lange es ihre Nachahmungssucht verlangt, spielen sie Lord & Lady, gleich ob sie Nachkommen von Leuten sind, die in einem englischen Schweinekoben eher noch entwürdigender auf die Welt tropften als ihre Virginia-Sklaven in Gemeinschaften, die afrikanische Geheimnisse zu wahren wissen und, so suggeriert es Ta-Nehisi Coates, besondere Zugangsberechtigungen besitzen und folglich gern mal im Magic Bus davonbrausen, oder ob sie ihren Familiennamen mit heraldischen Motiven schmücken dürfen  und in der Neuen Welt Prachtnostalgien phantasmagorisch Gestalt annehmen lassen.

Dem arrivierten Abschaum präsentiert Hausherr Howell Hiram als Gedächtniskünstler, ohne ihn von der Knechtschaft zu befreien. Er bedient sich des Knaben so wie er sich dessen Mutter zu bedienen beliebte. Sein väterlicher Stolz ist so oder so eine Perversion. Maynard wächst zu einem allseits geächteten (gesellschaftlich gemiedenen) Nichtschwimmer heran. Der in allen Fächern überragende Hiram liegt an der Kette. 

Weißes Wissen

Coates erzählt seinen magischen Realismus das nicht mit surrealistischen Mitteln. Er bleibt den knirschend-vergammelnden Erscheinungen konkret verhaftet. Daraus zieht der Roman einen zusätzlichen Reiz.   

Hiram entgeht nicht, wie man den Narren schult, sobald man ihn ausbildet. Dass er als elaborierte Puppe stets einem weißen Marionettenführer unterworfen bleiben soll. Trotzdem bemächtigt er sich mit allem Fleiß des weißen Wissens. Nennt es einen frühen Akt der Selbstermächtigung. Hier passt das Wort wie die Faust aufs Auge. Hiram betreibt Gegneranalyse. Zugleich macht er ein paar einschläfernde Bewegungen. Der Vaterfeind findet sein Vergnügen an dem pfiffigen „Verpflichteten“.

Hiram hat einen Blick für das durch die Herrenhaus-Lünette fallende Licht „der untergehenden Sonne“. Seine Sinne sind frei für das Fest der Absurdität, in dem das Beste seines Vaters da zum Vorschein kommt, wo es auf keinen Fall auftauchen darf. Klugscheißende Sklaven leben gefährlich. Man erzieht sie mit einer Extrapeitsche der Erniedrigung. Man lehrt sie, sich für Karikaturen zu halten. Hiram erkennt den Bluff. Er ist intelligenter, stärker und gerissener als das Herrenhausgesindel.

Gesinde/Gesindel

Die Herrschaft pfeift auf die geheime Voodoo-Ordnung des Gesindes.

Ich lese fast gleichzeitig Violaine Huismans Roman „Die Entflohene“, auf Deutsch von Eva Scharenberg, S. Fischer, 252 Seiten, 22,-

Violaine beschreibt die Masken ihrer deklassierten Mutter Catherine, die den gehobenen Sprech- und Schreibstil ihres idolisierten Ex-Mannes fehlerhaft imitiert und sich so ohne Not zu der Spottfigur macht, deren Schatten ihr drohend-eitel wie die sich selbst erfüllende Prophezeiung folgt.

„Ihre Syntax war umso holpriger, weil sie in grammatikalischer Ungenauigkeit Papas Eloquenz nachzuahmen versuchte.“

Catherine erntet „die herablassende Bewunderung“ eines Jaguar fahrenden Salonbolschewisten (eines salonbolschewistischen Jaguar-Fahrers). Sie variiert ahnungslos das Eliza Doolittle/Henry Higgins-Thema. Sie gibt sich Mühe, doch ist alles für die Katz.

Hiram fällt alles zu, was einen großen Geist beflügelt. Trotzdem sitzt er auf dem Kutschbock und treibt die Pferde an: in einem Augenblick orgiastischer Vorfreude, den sein Halbbruder im Fahrgastraum in der Gesellschaft einer Sexarbeiterin genießt.  

Die Plantage könnte nicht größer sein. „Abertausend Morgen“ gehören auf das Gefälligste zu Lockless. Den freien Reiter berauscht der Anblick „goldener Pfirsiche, im Sommerwind wogender Weizenfelder und mit gelbseidiger Hoffnung gekrönter Maisstängel“. Er schwärmt für die Geometrie von Gärten voller Flieder und Maiglöckchen. Nirgendwo erscheint die Neue Welt seidiger. Lockless streckt sich am Goose Creek, einem Nebenfluss des Potomac River, der sich nicht überall so grün ist wie auf dieser Aufnahme durch das nördliche Virginia* schlängelt. © Jamal Texas Tuschick
Vom Armenhaus zur Weltmacht
*Anspielend auf die jungfräuliche (ledig/kinderlos gebliebene) Tochter des blutsaufenden Heinrich Elisabeth Tudor, nannten die im Court of Proprietors zusammengeschlossenen Direktoren der English East India Compagnie ihre Firma Hamamelis virginiana - Virginische Zaubernuss. Sie waren nicht die einzigen, die sich von der Jungfrau auf dem Thron, deren Mutter Anne Boleyn auf dem Schafott starb, inspiriert zeigten. Elisabeth zu Ehren taufte Walter Raleigh 1584 eine von dem Amerikafahrer Martin Frobisher etablierte Niederlassung Virginia. Man zog da vor allem Tabak. Der Tabak bewährte sich als Währung. Ein Frauenzimmer als Hausgenossin kostete hundert Pfund Tabak. Elisabeth veranlasste die Verschiffung von zweihundertsiebzehn Jungfrauen, um das Bevölkerungswachstum in Gang zu bringen. Kein Mensch ahnte Virginias Bedeutung für die Zukunft. Die Gründung ändert das politische Gefüge der Welt. Sie führte zu einer Entmachtung katholischer Imperien im überseeischen Betrieb. Bald galt: Britannia rule the waves. 
Die Progressionsgeschwindigkeit der Expansion erzeugt keinen Luftzug mehr, als der greise Tabaktycoon Howell Walker im Antebellum South zu der Einsicht findet, dass das Beste von ihm in einem Knaben steckt, den er einer Sklavin aufzwang. Keine Erinnerung verbindet Howell mehr mit der Gelegenheit zur Notzucht, als er sich veranlasst sieht, Hiram zur heimlichen Aufsicht über den legitimen Erben von Lockless zu bestimmen. Das verdrehte Arrangement würdigt die herausragende Intelligenz eines Sklaven, ohne ihm Rechte einzuräumen.

Die Progressionsgeschwindigkeit der Expansion erzeugt keinen Luftzug mehr, als der greise Tabaktycoon Howell Walker im Antebellum South zu der Einsicht findet, dass das Beste von ihm in einem Knaben steckt, den er einer Sklavin aufzwang. Keine Erinnerung verbindet Howell mehr mit der Gelegenheit zur Notzucht, als er sich veranlasst sieht, Hiram zur heimlichen Aufsicht über den legitimen Erben von Lockless zu bestimmen. Das verdrehte Arrangement würdigt die herausragende Intelligenz eines Sklaven, ohne ihm Rechte einzuräumen.

His Brother’s Keeper /Offizier der Freiheit

Hiram hütet das rabiate Schaf Maynard. Doch gibt es Augenblicke, da muss sich der Klügere selbst in Sicherheit bringen. „Die Masken aus Mode und Stand“ fallen an jedem Festtag. Erst steigt die Stimmung, dann fällt sie auf den Nullpunkt der Pogrome. Es sind freie Schwarze, die sich besonders in Acht nehmen müssen, wenn Weiße blau sind. Sklaven genießen einen Schutz, der sich aus den Eigentumsrechten ihrer Herren ergibt. Den Besitz der Barone beschädigt besser bloß, wer zur Restitution bereit ist. Hiram verzieht sich in einer Stunde der Gefahr in das Ghetto der Freien, wo er Georgie besucht, den er für einen geheimen „Offizier der Freiheit“, mithin für einen zum Aufstand entschlossenen Mann hält. Doch verweilt er kaum und bald schon kämpft er im novemberkalten Goose um sein Leben.

Ich fokussiere die Szene noch einmal. Hiram treibt seinen dämlichen Halbbruder vor dem House of the Rising Sun von Starfall auf. Er lädt ihn und eine Sexarbeiterin in die Familienkutsche und macht sich zum Chauffeur. Beim Überqueren des Goose Creek bricht das Fahrzeug durch mürbe Brückenplanken. Maynard schreit um Hilfe. Hiram hilft sich selbst. Die Sexarbeiterin taucht geräuschlos unter. Ein neues Kapitel beginnt.