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11.07.2020, Jamal Tuschick

In jeder Schrunde ein Zeichen

Seuchen im Werk von Edgar Allan Poe - Heute zur Pest in der Neuzeit von Eduard III.

Irgendwo schreibt Haruki Murakami dem Sinn nach: Wenn ein Ei an einer Wand zerbricht, stehe ich auf der Seite des Eis, egal, wie richtig oder falsch das Ei und wie richtig oder falsch die Wand ist.

Geächtete Viertel

In einer Oktobernacht zuzeiten von Eduard III. (1312 – 1377), dessen Herrschaft, so Edgar Allan Poe, eine galante Angelegenheit war, trieben zwei Matrosen auf Landgang in einem Wirtshaus im Sprengel von St Andrew-by-the-Wardrobe (ein besonders sprechender Name) auf. Die Säuferampel zeigte einen „Lustigen Seebären“ an, aber das Kneipenregime war dezidiert prosaisch.

Der Schankraum verfügte über den Komfort und die Anmutungen einer Köhlerstube im Londoner Hinterland. Vermutlich zog die Rußpatina nicht wenige Obdachlose an; es gab vor Ort keinen Grund, sich seiner Dürftigkeit zu schämen.

Edgar Allan Poe, „Neue unheimliche Geschichten“, herausgegeben von Charles Baudelaire, aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Nohl, dtv, 392 Seiten, 30,-Die Auswahl basiert auf den 1857 von Charles Baudelaire edierten Nouvelles Histoires extraordinaires. Liat Himmelheber übersetzte die Texte von Baudelaire.

Es haftet ein Erbarmen an den schartigen Gesellschaftsenden, das einer gewissen Großartigkeit nicht entbehrt. Poes Kolorierung der explizit allegorischen Geschichte „König Pest“ wirft mich weit in meiner Vergangenheit. Während ich mit einem Auge den Betrieb in der Londoner Kaschemme verfolge, taucht das andere in eine Szene vor bald vierzig Jahren. Ich sitze im „Kühlen Grund“ nahe der Frankfurter Großmarkthalle. Der Kneipenname erinnert an den ursprünglichen Riedcharakter der Gegend. Da war viel trockengelegt worden. Goethe berichtete. Die Theken- und Servicekraft ist eine Tochter der Nachbarschaft, dazu erzogen, Säufer*innen aus allen Abteilungen so normal zu finden wie ein Konfirmand das sonntägliche Aufkommen in der Kirche. Das hat nichts zu sagen. Das ist normal.

Für Gerda ist der alte Alkoholiker am Tresenpass kein Verworfener, dem auf Erden nicht mehr zu helfen ist, sondern Onkel Hermann, der sonst immer im Windeck-Stübchen sitzt. Heute geht er fremd, weil irgendein familiärer Knatsch ihm Protest abnötigt. Gerda verwöhnt den Oheim, so wie er es gewöhnt ist. Hermann kann nicht mehr geradeaus trinken. Schwerste Zumutungen haben aus seinem Magen eine Mimose gemacht. Also rührt Gerda den Mariacron in Kondensmilch; für Hermann eine fürsorgliche Selbstverständlichkeit. Er hat sie alle gekannt, die Mütter und Väter der Gerda und ihrer Schwestern und, ja, auch deren Mütter und Väter. Und mit allen ist Hermann stets blendend ausgekommen, von Ursachen abgesehen, die im Streit mündeten und langjährige Überwerfungen nach sich zogen.

Das hat sich alles erledigt im Augenblick des Nachmittags. Hermann arrondiert seine Position als wichtigste Person vor Ort. Er trinkt die Milch mit Schuss als „Seemannsmischung“. Das passt als Überleitung. Ich zappe in die frühe Neuzeit, die Matrosen sind vom Schoner „Free & Easy“. Ihr Frachter pendelt zwischen Sluis und der Themse. Die Seeschlacht von Sluis am 24. Juni 1340 ist das erste Großtreffen des Hundertjährigen Krieges. Die aus französischen Geschlechtern stammenden englischen Könige randalieren wider die Verwandtschaft.

Die Matrosen bekommen Namen im Zuge karikierender Beschreibungen. So sieht kein Mensch aus wie Legs „und sein Kamerad Hugh Tarpaulin“ ausgeschildert werden von ihrem mythomane Schöpfer, der in jeder Schrunde ein Zeichen erkennt und dem Leser eine Heraldik des Elends nahelegt. 

An allen Ecken von London herrscht der Pest zuliebe Schrecken und Aberglauben. Eduard hat Distrikte unter Quarantäne gestellt und Viertel geächtet. 

„Es (ist) bei Todesstrafe verboten, in ihre trostlose Einsamkeit vorzudringen.“