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13.07.2020, Jamal Tuschick

Mühelos erarbeitet

Der Screenshot entstand mit freundlicher Genehmigung von Großmeister Keith Kernspecht.

Während wir uns über Literatur, Malerei, Fotografie und Theater unterhalten, lassen wir die Kampfkunst ständig außer Acht. Das kann so nicht weitergehen! Ich verspreche Besserung und mache den Anfang mit der Interpretation einer Szene.   

Der Screenshot zeigt eine Situation, in der einer alles und der andere nichts hat. Wie konnte es dazu kommen?

Großmeister Prof. Dr. Keith Kernspecht hat sich, das ist meine Deutung, von der körperlichen „Überlegenheit“ des Energielieferanten* in eine dominante Position hineindrücken lassen.

*Wie es ein White Crane Meister sagte: Ich sehe keine Gegner. Ich sehe Nahrung sprich Energie.

https://web.facebook.com/watch/?v=409695699962578&external_log_id

Tatsächlich hat GKK seinen Schüler, der selbst Meister ist und über außerordentliche Fähigkeiten verfügt, dazu eingeladen, ihn (im chinesischen Clinch aka ChiSao) so zu bewegen, dass GKKs Beweger sich selbst nicht mehr effektiv bewegen kann. Er selbst sagt dazu:

Ich lasse mir nicht (mehr) von den Bewegungen meines Gegners vorschreiben, wie ich reagiere. Ich versuche nicht instinktiv, sondern vollbewusst und mit Blick auf die Funktion zu agieren (nicht: „reagieren“).

Die Kunst besteht auch darin, sich in dem Raum zu entfalten, den man dem Gegner nimmt.

Der Meister-Schüler begibt sich freiwillig seiner Mittel. Wir sehen das Resultat eines Manövers, dessen markantestes Merkmal sich, glaube ich, in einer Winkelveränderung erschöpft. Hier offenbart sich einmal wieder die Wahrheit der Binse: Alles, was du mitbringst, kann gegen dich verwendet werden.

Weil es so schön ist, serviere ich ein zweites Beispiel für diesen Mechanismus. Ab 39:41 min sieht man (exzellent ausgestellt) das Problem und die Lösung: 

Eingebetteter Medieninhalt

Was sich an der vorgeschriebenen Stelle auswirkt ist, glaube ich, die Antizipation einer Trägheit, die sich immer dann einstellt, wenn man glaubt, das Richtige sei schon getan. Kaichō** Onaga Yoshimitsu nutzt den Widerstand, der sich aus einer Technik (in diesem Fall seiner Tochter Kanchō*** Onaga Michiko) ergibt, als Energiespender. 

**Der den Vorhang öffnet/die Schleier zerreißt/die Wahrheit ans Licht bringt

***Linienoberhaupt

Auszug aus dem jüngsten Werk von GKK

„MIT CHISAO IM INFIGHT UNSCHLAGBAR!“

Beobachten wir Boxkämpfe im Ring, fällt uns auf, dass aus der sauberen Boxerei schnell ein gegenseitiges Einklemmen und Verhaken der Arme wird, sobald sich die Gegner zu nahe kommen. Der Ringrichter muss sie dann verwarnen und trennen, damit sie wieder das tun, was die Zuschauer erwarten: Boxen! Und hätte man den Kontrahenten die Hände nicht mit Boxhandschuhen zu Fäusten gebunden, würden sie auch die Handgelenke des Gegners greifen wollen, um ihn am Schlagen zu hindern. Diese vom Zuschauer eher ungeliebte Phase des Boxens nennt man Clinchen. Sie liegt in der Grauzone zwischen Boxen und Ringen. Erlaubten es die Regeln, würden Kämpfer hier Ellenbogenschläge, Knietritte und auch Kopfstöße einsetzen, bevor der Kampf zu einer Art Ringen im Stand wird. Von der Menschheitsgeschichte der Kampfkünste her ist die wirklich unnatürliche Phase dabei das Boxen mit Fäusten, das sich z.B. in Europa erst als Ausfluss des Fechtens entwickelte und in Japan unbekannt war, bevor man dort den ersten amerikanischen Boxkampf im Kino sehen konnte. Das Clinchen ist also vom totalen Kampf die mittlere Phase, wo man sich so nahe gekommen ist, dass man ungern tritt und schlägt, aber noch nicht dicht genug, um leicht ins Ringen im Stand überzuwechseln. In dieser mittleren Distanz können Spezialisten allerdings durchaus noch Tritte und Schläge und schon Armhebel, Würger und Würfe realisieren. Insofern beinhaltet für mich die Clinch- Distanz alle Möglichkeiten des Kampfes in komprimierter Form. Einige asiatische Stile haben deshalb spezielle Methoden des Clinchens entwickelt, die wir hier ChiSao (Klebende Hände)* nennen wollen.

Perlen - Eine Auswahl im O-Ton des Großmeisters Keith Kernspecht:

Komme ich zu den Oberarmen, dann komme ich auch zum Hals.

Der erste Kontaktpunkt entscheidet. Habe ich Kontakt, kann ich auch gewinnen.

Ich weiß, wo ich drücken muss.

Einfach reinfließen lassen.

Ich strebe Mühelosigkeit an, ohne stärker oder schneller zu sein (sein zu müssen).

Push or pull - Stemmt sich jemand mit seinem überlegenen Körpergewicht mir entgegen, dann ziehe ich ihn. (Ungefähr: Es geht darum, beim Drücken nicht gezogen zu werden.)

Das Problem ist gelöst, wenn ich treffen kann, ohne getroffen zu werden.

Was Du richtig erkannt hast, lass ich mir nicht (mehr) von den Bewegungen meines Gegners vorschreiben, wie ich reagiere. Ich versuche nicht instinktiv, sondern vollbewusst und mit Blick auf die Funktion zu agieren (nicht: „reagieren“).

Wer von Chi reden muss, um zu erklären, was er erfolgreich macht, hat nicht verstanden, was er so gekonnt tut.

Die sogenannten ‚Wing-Tsun-Bewegungen‘ werden voll-bewusst gelernt und dann zu Quasi-Reflexen eingedrillt, bis sie uns als Automatismen wie von selbst im Notfall zu Hilfe kommen. Wir werden vom Muskel- und Tastsinn geführt. Mehr geht nicht!