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16.07.2020, Jamal Tuschick

Japanischer Expansionsdrang

Velascos Ziel ist eine Christianisierung Japans auf Teufel komm raus.

Isolation war Jahrhunderte der japanische Zustand. Die Aristokratie war sich selbst genug; durchdrungen von der Überzeugung, dichter am shintoistischen Olymp zu siedeln als die übrige Menschheit. Eine alle Stände einschließende Gesellschaftsidee kam erst nach der erzwungenen Öffnung des Landes im 19. Jahrhundert auf. Der Homogenisierung folgte die Einführung einer bürgerlichen Verfassung nach dem Vorbild des Code civil. Andere Monarchen bremsten den Fortschritt, Mutsuhito, der 1867 vierzehnjährig den Thron bestieg, seine Residenz von der ewigen Kaiserstadt Kyōto nach Edo verlegte und im Zuge der Meiji-Restauration einer westlich orientierten Oberschicht Raum gab, beschleunigte den Fortschritt, um Fremdherrschaft zu vermeiden. Zum ersten Mal in der Landesgeschichte war unter seinem Vater eine Invasion nicht vollständig abgewiesen worden.

Shusaku Endo, „Samurai“, Roman, auf Deutsch von Jürgen Berndt, Septime Verlag, 432 Seiten, 24,-

China in Agonie vor Augen, suchten westliche Potentaten ihren Vorteil mit der Vorstellung, Japan ließe sich so einfach erniedrigen wie andere asiatische Staaten.

In Rekordzeit fand ein mittelalterlicher Militärstaat den Weg in die globale Zukunft. Das Tempo war Staatsräson. Die Industrialisierung brachte die Mittel für eine Aufrüstung. Die Kriegsräte frohlockten: Wenn das nächste Mal ein amerikanisches Kanonenboot vorbeischwimmt, schießen wir es mit Gaijin-Knowhow zu Klump.

Um 1900 war Japan eine im Gegenwartsanzug versteckte Feudalgesellschaft mit moderner Armee. Das Kastendenken verschmolz mit dem Nationalismus in den Kasernen. 1945 wurde die kaiserliche Marine versenkt und der pazifische Pazifismus verordnet. Artikel 9 der japanischen Verfassung verbietet den Unterhalt einer Armee. An ihrer Stelle halten die Selbstverteidigungsstreitkräfte seit den Fünfzigerjahren den Traum von einem militärischen Wiedererwachen am Leben.

Wirtschaft ist Krieg und Kyokushin Karate die Schrumpfform einer Kriegskunst. We are warriors on the budo path. Schon Ende der Sechzigerjahre verdrängte Japan die Bundesrepublik von Platz drei der wirtschaftlich stärksten Nationen. Nur hundert Jahre zuvor hatten Samurai mit dem Schwert nicht anders als im Mittelalter für ein Land ohne Dampfmaschinen gefochten. Es gab kein hochseetaugliches Schiff, keine Eisenbahn und keine Universität in Japan.

Die Hauptinsel ist kleiner als Frankreich und nur ein Drittel der Fläche bietet sich einer Nutzung an. Vierundfünfzig Vulkane bedrohen die Bevölkerung. Siebentausend Erdbeben werden im Jahr registriert. Bodenschätze sind rar.

Hochmütig noch auf dem Schafott

Ausgangspunkt unserer Überlegungen sind die Kräfte der Separation. Im frühen 16. Jahrhundert, der Ausschluss bahnt sich bereits an, konkurriert der Wunsch, die Schotten zu schließen, mit dem Begehren von transkontinentalen Geschäftsbeziehungen zu profitieren.

„Schon seit mehreren Jahren hegte der Altverweser den brennenden Wunsch nach direkten Handelsbeziehungen zu Nueva España.“

Ein spanischer Missionar heizt die Gier an. Als Stachel im Fleisch der dominanten Jesuiten treibt der Franziskaner Velasco ein bigottes Spiel.

„Sein Vater war ein einflussreiches Mitglied des Stadtrates von Sevilla gewesen, in seiner Familie hatte es einen Gouverneur von Panama und auch einen Großinquisitor gegeben. Sein Großvater hatte an der Eroberung Westindiens teilgenommen.“

Velascos Ziel ist eine Christianisierung Japans auf Teufel komm raus. Das weltliche Begehren des (als Reichseiniger mächtiger als der Kaiser dastehende) Shōguns Tokugawa ist die Brücke, über die er ins Herzland und an den Seerosenteich der japanischen Seele vordringen will, um da alles mit seinem elenden Ehrgeiz zu schwefeln. 

Bauernbushi

Niemand war je glücklicher als es ein Bushi (Samurai) sein konnte. Er fürchtete und erwartete nichts. Sein Gleichmut war ein Kunstwerk. Sein Handwerk trieb er auf die Spitze wenigstens einer Kunst. Idealerweise folgte er zwei Wegen: dem Schwertweg und dem Schreibweg. Alles Weitere zählte zu den lästigen Pflichten.

Eingebetteter Medieninhalt

In der europäischen Wahrnehmung war Japan von der ersten Spekulation an mythisch. Es kursierte die Vorstellung von einem Goldland im Osten, lange bevor die Gier in Amerika zum Motor eines Genozids wurde. Man phantasierte die isolierte Insel zusammen mit einer Terra australis nondum cognita, die bis zu ihrer „Entdeckung“ als Gerücht existierte.

Japans Neigung zur hochmütigen Abschottung begegnet man früh.  

Freiwillige Isolation ist eine japanische Spezialität. Der Abschluss vollzog sich in einer Serie außenpolitischer Arschtritte. Seit den 1580er Jahren schränkte das Tokugawa-Shōgunat die Verkehrsfreiheit der als Südbarbaren geschmähten Portugiesen und Spanier ein. 1635 verloren alle Japaner ihre Reisefreiheit. Von 1639 bis 1853 blieb man unter sich und behielt die mittelalterlichen Standards bei.

1633 dichtete Tokugawa Iemitsu, dritter Shōgun seiner Dynastie, Japan ab. Das Shōgunat beschränkte den Kontakt zu Europäern auf Vertreter der „Verenigden Oostindischen Compagnie”, die als Expatriierte auf einer stinkenden, aus dem Meerbusen vor Nagasaki ragenden, mühsamer Landgewinnung abgetrotzten Erhebung namens Dejima konzentriert wurden. So kläglich und unhygienisch da alles war, es bot sich doch einer Monopolstellung, die erst von amerikanischer Kanonenbootpolitik 1853 gebrochen wurde, zur Nachsicht an. Dass die kleinen Niederlande Portugal ausstachen, verdankte sich vielen verdeckten Bemühungen und hatte jedenfalls auch diesen Grund: die Holländer missionierten nicht; anders als die katholischen Imperialisten, die Japan „entdeckt” hatten und ihr Programm nach Schema F betrieben. – Und auch wieder nicht. Die besonderen kulturellen Formate Japans wurde von allen Reisenden geschildert. Im Gegenzug studierten Japaner europäische Vorsprünge (nach der Abschottung im Rahmen der Hollandkunde-Rangaku).

Tokugawa Iemitsu betrieb unter seinen Leuten Christenverfolgung im römischen Stil. Von Kreuzigungsfestivals berichtet François Caron. Der Sohn hugenottischer Flüchtlinge kam zuerst als Küchenhelfer auf einem holländischen Schiff nach Japan. Er bildete sich zum Dolmetscher aus und fand in dieser Rolle Gelegenheit, dem Fürsten nahezukommen. 1639 wurde Caron Chef der Niederlassung. Später orientierte er sich nach Batavia. Er kämpfte gegen die Portugiesen auf Ceylon (Sri Lanka). Als Gouverneur auf der Insel Formosa erreichte Caron einen Karrierehöhepunkt. Schließlich entkleidete er sich seiner niederländischen Würden und trat in französische Dienste. In Frankreich nimmt man ihn als Franzosen und so auch als den ersten Franzosen, der in Japan zum Schriftsteller wurde.

Ich schweife ab, weil Endos Held Hasekura Rokuemon nur zwanzig Jahre vor dem Startschuss für das Martyrium japanischer Christen genötigt wurde zu konvertieren. Hasekura überwand den Trotz, der ihm die shintoistische Ahnenverehrung vorschrieb. Er ignorierte die Todesbereitschaft aus den buddhistischen Lektionen. Er gehorchte.  

*

Endo spricht seinen Helden mit dessen Kastennamen an, obwohl der Samurai im Alltag längst auf der Stufe einer bäurischen Existenz angekommen ist. Das beschreibt der Autor als Folge einer Machtkonzentration. Das Tokugawa-Shōgunat greift in den nördlichen Provinzen so mächtig durch, dass kein kleiner Herr mehr auf eigene Rechnung und zur Erweiterung seines Portfolios Feldzüge unternehmen kann. Das Regime lähmt die auf Expansion gerichtete, sich im Kreis drehende Bürgerkriegswirtschaft. Die Bushi sinken de facto unter ihren Stand, auch wenn sie weiter als Lehnsherren Befehlsgewalt über Bauern haben, die kaum die Abgabenlast tragen können. Ein Ritter sah in einem Bauern so wenig seinesgleichen wie in einem Hund. Eine Nationalisierung der Gesellschaft auf allen Ebenen fand erst nach der erzwungenen Öffnung des Landes im 19. Jahrhundert statt.  

Endos Samurai hängt bäurisch durch.

Aus der Ankündigung: Hasekura Rokuemon, Landadeliger und Samurai, führt ein zufriedenes Leben mit seiner Familie in eigenem Hof und Heim. Doch er gehorcht, als man ihn als Abgesandten in die Länder der sogenannten Südbarbaren schickt. Zusammen mit einer Gruppe von Kaufleuten und dem spanischen Franziskaner Velasco, dessen einziges Ziel es ist, Bischof in Japan zu werden, bricht er im Jahre 1613 zu einer gefährlichen Reise auf, die ihn nach Mexiko, Spanien und Italien führt. Der Auftrag lautet: Anknüpfung von Handelsbeziehungen zwischen Japan und Nueva España.

Gegen seine innerste Überzeugung lässt Hasekura Rokuemon die Taufe über sich ergehen, um die Mission nicht zu gefährden. Dass dies Pater Velasco mehr dienen soll als ihm selbst, merkt er zu diesem Zeitpunkt nicht. Die Einblicke des Samurai in die fremde Welt des Abendlandes werden bei seiner Rückkehr zum Fluch. Während der jahrelangen Abwesenheit der Gesandtschaft haben sich die Verhältnisse in Japan geändert: Die Christen sind mittlerweile schärfsten Verfolgungen ausgesetzt, und an Handelsbeziehungen mit dem Westen besteht kein Interesse mehr.

Aus der Ankündigung: Hasekura Rokuemon, Landadeliger und Samurai, führt ein zufriedenes Leben mit seiner Familie in eigenem Hof und Heim. Doch er gehorcht, als man ihn als Abgesandten in die Länder der sogenannten Südbarbaren schickt. Zusammen mit einer Gruppe von Kaufleuten und dem spanischen Franziskaner Velasco, dessen einziges Ziel es ist, Bischof in Japan zu werden, bricht er im Jahre 1613 zu einer gefährlichen Reise auf, die ihn nach Mexiko, Spanien und Italien führt. Der Auftrag lautet: Anknüpfung von Handelsbeziehungen zwischen Japan und Nueva España. Gegen seine innerste Überzeugung lässt Hasekura Rokuemon die Taufe über sich ergehen, um die Mission nicht zu gefährden. Dass dies Pater Velasco mehr dienen soll als ihm selbst, merkt er zu diesem Zeitpunkt nicht. Die Einblicke des Samurai in die fremde Welt des Abendlandes werden bei seiner Rückkehr zum Fluch. Während der jahrelangen Abwesenheit der Gesandtschaft haben sich die Verhältnisse in Japan geändert: Die Christen sind mittlerweile schärfsten Verfolgungen ausgesetzt, und an Handelsbeziehungen mit dem Westen besteht kein Interesse mehr.